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„Ich sehe schwarz“

Ivano Simioni

Der Ärztegewerkschafter und Psychiater Ivano Simioni befürchtet, dass die Schäden, die jetzt entstehen, weil man (mit Green-Pass-Pflicht und Suspendierungen) eine neue Corona-Welle verhindern will, am Ende größer sind als die eventuellen Folgeschäden der Pandemie.

TAGESZEITUNG Online: Herr Simioni, Stichwort Suspendierungen und Green-Pass-Pflicht am Arbeitsplatz, wie sieht es in Südtirols Spitälern wirklich aus?

Ivano Simioni: Ich bin neben meiner gewerkschaftlichen Tätigkeit auch Arzt in der Psychiatrie-Abteilung. Vor allem in der Peripherie – aber nicht nur dort – erleben wir, dass durch die vielen Suspendierungen im Krankenhaus-Bereich und in den Altersheimen der Druck wächst. Es können Betten nicht belegt werden, weil keine Planungssicherheit herrscht, der Druck auf die Familien wächst. Zum Beispiel demente Menschen brauchen eine sehr intensive Betreuung, die auch für die Familien sehr belastend ist. Die Aggressivität wächst, weil eine professionelle Unterbringung dieser Patienten in vielen Fälle nicht möglich ist. Dazu kommt noch das Problem mit dem Green Pass bei den Badantinnen. Viele Badantinnen haben den Green Pass nicht …

Die Situation ist als sehr prekär?

Ja. In der Psychiatrie nehmen die Aufnahmen zu, aber wir sind eine medizinische Einrichtung und keine Betreuungseinrichtung. Dann erlebe ich, dass chirurgische Eingriffe kurzfristig abgesagt werden. Ich kenne den Fall einer Frau, bei der wurde eine Prothesen-OP am Tag davor abgesagt, weil die OP-Kapazität zwar vorhanden gewesen wäre, aber die Nachbetreuung auf der Abteilung wäre aufgrund der Suspendierungen nicht möglich gewesen.

Was tun?

Die Frage ist, ob die Schäden, die jetzt entstehen, weil man eine neue Corona-Welle verhindern will, am Ende nicht größer sind als die Folgeschäden der Pandemie. Ich schicke voraus, dass ich ein Impfbefürworter bin und froh wäre, wenn sich alle Personen impfen ließen. Es heißt zwar immer, die medizinischen Dringlichkeiten würden gemacht, Tatsache aber ist, dass viele geplante Sachen nicht mehr gemacht werden können. Die Betreuung der Menschen wird immer mehr in Frage gestellt. Und wir haben bereits im Verlauf dieser Pandemie gesehen, dass Menschen mit chronischen oder auch mit akuten Krankheiten nicht die Betreuung gesucht haben, was sich in vielen Fällen fatal ausgewirkt.

Sie zeichnen das Bild einer irgendwie paradoxen Situation …

Die Situation ist paradox! Derzeit sind die Corona-Zahlen relativ gut und der Druck auf die Krankenhäuser gering. Dennoch haben wir jetzt dieselben Probleme wie während der Hochphase der Pandemie, weil uns jetzt zunehmend das Personal fehlt. Wie gesagt: Mein Wunsch wäre, dass sich alle impfen lassen, aber leider gibt es Leute, die für das Impfen nicht zugänglich sind.

Welche Lösung gibt es?

Wenn es noch enger wird, könnte man daran denken, dass in bestimmten Bereichen der Zivilschutz oder das Heer aushelfen. Wichtig wäre – und das würden wir uns sehr wünschen –, dass die Verantwortlichen die Situation endlich wahrnehmen und die Sachen nicht schönreden. Wir sehen nämlich, dass die Leute, die im Krankenhaussystem verblieben sind, ausgelaugt sind. Immer mehr Bedienstete befinden sich im Krankenstand, weil der Druck auf die im System Verbliebenen natürlich wächst. Wichtig wäre, dass es nicht nur gelingt, die Notfälle zu bewältigen, sondern dass auch die Versorgung passt. Wenn es jetzt aber ein dreiviertel Jahr so weitergeht, dann sehe ich schwarz.

Auch Sie haben keine Lösung?

Es ist schwierig. Sicher könnte man versuchen, Leute aus dem Ausland zu holen, so wie das in Deutschland gemacht wird.

Das heißt im Umkehrschluss: Jetzt zahlen jene Bediensteten im Sanitätsbereich, die sich haben impfen lassen, drauf, weil sie auch die Arbeit der Suspendierten machen müssen?

Ja, indirekt sind es die Bediensteten, die sich haben impfen lassen, um konkret etwas für die Bewältigung der Pandemie zu tun, die jetzt draufzahlen. Dabei ist unbestritten, dass die Impfung wirkt. Schauen Sie nach Russland, wo nicht viel geimpft worden ist – dort steigen die Infektionszahlen und die Todesfälle rapide an. Die Wirksamkeit der Impfung steht außer Zweifel. Die Impfung wurde milliardenfach verabreicht. Man weiß jetzt über die Vorteile und über die Risiken Bescheid. Die leidige Diskussion über die Wirksamkeit der Impfung sollte endlich aufhören, jene, die das in Frage stellen, sind einem Wahn erlegen, den wird man nicht korrigieren können.

Was sagen Sie zur italienischen Green-Pass-Pflicht am Arbeitsplatz?

Es gibt Realitäten wie Dänemark, wo es einen Impfschutz von 80 Prozent gibt und die Maßnahmen gelockert werden konnten. In Italien ist man einen anderen Weg gegangen, dort hat man die Maßnahmen verschärft, um Impfunwillige zu überzeugen. Aber viel Druck erzeugt Gegendruck. Und man hat gesehen, dass es Leute gibt, sich lieber suspendieren lassen, um nicht ihr Gesicht zu verlieren. Die Folge ist, dass die im Spital Verbliebenen das Mehr an Arbeit auffangen müssen. Ich nenne Ihnen ein konkretes Beispiel: In einem Altersheim wurden 16 Leute suspendiert, so dass die Dementen-Abteilung geschlossen werden musste. Die Demenz-Patienten werden jetzt in einem Bereich betreut, der für sie nicht adäquat ist. Als Psychiater sehe ich auch, dass der Konsum von Beruhigungsmitteln zunimmt.

Es kommen also harte Wochen auf die Bediensteten im Sanitätsbereich zu?

Ja, bestimmt. Für die im Betrieb Verbliebenen ist die Situation nicht einfach. Zwar sind nicht alle Bereiche in den Krankenhäusern gleich betroffen, aber die MitarbeiterInnen, die jetzt noch arbeiten, sind einem großen Druck ausgesetzt, weil die Arbeit ja gleich weitergeht und die Bürokratie nicht weniger wird. Und ganz nebenbei: Der Druck war ja schon vor der Pandemie da, weil sowohl ärztliches als auch nichtärztliches Personal gefehlt hat. Durch die Suspendierungen wurde eine prekäre Situation noch weiter verschärft. Mit anderen Worten: Noch weniger Leute als vor der Pandemie müssen jetzt noch mehr arbeiten.

Interview: Artur Oberhofer

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (14)

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  • owl

    „Die Frage ist, ob die Schäden, die jetzt entstehen, weil man eine neue Corona-Welle verhindern will, am Ende nicht größer sind als die Folgeschäden der Pandemie.“

    „Die Betreuung der Menschen wird immer mehr in Frage gestellt.“

    „… dass die Verantwortlichen die Situation endlich wahrnehmen und die Sachen nicht schönreden.“

    Der Mann hat vollkommen Recht. Mit allem anderen (einschließlich seinem Wunsch zur Impfung) auch.

  • tirolersepp

    Herr Simioni hat in allen Aussagen Recht !! Es sind wirklich schwierige Zeiten !!!

  • robby

    ach wirklich so schlimm ist die Belastung des Sanitätspersonals?
    Dann geht doch bitte in das Bozner Spital, setzt euch irgendwo in einer Abteilung (wie ich z. B. in der innere Medizin) im Gang hin und beobachtet das Kommen und Gehen der Ärzte, Krankenschwestern und Pflegern.
    Und dann macht euch eure eigene Meinung. So einen lockeren Arbeitsablauf samt Lachen, Scherzen und Flanierens über die Gänge hätten Mitarbeiter in der Privatwirtschaft auch gerne.

    • besserwisser

      da hat der @robby glatt mal recht. den medial verbreiteten stress kann man in den gängen des kh bozens wirklich nicht sehen. es wird schon auch sanitätspersonal geben das stress hat und viele stunden macht (hoffentlich gut und anständig bezahlt!), aber in den normalen abteilungen …
      man fühlt sich wohl eher glücklich wenn man privat versichert ist…

      • 2xnachgedacht

        @robby &besserwisser
        dann bitte meldung an die zuständigen obrigkeiten…. nichtsnutzes personal sofort entlassen! und noch was… antrag auf aufnahmestopp nach der pandemie , ( sollte sie jemals enden) denn wenn das personal jetzt schon nix zu tun hat…… dann waren vor der pandemie hunderte einfach nur zum gehalt beziehen beschäftigt…einfach ein skandal!!! das alles unterschreiben mit robbys u besserwissers vollständigen daten. derr herr speranza, und zerzer mit anhang wirds euch danken… und die mit sehnsucht auf behandlung wartende n patienten sowieso! sarkasmus off.

        • robby

          @ …nachgedacht, habe ich. Inklusive Videoaufnahme eines sehr beleibten italienischsprachigen Arztes der währen der 30 Minuten meines Wartens 35 mal an mir vorbeiflaniert ist und der auf dem Korridor andauernd den jungen Krankenschwestern die weißen Kittel aufknüpfte.

  • andimaxi

    Die haben einen sicheren Job, Ärzte kriegen gut bezahlt, das Pflegepersonal könnte etwas mehr erhalten.
    Stressig haben es andere Angestellte auch, und besonders selbstsändige Unternehmer.
    Also das Gejammere der medizinischen Angestellten ist Jammern auf hohem Niveau.
    Wer dort den Job verliert, tut es bewusst und im Wissen aller Konsequenzen.
    In der Privatwirtschaft haben viele Menschen den Job verloren, ohne dass sie es so wollten.
    Also hört mit dem Gejammere auf.

  • nochasupergscheiter

    Komischerweise kenne ich viele in sanität und altersheimen, aber auch im handwerk die immer und trotz Pandemie richtig gebugglt haben…
    Eigentlich gar nicht qualifiziert für intensiv usw, weil das können ja nur jahrelang ausgebildete, aber für gewisse Arbeiten waren sie gut…
    Komischerweise sind oder waren das genau jetzt ungeimpfte die am anfang gut waren ohne grosse angst an der Front.. Jetzt zuhause… Und die die sich schon vorher eher gedrückt haben schreien jetzt nach impfung für die buggler… Statt selbst mal geimpft anzupacken…

  • nochasupergscheiter

    Und unser hochbezahlter Chef vom arbeitsinspektorat den sogar rom um Rat fragt… , der verkündet im Radio ohne Erst dass sie sogar den Bauern auf dem Feld und im Stall strafen müssen hier in südtirol…
    Jo losstse olla vohungon de viecho… Na sein mir trottl mir südtirola echt… Die beomtn kearn olla entlossn

  • franz19

    Ärzte suspendieren ist der größte Schwachsinn,aber Im Ausland nehmen Sie Sie alle mit Handkuss und mehr Gehalt.
    Ich frag mich nur was Politiker denken wenn Sie solche Gesetze machen…naja man muss nur Im Landtag schauen welche Menschen da sitzen,Bauern die meinen die Welt zu verstehen…

  • rudlmcnudl

    Anscheinend gibt es bei den Medien eine Art Autokorrektur…in Italien ist man einen anderen Weg gegangen, dort hat man die Maßnahmen verschärft, um Impfunwillige zu ÜBERZEUGEN…
    Aber diese Korrektur ist total sinnentfremdend, wenn man Maßnahmen verschärt nötigt oder zwingt man Menschen, überzeugen würde wohl eher das Gegenteil bedeuten im Sinne von Einsicht wachsen lassen… (Was sich im Bezug auf diese Impfstoffe nicht leicht gestalten würde)
    Auch ich habe mich nun vor einigen Tagen Impfen lassen, nicht aufgrund von Überzeugung, aber aus totaler Ausweglosigkeit und Resignation.
    Und um das ganze noch erniedriender zu gestalten musste ich vor der Impfung noch eine „Einverständniserklärung“ unterzeichnen.
    Das wird so einige Impffanatiker schadens freuen.

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