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Welcome Venice

Andrea Segre (Soziologe und Regisseur von Spiel- und Dokumentarfilmen)

Andrea Segre ist ein hartnäckiger Regisseur. Er lässt sich nicht davon abbringen, gesellschaftlich relevante Themen zu erzählen. Und das ist gut so.

von Renate Mumelter

Segres Filme sind immer eine Einladung, und sie sind immer nachhaltig in ihrer Wirkung. Noch heute erinnere ich mich an „Mare chiuso“, den ersten Dokumentarfilm überhaupt, der sich mit jenen Menschen beschäftigte, die Silvio Berlusconi zwischen 2009 und 2010 nach Afrika zurückdrängen wollte. Er hatte das mit Gaddafi so ausgeschnapst. 

Ein neuer Zugang

Segre schaut sehr genau hin und er interpretiert das, was er sieht, sehr präzise. Nicht umsonst hat er Soziologie studiert und gelehrt. Der genaue Blick gelingt ihm nicht nur in seinen Dokumentarfilmen sondern auch in den Spielfilmen, ohne dass er diesen ihren Charme nehmen würde. Viele seiner Filme sind mehrfach preisgekrönt, und sie bleiben im Kopf. 

Ich erinnere mich an „La prima neve“, die fiktive Geschichte eines Mannes aus Afrika, der in einem einsamen Tal den Winter kennen lernt. Drehort war damals das Fersental. Und ich erinnere mich an „Io sono Li“, jene berührende Geschichte über eine Liebe, die zwischen den Kulturen spielt, eine Geschichte, die in die venezianische Lagune führt. 

Genau dort hin führt auch Segres neuer Spielfilm „Welcome Venice“. Das ist kein Zufall.

Segre stammt aus der Gegend, kennt Venedig sehr gut, und Venedig ist ihm ein Anliegen. 

Venedig und Moeche 

In Segres neuem Spielfilm stehen Krabben im Mittelpunkt, besondere Krabben, die Moeche. Sie werden in der Lagune gefangen und zwar dann wenn sie den alten Panzer abgeworfen haben und der neue noch nicht da ist. Dann nämlich sind sie „molli“, moeche eben. Daher ihr Name. 

Nur „moecanti“, auf Moeche spezialisierte Fischer, wissen, wie sie zu fangen sind und welche sich dann für den Kochtopf eignen. Die teure Delikatesse wird in heißem Öl frittiert. 

„Mare chiuso“ (2012)

Menschen und Venedig 

Im Mittelpunkt von „Welcome Venice“ stehen drei Brüder um die 50. Sie stammen aus einer Fischerfamilie, die sich mit Moeche auskennt. Sie haben das Handwerk von ihrem Vater gelernt, gehen jetzt aber unterschiedliche Wege. Venedig tut dasselbe, ist zerrissen zwischen geleckter Touristenstadt und Natur. 

Verkörpert werden die drei Brüder von Paolo Pierobon, Andrea Pennacchi und Roberto Citran, alles Schauspieler aus dem Veneto, mit denen Segre immer wieder gut zusammenarbeitet. Auch die in Bozen geborene Ottavia Piccolo ist mit dabei.

Gesprochen wird natürlich Veneziano. An unverständlicheren Stellen hilft Segre mit Untertiteln weiter. 

„Welcome Venice“ erzählt ein brisantes und bekanntes Thema, schafft es aber im Schlenker zwischen Mestre und der Lagune auch noch, ein Gefühl für Natur und Landschaft entstehen zu lassen, einen kleinen Ausflug zu machen, der nachwirkt. 

Und weil wir grad in Venedig sind, noch ein Tipp: 

An den kommenden drei Montagen gibt es im Filmclub Filme von der „Settimana della Critica“ des diesjährigen Filmfestivals in Venedig. Immer montags je ein Paket um 18 Uhr und eins um 20.30 Uhr. 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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