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„Wir haben ein Frauenproblem“

Giuseppe Conte mit Julia Unterberger (Foto: Karlheinz Sollbauer)

Wie sich SVP-Senatorin Julia Unterberger das schlechte Ergebnis der Frauen bei den Gemeinderatswahlen erklärt. Und warum feministische Politik in Südtirol so verpönt ist.

Tageszeitung: Frau Unterberger, in der letzten Amtsperiode war die SVP im Meraner Gemeinderat ohne eine einzige Frau vertreten, was für großes Unverständnis sorgte. Bei dieser Wahl hat Ihre Tochter Katharina Zeller als SVP-Stadtobfrau die Liste verweiblicht und verjüngt. Trotzdem sind bei den Vorzugsstimmen drei Herrn Bauern und drei Herrn Arbeitnehmern, aber keine einzige Frau gewählt worden. Wie erklären Sie sich das wiederholte schlechte Abschneiden der Frauen auf der SVP-Liste?

Julia Unterberger: In Meran hat sich die Situation insofern verbessert, als ein ganzer Block kompetenter Frauen ins Mittelfeld vorgerückt ist und bei einer Kandidatinnen-Quote von 40 Prozent insgesamt ein Drittel der Vorzugstimmen erhalten hat. Leider haben sich die Vorzugsstimmen verzettelt. Es zeigt sich halt immer wieder, dass die Kandidaten die größten Chancen haben, die von einem Verband getragen werden. Bei diese Analyse darf man jedoch nicht vergessen, dass die SVP eine junge Frau als Spitzenkandidatin hatte, während bei den anderen großen Parteien und Wahlbündnissen die Frauen nur in der zweiten und dritten Reihe vertreten waren. Das wiegt einiges auf.

In Nals sind nur zwei von neun SVP-Räten weiblich, auch in Glurns gibt es unter den fünf Gewählten auf der SVP-Liste lediglich eine einzige Frau. Hat die Volkspartei ein Frauenproblem?

Dass die SVP ein Frauenproblem hat, ist offenkundig. Dessen sind sich inzwischen alle bewusst, und die Parteispitze versucht auch, Frauen zu fördern. Nur liegt der Grund halt auch an der sehr traditionellen Wählerschaft, die das politische Geschäft immer noch eher Männern zutraut.

Wie kann man – auch auf gesetzlicher Ebene – eingreifen, um die Unterrepräsentanz der Frauen zu beheben?

Auf der gesetzlichen Ebene gäbe es ein ganz einfaches Mittel: geschlechtergerechte Vorzugsstimmen, das heißt nur zwei oder vier paritätische Vorzugsstimmen zulassen. In den meisten italienischen Wahlgesetzen für den Gemeinderat gibt es so ähnliche  Systeme. Leider haben nicht alle eine solche Vorzugsstimmentradition wie wir. Bei uns wäre so eine Maßnahme hochwirksam und die Frauen haben sie auch immer wieder vorgeschlagen. Nur: Wo der eigene Posten auf dem Spiel steht, hört die Frauenförderung dann doch auf.

Die Freiheitliche Ulli Mair ist der Auffassung, dass das Selbstbewusstsein der Frauen unter der Quoten-Diskussion leide. Frauen würden sich aufgrund ihres Geschlechts als Opfer sehen und deshalb häufig auf eine Kandidatur für ein politisches Amt verzichten. Teilen Sie diese Meinung?

Nein, diese Meinung teile ich überhaupt nicht! Frauen waren jahrhundertelang völlig entrechtet: Bis 1917 haben sie bei einer Heirat ihre Geschäftsfähigkeit verloren, konnten sich ohne die Genehmigung des Ehemannes nicht einmal ein Brötchen kaufen, geschweige denn andere Entscheidungen treffen. Das ist erst knapp 100 Jahre her. Das Wahlrecht haben sie in Italien erst 1946 erhalten, Richterinnen werden können sie erst seit 1963, um nur einige Beispiele zu nennen. Gerade wir SüdtirolerInnen, die wir auf den Proporz bestanden haben, um unsere Benachteiligung bei öffentlichen Stellen auszugleichen, müssen doch verstehen, dass Geschlechterquoten exakt derselben Logik folgen! Dass Frauen mit Hilfe von Quoten in eine Position gekommen sind, sagt rein gar nichts über ihre Kompetenz aus. Vielfach bekommen sie erst dadurch die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu entwickeln.

In Ihrer politischen Karriere sind Sie lange als überzeugte Feministin aufgetreten. Als Sie 2008 nicht mehr in den Landtag gewählt wurden, führten einige Ihr Scheitern darauf zurück. Ist es in der heutigen Zeit schwierig, feministische Politik zu betreiben?

Ja, das ist schwierig. Ich habe am Anfang meiner politischen Karriere die Frauenfrage bedingungslos in den Vordergrund gestellt. Das war vor ca. 15 Jahren in Südtirol sehr ungewöhnlich und ich bin natürlich auf großen Widerstand der Männerriege in der SVP gestoßen. Das habe ich leicht verkraftet. Sehr getroffen hat mich aber, als die Frauen der typischen antifeministischen Propaganda aufgesessen sind und sich einreden ließen, ich sei zu radikal und wäre schuld an jedem tragischen männlichen Trennungsschicksal. Ohne dass sich an meiner  Einstellung etwas geändert hätte, habe ich beschlossen, in Zukunft andere politische Prioritäten zu setzen. Seither habe ich mit der Männerwelt kein Problem mehr (lacht).

Interview: Matthias Kofler

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (40)

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  • brutus

    Ja wir haben ein Frauenproblem!
    …sogar mehrere!
    1. Es ist fast unmöglich Frauen in
    ausreichender Zahl für eine GR
    Wahl zu finden
    2. Frauen wählen immer noch keine
    Frauen

    • tiroler

      Die hasst Männer, ebenso hasst sie Frauen mit Wertevorstellungen .Millionen hasst sie nicht. Auch nicht die geerbten.

    • gorgo

      1. Wir haben einfach wenig Zeit. Bis Zuhause alles überlegt und erledigt ist und der Mann zu einfachen Arbeiten eingeteilt ist.
      Aber wir arbeiten daran.

      2. Es ist einfach öde mit irgendeinem Sepp oder Jürgen im GR zu sitzen.

      3. Wir haben noch immer keine gute Auswahl. Warum sollte Frau eine Alibi-Frau wie Ulli Maier oder Jasmin Ladurner wählen?

      4. Wir sind eben nicht intelligenter als Männer. Und Männer eben auch sonderlich. Sonst würden ja die uns wählen.

  • andreas

    Es ist irgendwie paradox, eine Quote für eine Gruppe zu fordern, welche sogar in der Mehrheit ist, sich aber selbst nicht wählt.
    Mit welchem Recht wird das eigentlich gefordert?
    Wie parteischädigend eine Quote ist, mussten die Grünen mit der Baerböck gerade erleben, die gute Dame hat ihnen mindestens 5% Punkte, wenn nicht mehr, gekostet.
    Hört man sie reden, möchte man sie fragen, ob ihr schon bewusst ist, dass sie nicht gerade in einem Kindergarten auftritt.

    Wenn man sich dann noch die Meloni von Fratelli d´Ítalia, die Esken der SPD oder die Wellsow der Linken, diese Frau ist schlimmer als Schulden, ansieht und ev. noch diese Le Pen, wäre ich eher gegen eine Quote.

    • gorgo

      Hier geht es nicht um Recht, sondern um ein gravierendes Ungleichgewicht.
      Aus welchem Grund ist eine Gruppe allein durch ihr Geschlecht bei Vermögen, politischen und wirtschaftlichen Posten noch immer derart im Hintertreffen?
      Natürlich brauchen gewisse Entwicklungen Zeit. 100 Jahre sind ein Wimpernschlag. Verkrustete Denkstrukturen werden wie andere Verhaltensweisen unbewusst weitergetragen, vererbt.
      Eine Quote kann zB. helfen, dass weibliche Nachfolger bereits im Vorfeld stärker aufgebaut werden, weil der Mensch eher zu seinem Ebenbild tendiert.
      Ein Schimpanse einen Schimpansen fördert, ein Gorilla einen Gorilla. Schließlich will man sich in aller Ruhe weiterhin auf die Brust klopfen und rumbrüllen.
      Deine Aufzählung weiblicher Personen als Grund gegen eine Quote ist lächerlich… weil ich könnte hier ewig irgendwelche Männer aufzählen, aufgrund derer wir Männer generell von politischen Ämtern oder anderen Posten ausschließen sollte. Ihr seid in der Regel laut, aggressiv, ungebildet, eingebildet und verzockt einfach zuviel Geld an Banken und Börsen, paradoxerweise darf man/frau das aber nicht laut sagen, denn das wäre sexistisch.

      • andreas

        Dass Männer primitiv, aggressiv, selbstverliebt und recht dämlich sind, haben Kurz und Thomas Schmid doch eindrucksvoll belegt, ich wüsste nicht, warum man das nicht sagen sollte.

        Ich habe z.B. immer 2 Männer und 2 Frauen gewählt, weil ich mir dachte, warum nicht.
        Warum nimmst du an entscheiden zu müssen, dass Frauen nicht mehr 4 Männer wählen dürfen?

        • gorgo

          Warum nimmst du an, dass ich irgendwas entscheiden müsste? Seltsamer Satz.
          Und warum gehst du davon aus, daß geschlechtergerechte Vorzugsstimmen nur Frauen beträfe? Nur ihnen ihre 4 Männer verhindere? (lach)
          Ich finde die Idee nicht schlecht. Wäre dafür es zu versuchen.
          Warum auch nicht? Wenn nicht Mal du ein Problem hast 2 Frauen und 2 Männer zu wählen, ist es den restlichen Schimpansen und Schimpannsinen (lach) durchaus zumutbar.

          • gorgo

            Weil danach gibt es keine Ausreden mehr. Mir ging das weibliche OpferGetue von ihrer Mehrfachbelastung während der Pandemie furchtbar auf den Sack.
            Es kam hauptsächlich aus der Ecke der hauptsächlich gutsituierten Schicht, die sich emanzipiert glauben sich aber nur gut in dem Ungleichgewicht eingerichtet haben und dem Mann Zuhause viel abnehmen. In Sektoren arbeiten, welche gewisse Privilegien für Frauen bereithalten und das Ungleichgewicht dadurch verstärken. Aber wir brauchen keine Ghettos. Wir brauchen eine Welt mit Chancengleichheit.

  • olle3xgscheid

    Jo wens drauf un kimmt sein die Mädels holt kamott 😉
    Hon mol die Ladurner Martina gewählt , wos hots brocht?!
    Wenn was gut isch brauchts koane 100 Johr um sich durchzusetzten , Beispiele gibts unendlich.
    Direktorinnen höttmr zuhauf in Südtirol aber wie gesagt, des isch a tougher Job

  • sukram

    „Ohne dass sich an meiner Einstellung etwas geändert hätte, habe ich beschlossen, in Zukunft andere politische Prioritäten zu setzen.“ Offensichtlich hat sie erkannt dass es nix bringt und eine brotlose Kunst ist, sich auf Frauen und verlassen und für Frauen zu kämpfen. In diesem Punkt kann ich sie gut verstehen.

  • sigmundkripp

    Kann es sein, dass die SVP einfach nur Themen bedient, die für Männer relevant sind? Und Frauen ihre Themen eher bei anderen Parteien – wie den Grünen – besser aufgehoben sehen?

  • sukram

    Mein Eindruck ist, dass hier vorwiegend Männer über das Thema diskutieren. Die Frauen interessiert all das einfach nicht.

  • sigmundkripp

    @novo: aber die Grünen haben gleich viele Frauen wie Männer in dern Meraner Gemeinderat gewählt. Wie erklärt sich das?

  • artimar

    Das hat sich Unterberger verrechnet.

  • artimar

    „JO OBER I WÄHL JO NET A FRAU LEI WEIL SIE A FRAU ISCH WO KEMMER DEMM HIN“, sagten die Meraner Paulaner, als Zeller auf greenpowerische Frauensolidarität hoffte. Leider vergeblich.
    Ja, politische Kohärenz wäre schon ein schönes Ziel!

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