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„Sind auf dem richtigen Weg“

Europaweit steigen derzeit die Infektionszahlen. Der Biostatistiker Markus Falk erklärt, warum das kein Grund zur Beunruhigung für Südtirol ist.

Tageszeitung: Herr Falk, in ganz Europa beobachtet man, dass die Zahlen auch in Ländern mit hohen Impfquoten steigen. Kommt diese Entwicklung auch auf Südtirol zu?

Markus Falk: Derzeit steigen die Fallzahlen mit Ausnahme von Finnland hauptsächlich im Norden und dies trotz hoher Impfraten. Katastrophal sieht es aber in jenen europäischen Ländern aus, in denen die Impfquote nicht ausreicht, um das Infektionsgeschehen zahnlos zu machen. Rumänien und Bulgarien haben bereits Probleme wie auch das ganze Baltikum. Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn werden wohl folgen. Auch Deutschland und Österreich kämpfen derzeit mit starken Anstiegen. So wie es aussieht, kommt das Infektionsgeschehen über die Kinder und Jugendlichen daher, die ja größtenteils noch nicht immun sind und schwappt dann auf die anderen Altersgruppen über. Je mehr dort nicht immun sind, desto problematischer wird die Lage. Auch Südtirol wird sich dieser Problematik stellen müssen.

Heißt das, es wird überall zu strengeren Maßnahmen kommen?

Nein, wir haben in unseren Köpfen noch das Lockdown-Programm. Dies besagt, wenn es gefährlich wird, dann müssen wir sofort die Schotten dicht machen. Mit den Impfungen sind wir nun aber vor großen Wellen sicher und der Green Pass fungiert als Wellenbrecher, der sie gar nicht groß werden lässt. Wie sich nun zeigt, kann man aber selbst bei hohen Impfraten nicht einfach alle Maßnahmen fallen lassen und vor Allem die Maske wird uns noch eine ganze Weile lang begleiten. Bald wird man wohl wieder in bestimmten Bereichen auf FFP2 umschalten müssen. Es gilt also Kompromisse zu finden, die Nachteile kompensieren und das Risiko nur leicht erhöhen. So wird die Maske im Handel weiterhin nötig sein, bei Schulen sollte man aber auch an Alternativen denken. Selbst wenn Bayern nach dem Wegfall der Sitzplatzmaske nun einen rapiden Anstieg der Fälle erlebt, kann der Wegfall der Sitzplatzmaske dennoch möglich sein. Es gilt aus der Klasse einen sicheren Familienverbund zu machen, der bei Fremdkontakten entsprechend vorsichtig ist und ohne Maske nicht kopflos herumläuft.

Sollten diese Maßnahmen den gesamten Winter beibehalten werden?

Gänzlich ohne Maßnahmen kommen wir nicht durch den Winter und eine wichtige davon, ist der Green Pass. Es stimmt, dass hierdurch eine Minderheit vor vollendete Tatsachen gestellt wird und dass es eine harte Maßnahme ist. Wir haben aber eine Pandemie und diese ist kein Wunschkonzert, sodass auch harte Maßnahmen nötig sein können. Wir müssen uns zudem auf eine steigende Anzahl infizierter Geimpfter einstellen. Diese haben über die Impfung eine Risikoverjüngungskur erhalten, sodass beispielsweise das Risiko eines 80-Jährigen nun jenes einer 40-Jähringen ist, sodass auf 1.000 infizierte Geimpfte über alle Altersklassen gemittelt nur mehr einer auf Intensiv muss. Bei Genesen, die zusätzlich geimpft sind, ist es gar nur einer auf 10.000. Sollte es somit viele infizierte Geimpfte geben, werden diese die Krankenhauslast nur merklich erhöhen. Dennoch wird man darüber nachdenken müssen, ob auch Testungen für Geimpfte ins Auge zu fassen sind, beispielsweise in Risikobereichen, denn nachher könnte es zu spät sein. Wir sollten jedenfalls die Zeit nutzen uns auf den Winter vorzubereiten. So kann man sich bereits jetzt beispielsweise Gedanken darüber machen, wie man Weihnachten feiern möchte, sodass es für alle nicht nur froh, sondern auch sicher ist.

Was heißt in diesem Zusammenhang zu spät? Könnte es nun doch zu einem Lockdown kommen?

Nein, auf keinen Fall. Wir haben derzeit sechs bis sieben Intensivpatienten, die Prognose sagt aber, dass diese Zahl bald wieder auf zehn steigen könnte. Das stellt immer noch eine große Belastung dar. Ich kann mir vorstellen, dass das Personal enorm beansprucht wird und es irgendwann nicht mehr mitmacht. Wenn man aber darauf wartet, ist es zu spät. Vor einem Lockdown brauchen wir keine Angst haben, es gibt aber genügend andere Dinge, die schief gehen könnten. Um das zu verhindern, braucht es eben ein Regelwerk. So könnte es beispielsweise nötig sein, ab fünf auf Intensiv in bestimmten Bereichen auf 2G umzustellen, das heißt, dass dort nur mehr Genesene und Geimpfte zirkulieren dürfen, um die Last für Intensiv unter 10 zu halten.

Die steigenden Zahlen sind also kein Grund zur Beunruhigung?
Nein, Südtirol befindet sich mit den aktuellen Maßnahmen auf jeden Fall auf dem richtigen Weg. Der Gesundheitsdienst, sowie die Pflege- und Ärzteschaft leisten sehr gute Arbeit, die Bevölkerung trägt geduldig die Maßnahmen und auch die Politik streitet derzeit nicht nur. Selbst die Abstimmung über Maßnahmen mit Rom scheint nun zunehmend besser zu werden. Jetzt gilt es noch dort zu optimieren, wo der Schuh drückt. Das Testen am Vormittag für die Schule und am Nachmittag noch einmal für den Sport ist eine dieser drückenden Stellen. Für die Maßnahmenoptimierung gilt jedenfalls, dass es nicht gut kommt, wenn man zuerst lockert, um danach wieder zu verschärfen, sodass man vorher miteinander darüber sprechen sollte.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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