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Der „Zigeuner“-Franz

Ein junger Wirtssohn aus Villnöss hat sich 1987 unsterblich in die Tochter eines Sinti-Stammesführers verliebt. Das neue Buch von Artur Oberhofer über den „Zigeuner“-Franz Runggatscher ist das Protokoll eines Kulturschocks – mit halbwegs glücklichem Ausgang.

von Markus Rufin

Es war an einem schönen Sommertag im Jahr 1987: Franz Runggatscher hatte Zimmerstunde und saß auf dem Balkon seiner Mini-Wohnung in Schabs.

Er zog an seiner roten Marlboro, genoss die Sonnenstrahlen und ein kühles Bier.

Von seinem Balkon aus hatte der Koch freie Sicht auf das Gasthaus, in dem sich das Dorfleben abspielte.

An jenem Tag machte Franz Runggatscher eine Beobachtung, die seine Leben nachhaltig prägen und verändern sollte. Er sah eine wunderschöne Frau, gertenschlank, groß, dunkler Teint, kohlschwarze Haare.

Franz Runggatscher erinnert sich:

„Mein Herz klopfte, ich spürte wie die Ohren rot und heiß wurden, ich bekam ein Kribbeln im Magen – die berümten Schmetterlinge im Bauch! Meine Hände waren plötzlich ganz feucht.

Ich hüpfte aus meinem klapprigen Liegestuhl, schlüpfte so schnell ich konnte in die Hose, die neben mir lag, und lief Richtung Dorfkneipe.

Enttäuscht musste ich feststellen, dass die Schönheit, die ich von meinem Balkon aus gesehen hatte, bereits fort war. ,So ein Pech!‘, dachte ich, denn bei mir hatte wahrlich eine Bombe eingeschlagen.“

Die schöne Frau war weggefahren – in einem Mercedes 500.

Einige Tage später war Franz Runggatscher in seinem Kleinwagen unterwegs, als er die schöne Frau in ihrer Luxuskarosse wieder sah.

Er verfolgte den Mercedes 500, hupend und wild gestikulierend.

Franz Runggatscher erzählt weiter:

„Auf einmal trat sie auf die Bremse, hielt an, stieg aus ihrem Mercedes 500 und näherte sich meinem Wagen.

Ich öffnete die Tür meines Kleinwagens und wollte aussteigen. Doch sie streckte ihre rechte Hand aus, drückte sie gegen meine linke Schulter, um mich am Aussteigen zu hindern. Sie blickte mir in die Augen und sagte in einem abfälligem Ton: ,Che cosa vuoi da me?‘“

Diese Begegnung der stürmischen Art war ein Funkenschlag, der Beginn einer großen Liebe.

Zu dem Zeitpunkt ahnte der Villnösser Koch allerdings nicht, welch radikale Wendung sein Leben nehmen würde.

Der Grund: Maria, die wunderschöne Frau, war die Tochter eines mächtigen Sinti-Stammesführers.

Die turbulente und leidenschaftliche Liebesgeschichte zwischen dem Villnösser Koch Franz Runggatscher und Maria, der bezaubernden Tochter des Sinti-Stammesführers Sante Adelsburg, ist der rote Faden, der sich durch das neue Buch von TAGESZEITUNG-Chefredakteur Artur Oberhofer zieht.

Artur Oberhofer hat die aufregende und ereignisreiche Geschichte des Ich-Erzählers Franz Runggatscher in Buchform gegossen. Herausgekommen ist eine vielschichtige Lebens- und eine rührende und dramatische Liebesgeschichte. Packend und einfühlsam erzählt, fesselnd wie ein Krimi.

Franz Runggatscher erblickte im Jahr 1957 im malerisch-idyllischen Villnösstal das Licht der Welt. Als Sohn des Lamm-Wirtes in St. Peter.

Als Kind erlebte der kleine Franz viel Ablehnung, Kränkung und Liebesentzug.

Sein geliebter Vater starb früh.

Der kleine Franz flüchtete aus dem Schülerheim. Er lehnte sich gegen alles auf, was er als ungerecht empfand.

Er jobbte als Kochlehrling, weil seine Mutter das so wollte. Er selbst hätte eigentlich lieber Schlagzeuger werden wollen.

Im Hotel Greif wurde er gemobbt, weil er dem Chefkoch die Geliebte ausspannte.

Dass die Geliebte des Chefkochs, mit der sich der Kochlehrling aus Villnöss vergnügte, ausgerechnet in der ersten Liebesnacht einen Scheidenkrampf erlitt (und der Kochlehrling und seine Bettgespielin von den Rettungssanitätern des Weißen Kreuzes wieder voneinander „getrennt“ werden mussten), gehört zu den heiteren Anekdoten aus Franz Runggatschers Leben.

Den jungen Wilden zog es in die weite Welt. Aus dem aufmüpfigen Wirtssohn wurde ein Hippie, Lebenskünstler, Frauenheld – und „Zigeuner“.

In dem Buch „Der ,Zigeuner‘-Franz“ erzählt Franz Runggatscher, wie er als unbedarfter Koch – und aus Liebe! – in die gleichwohl geheimnisvolle wie faszinierende Welt der Sinti eingetaucht ist. Es war dies eine Welt, die der junge Villnösser selbst nur aus überlieferten Klischees kannte.

Auch ahnte der junge Mann nicht, wie hürdenreich der Weg sein würde, den er zurücklegen musste, um mit der Frau seines Lebens zusammenleben und eine Familie gründen zu können.

Im Kampf um Maria, die wunderschöne Tochter des Sinti-Stammesführer, riskierte Franz Runggatscher sein eigenes Leben.

In der komplexen Beziehungsgeschichte geht es um Morddrohungen, Kindsentführungen, um waghalsige Fluchten und um lebensgefährliche Versteckspiele. Und es geht um das Durchbrechen gesellschaftlicher Normen, um einen Grenzgang zwischen zwei Kulturen.

Für die Villnösser Talgemeinschaft war der Umstand, dass der Sohn des Dorfwirtes sich ausgerechnet eine „Zigeunerin“ zur Frau nimmt, ein Sakrileg.

Ein waschechter Villnösser, ein Südtiroler als Sinti? Eine Schande!

Für seine Villnösser Landsleute war Franz Runggatscher, der Sohn des „Lampl“-Wirts, fortan der „Zigeuner“-Franz. Und ist es bis heute geblieben.

Im Nachhinein hat Franz Runggatscher sogar Verständnis für das Unverständnis seiner Landsleute. Tief in seinem Innersten, so bekennt ranz Runggatscher, habe er das kollektive Entsetzen in Villnöss in Bezug auf seinen „ungeheuerlichen“ Lebenswandel sogar nachvollziehen können.

„Mein ,Zigeuner‘-Sein war in den Augen der Villnösser – und nicht nur! – ein gesellschaftlicher Tabubruch“, resümiert er.

Das Villnösstal sei damals ein vom Katholizismus und vom Misstrauen gegenüber allem Neuen und allem Fremden geprägtes, von hohen und schützenden Bergen umgebenes Tal gewesen. „Ein großer geschlossener Hof.“

Und er selbst, so erzählt Franz Runggatscher, sei mit den Vorurteilen Klischees gegen die „bösen Zigeuner“aufgewachsen.

Für viele Menschen seien die „Zigeuner“ ziehende Gauner, ein fahrendes Volk, schmutzige Bettler und Diebe, die die Wäsche von der Leine und manchmal sogar Kinder stehlen.

Was bei ihm vielleicht anders gewesen sei: Er sei von Natur aus kein ängstlicher Mensch und eher ein Fatalist. „In mir haben die ,Zigeuner‘ von Beginn an immer mehr Faszination als Verachtung ausgelöst, mehr Misstrauen als Ablehnung.“

Aber auch sein „Zigeuner“-Bild sei gespeist gewesen von Vorurteilen und überlieferten Klischees wie Faulheit, Heimatlosigkeit und Kriminalität. „Bei mir“, so Franz Runggatscher, „schwangen aber immer auch eine Art heimliche Bewunderung und Abenteuerlust mit, in meinen Gedanken überwogen die positiven Bilder wie das freie und lustige ,Zigeuner‘-Leben, die sexuelle Freizügigkeit oder das temperamentvolle Tanzen und Singen, also das von den Normen der Mehrheitsgesellschaft abweichende Verhalten, das ich mit den ,Zigeunern‘ und deren Lebensphilosophie verband.“

In jedem Fall: Aus dem nicht immer einfachen und zumal recht wuchtigen Zusammenprall zweier Kulturen, aus dieser turbulenten und starken Liebesbeziehung zwischen dem Villnösser Wirtssohn und Koch und Maria, der Tochter des einflussreichen Sinti-Anführers, gingen vier Kinder hervor.

Das Buch über das Leben und die Lieben des Franz Runggatscher ist nicht nur die spannende Chronik einer „unmöglichen“ Liebesbeziehung, sondern der erste authentische Erfahrungsbericht eines weltoffenen Südtirolers, der in eine ihm völlig unbekannte Welt eingetaucht ist – und dafür viele Opfer gebracht hat. Und dem das Schicksal übel mitgespielt hat. Denn eines der vier Kinder, die kleine Edith, ist bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Im zarten Alten von vier Jahren.

Am Tod der kleinen Edith wäre Franz Runggatscher, der bei dem Unfall selbst schwerste Verletzungen erlitt, fast zerbrochen. An jenem tragischen Tag war er nämlich in einem Leihwagen unterwegs – und hatte vergessen, den Kindersitz zu montieren.

Es gibt in dem Buch auch Herzzereißendes: So erzählt Franz Runggatscher vom allerersten Zusammentreffen von Maria mit ihrer leiblichen Mutter.

Der Hintergrund: Sinti-Stammesführer Sante Adelsburg hatte kurz nach der Geburt seiner Tochter Maria wegen eines (Eifersuchts-)Mordes eine lange Haftstrafe antreten müssen, Maria wurde der leiblichen Mutter weggenommen.

Sie wuchs bei ihren Großeltern väterlicherseits auf – bis ihr Vater Sante nach 20 Jahren Gefängnis wieder freikam.

Franz Runggatscher hat in diesem Buch kein scheinheiliges und auch kein  beschönigendes Bild über die Sinti und über sein „Zigeuner“-Leben zeichnen wollen. „Ich bin kein Sozialromantiker“, sagt Runggatscher, „ich wollte einfach nur ehrlich sein.“

Was bleibt als Fazit?

„Ich würde mir nie anmaßen, über ein Volk zu urteilen oder über eine gesamte Kultur- oder Glaubensgemeinschaft den Stab zu brechen“, sagt Franz Runggatscher. Er habe in seinem „Zigeuner“-Leben edle Tugenden wie den ausgeprägten Gemeinschaftssinn und bedingungslose Solidarität erlebt. Aber auch Kaltherzigkeit und Gewalt, die Unterdrückung der Frauen. „Und ganz schlimm war für mich mitzuerleben, wie den ,Zigeuner‘-Kindern die Kindheit geraubt wird.“

Die traurigen Kinderaugen werde er nie vergessen!

In seinem Fall sei es die große Liebe zu einer Frau gewesen, die ihm die Tür zu einer neuen Welt aufgestoßen habe. „Ich habe ein stolzes, lebensfreudiges, freiheitsliebendes Volk kennengelernt, aber auch ein Volk, das einen permanenten Überlebenskampf ausficht. Auch finanziell, ökonomisch. Es gibt die, die sich perfekt integriert haben. Es gibt die, die als Wanderhändler, Autohändler oder Tagelöhner arbeiten. Und es gibt die, die ihren Lebensunterhalt mit den Einnahmen aus krummen Geschäften bestreiten.“

Die krummen Dinge, die er selbst geliefert hat – darunter den genialen Raub eines Diamanten –, schildert Franz Runggatscher natürlich auch.

Was bleibt als Fazit? Wie ordnet Franz Runggatscher seine Lebenserfahrungen heute ein?

Franz Runggatscher überlegt kurz. Dann sagt er bestimmt: „Heute weiß ich: Einer der Ihren zu werden, ist nicht leicht. Nein, es ist unmöglich.“

Das Buch

Das Buch „Der ,Zigeuner‘-Franz“ ist 270 Seiten stark und im Verlag Edition Arob erschienen. Es ist in allen guten Buchhandlungen erhältlich.

Das Buch  enthält auch zahlreiche Rezepte:

Diese reichen vom gedünsteten Igel über das Schwarzplentene Mus, die Gerstsuppe und die Forelle nach Zigeuner-Art bis hin zur gedünsteten Henne. „Direkt abgeholt vom Bauernhof“, fügt Franz Runngatscher hinzu – und schmunzelt.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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