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„Hungriges Selbst“

Geburtstagswünsche für den Papierkorb: Die TAGESZEITUNG veröffentlicht Auszüge aus dem zensierten Text von Hans Karl Peterlini für das Durnwalder-Buch.

Der Brixner Verleger, Philosoph und Hobbymusiker Karl Mittermaier hat ein Buch herausgebracht, in dem 155 AutorInnen – von Achammer bis Zöggeler, von Franz Locher bis Gerhard Brandstätter, von Roland Atz bis Schorsch Pardeller – Alt-LH Luis Durnwalder, der 80 wird, gratulieren.

Drei Beiträge, darunter jener von Ex-„ff“-Chefredakteur und Uni-Professor Hans Karl Peterlini, landete im Papierkorb.

Weil angeblich zu kritisch.

Hans Karl Peterlini hat den zensierten Beitrag für die TAGESZEITUNG in ein Kurzformat gegossen.

Das ist der zensierte Beitrag:

Über Luis Durnwalder zum 80. Geburtstag Neues zu schreiben, ist schwierig für jemanden, für den der Jubilar jahrzehntelang unausweichlicher Stoff für Beobachtung und Beschreibung war.

Mein Blick, einst am kritischen Journalismus geschärft, ist gewiss milder und dadurch wohl auch gerechter geworden.

Manchmal begegnen wir uns, vor ein paar Jahren hat er mir das Du angeboten, zwischendurch fallen wir dann doch wieder ins Sie. „Lugg“ gelassen hat er nicht: Keine Begegnung vergeht ohne Kommentar zur politischen Lage, die dabei süffisant anklingenden Untertöne seien aus Rücksicht auf die amtierende Nachfolgegeneration unterschlagen.

Oft sitzt er im Laurin, umgeben von einigen aus dieser Nachfolgegeneration, die ehrerbietig an seinen Lippen hängen, wohl in der Hoffnung, ein Stückchen von seinem Erfolgsgeheimnis abzubekommen, von diesem Fluidum der Macht, das er regelrecht verströmt, wenn er einen Raum betritt. Und doch wirkte er zuletzt, belastet von nachhängenden Gerichtsverfahren, auch etwas müde – meist nur ganz kurz, um sich wieder kampflustig aufzurichten. Schwäche zu zeigen, ist einem wie ihm nicht erlaubt.

Luis Durnwalder im Landtag (Foto von Markus Perwanger zur Verfügung gestellt)

Ein Zugang, um politisches Handeln zu verstehen, ist die Narzissmus-Theorie, ausgehend von Sigmund Freud und seitdem weiterentwickelt.

Der türkisch-amerikanische Psychoanalytiker Vamik Volkan unterscheidet zwischen einem destruktiven, sadistischen und einem reparativen, gesunden Narzissmus. Beide entstehen aus Kränkungen, die aber im einen Fall den Betroffenen so unzugänglich sind, dass sie sich zerstörerisch äußern, während sie im anderen Fall teilweise integriert werden können und damit gesellschaftlich fruchtbar werden (mit Mischformen zwischen den Extremen).

Narzissmus ist eine Grundbedingung menschlichen Daseins, keine Pathologie. Der gesunde Narzissmus nährt sich – im gelungenen Fall – an der Spiegelung, die das Kind aus seinem Umfeld erfährt. Es lernt geliebt zu sein, eine Voraussetzung, um auch selbst lieben und positiv auf die Welt zugehen zu können. Eine pathologische Ausprägung kann nach Volkan durch extreme Kränkungen und Versagungen oder aber auch durch Überidealisierung (Vergötterung) von Kindern entstehen. Dann müssen Kinder den narzisstischen Hunger ihrer Eltern befriedigen.

Seinen Stinkefinger gegen Südtirol, 2006 bei einem Auftritt in Bozen, verharmloste Silvio Berlusconi mit Hinweis auf seine Mutter, die ihn gefragt habe, was diese Geste bedeute: „Dass ich die Nummer eins bin.“

Mit seinem Dauerlächeln, seinem Dauerauftritt in den eigenen TV-Sendern, seiner zelebrierten Pseudojugendlichkeit durch Lifting und Haarverpflanzung, seinem meist peinlichen Bedürfnis, lustig sein zu müssen, erfüllt Berlusconi zweifellos die Kriterien für eine narzisstische Führungspersönlichkeit. Zugleich erklärt es, warum Berlusconi trotz vieler blamabler Auftritte und einer auch wirtschaftlich desaströsen Politik immer noch eine einflussreiche Rolle im Mitte-Rechts-Lager spielt.

Luis Durnwalder (Foto: Markus Perwanger)

Der Mythos des Aufsteigers, der die Welt verlacht, auch wenn sie über ihn lacht, kommt dem italienischen Verlust ehemaliger Größengefühls kompensatorisch entgegen: von der Weltmacht Rom zu einem meist krisengeschüttelten Staat. Gemessen an seinen Erben im populistischen Lager Italiens hat er aber auch reparative Tendenzen – er zielte auf eine Überhöhung Italiens ab, ohne deshalb mit der EU auf Bruch zu gehen und auf die Schwächsten zu treten.

Narzisstische Kränkungen der Großgruppe wie soziale Not, nationale Demütigung, Bedrohung von außen, politische Unsicherheit können den Aufstieg eines narzisstischen Führers erleichtern. Es kommt zu einer Passung der grandiosen Ambitionen eines Individuums mit den Sorgen der Bevölkerung. Die sadistische narzisstische Führungspersönlichkeit ist destruktiv. Sie sucht die Abwertung und Vernichtung entweder von Außenfeinden oder von Untergruppen der eigenen Großgruppe, um die eigene Größe besser davon abheben zu können, verbunden oft mit „Reinigungsakten“ zur Schuldabwehr: ethnische Säuberungen, Ausmerzung „fremder“ oder „entarteter“ Kultur.

Die reparative Führungspersönlichkeit versucht dagegen, das Niveau ihrerAnhängerschaft zu heben, um von einem höheren Niveau aus bewundert zu werden. Als Beispiele nennt Volkan den Begründer der modernen Türkei Atatürk (für Volkan reparativ) und Adolf Hitler (destruktiv).

Der Übergang ist meist fließend. Eine reparative Führungspersönlichkeit kann trotzdem politische Widersacher ausschalten, aber das Hauptmotiv ihres Handelns ist auf das positive Ziel gerichtet. Eine sadistische Führungspersönlichkeit wird in Teilerfolgen reparative Leistungen vollbringen.

In Kontexten, die Gewaltauslebung nicht zulassen, zeichnet sie sich vielleicht dadurch aus, dass sie Mitarbeiter entwertet und mit heimlichem Genuss Entlassungen anordnet – oder Mobbing ersatzweise als Vernichtungskampf betreibt. Eine reparative Führungspersönlichkeit wird im selben Betrieb vielleicht auch Entlassungen vornehmen, aber eher, um andere Arbeitsplätze zu schützen, sie wird mit den Entlassenen mitfühlen und die Maßnahme solange hinauszögern wie möglich.

Luis Durnwalder mit seinen Geschwistern (Foto von Markus Perwanger zur Verfügung gestellt)

Von Andreas Hofer zu Magnago

Ein paar Streiflichter in die Vergangenheit: Über Andreas Hofer lässt sich schwer urteilen, er mag – von Absicht und Redlichkeit her – eher zu einem reparativen Führer geneigt haben, war aber zur Reparation nicht fähig.

Der Freiheitskampf war ein Abwehrkampf, lief in der letzten Phase aber auf grandiose Selbstüberschätzung hinaus und wurde autodestruktiv. Das hungrige, gekränkte Selbst spricht aus ihm, wenn er sich in seinen Abschiedsbriefen als armen verlassenen Sünder bezeichnet.

Eine ungewollte narzisstische Führung erlebte Südtirol zunächst durch Benito Mussolini und seine Statthalter. Das Programm des Faschismus für Südtirol war zwar nicht physische Vernichtung, wohl aber ethnische Flurbereinigung. Immer wieder zeigte sich auch unverhohlener Sadismus, etwa in der Willkürjustiz gegen Kulturbekundungen.

Adolf Hitler war durch seinen Pakt mit Mussolini lange kein „passender“ Führer, da er die offene Wunde – die Abtrennung Südtirols von Tirol – nicht heilen wollte. Umso erstaunlicher ist, dass er schließlich doch zur Führerfigur auch für viele Südtiroler wurde.

Der zynische Options-Deal mit Mussolini ist die Geste eines malignen Führers, dem die gekränkte Großgruppe massiv zu folgen bereit war, ein nur durch Glück unterbrochener „Todesmarsch“ heim ins Reich. Mit der massiven Auswanderung hätte Hitler das erreicht, was der Faschismus wollte und was die Südtiroler am meisten fürchteten – die Auslöschung ihres Daseins als Volksgruppe.

Auf Südtiroler Seite war Kanonikus Michael Gamper gewiss kein maligner narzisstischer Führer, sein politischer Kampf galt der Schadensbegrenzung (die Kulturverbote in den Katakomben irgendwie überstehen, der NS-Versuchung nicht erliegen), nicht der Konfrontation mit dem Aggressor.

Die erste Führungsgeneration der SVP nach dem Krieg war nicht von ausgeprägtem Narzissmus charakterisiert. Es waren – exemplarisch von Hans Heiss an Erich Amonn dargelegt – weitgehend vornehme Bozner Bürger, die sich zwischen einem strategischen Widerstand und einem Abwarten des Endes von Faschismus und Nationalsozialismus bewegten: idealistisch gesinnt, aber wenig charismatisch. Ihr Wirken war reparativ.

Eine Führung, die sich mit der Kränkung der Großgruppe komplementär ergänzt, erhält Südtirol 1957 mit Silvius Magnago.

Nach Volkan ist eine „ausreichende Portion Narzissmus, ja selbst übertriebener Narzissmus […] notwendig, um als politischer Führer etwas bewirken zu können. Es ist sein Narzissmus, der ihn sich wohlfühlen lässt in seiner Haut als ‚Nummer eins’“. Magnago konnte sich im eigenen schweren, zähen Kampf auch sonnen, kokettierte bis in hohe Alter mit der eigenen Eitelkeit, erkannte selbst in der physischen Beeinträchtigung einen Vorzug (auch im Leiden Nr. 1 zu sein).

Die Menschenmassen, zu denen er redete, liebte er, den einzelnen Menschen hielt er eher argwöhnisch auf Abstand: „Ich bin ein Finsterling“, war seine Selbstcharakterisierung.

Luis Durnwalder (Foto: Markus Perwanger)

Magnago war zweifellos reparativ. Zwar schaltete er interne Gegner hart aus, etwa Hans Dietl nach dessen Nein zum Paket; Chancen auf Reparatur nahm er in der Regel aber an, etwa durch die Einbindung der Paketgegner Peter Brugger und Alfons Benedikter. In der Verhandlung mit Rom ging es Magnago nicht um Vernichtung des Gegenübers (was chancenlos und damit autodestruktiv gewesen wäre), sondern um Besserstellung der eigenen Bevölkerung. So war er kompromissfähig, als Rom auf eine konstruktive Verhandlungslinie einschlug und seriöse Autonomieangebote machte.

Die Durnwalder-Ära

Luis Durnwalder leitete einen Stimmungswechsel sein. „Von der Angst zur Freude“, beschrieb er es selbst. So investierte er in die lange verhasste Bozner Industriezone, was diese „verdeutschte“ und aufblühen ließ. Mit der Gründung der Universität Bozen überwand er die Angst vor der „geistigen Industriezone“. Zugleich leitete er die Abnabelung von Österreich ein. In einer Entwicklungsgeschichte Südtirols könnte die Ära Durnwalder als emanzipatorisches (pubertäres?) Freistrampeln vom Vaterland betrachtet werden.

Magnagos Ära war gekennzeichnet durch anti-libidinöse Strenge und Triebbeherrschung, aufgebrochen durch den Aggressionsausbruch in den Sprengstoffanschlägen.

Durnwalder trat mit liberalem Gestus an, bekannte sich – nach ursprünglicher Zerknirschung, dass ihn seine erste Frau verlassen hatte –  bald zu einer mondänen neuen Lebenspartnerin, zeugte mit einer dritten Lebensabschnittspartnerin mit 67 Jahren ein Kind, bekannte sich stolz dazu und zeigte einen zärtlichen Umgang mit dem Mädchen.

Dass er als Landeshauptmann großen Wert darauflegte, die Zuständigkeit über die Feuerwehren selbst wahrzunehmen, ist ebenso interessant wie sein Einsatz, die Schützen mit Gewehren auszustatten.

Dabei geht es nicht um das symbolisch aussagekräftige Hantieren mit Schlauch und Gewehr, auch nicht um die Abwertung der Vereine, die im Falle der Schützen kulturell, im Falle der Feuerwehren lebensrettend tätig sind. Hinter dem positiven Einsatz zeigen sich aber auch tiefere Motive: Hochgerüstete Löschwagen, die vereinzelt für die Dorfstraßen zu breit sind, weisen auf Größenbedürfnisse hin. Und als die Schützen zu Durnwalders Geburtstag 2006 vor dem Landhaus Böllerschüsse feuerten und der grüne Landtagspräsident Riccardo Dello Sbarba die Geschmacksfrage stellte (angesichts von Kriegen in der Welt) entlud sich Durnwalders Zorn. Dello Sbarba sei „nicht mehr würdig“, den Landtag zu vertreten.

Ein gekränktes Selbst verbat sich jede Trübung der grandiosen Feierlichkeit.

Beide „Führer“ der Nachkriegszeit zeigen vulnerable Grundzüge: Bei Magnago war dies die Existenznot der Kriegsgeneration, die sich in Warnungen vor dem „Tod des Volkes“ etwa durch Mischehen äußerte. Durnwalder sorgte sich schon auf dem Höhepunkt seiner Macht vor deren Verlust: „Wenn der Löwe einmal verwundet ist, fallen die Hyänen über ihn her.“

Es fällt schwer, darin nicht das narzisstische Gegensatzpaar des grandiosen und des hungrigen Selbst zu erkennen.Wie bedrohend diese empfunden werden können, zeigte sich, als die „ff“ eine Titelseite mit Durnwalder auf einem von Frauen getragenen Kreuz brachte (2003). Durnwalder brach tief getroffen den Kontakt mit der „ff“ lange ab. Damals war ich nicht bei der „ff“, und interessanter Weise brach Durnwalder, so heftig unsere Konflikte waren, nie gänzlich den Kontakt mit mir ab. Vielleicht lag es daran, dass ich ihm signalisierte, wie schwer es für einen Journalisten sei, seinem gewinnenden Wesen zu widerstehen, durch die Blume letztlich, dass ich ihn mochte und schätzte, trotz meiner kritischen Haltung. „Den Magnago mögt ihr lieber“, grollte er dann.

Luis Durnwalder und Angelika Pircher

Oberste Maxime Durnwalders war der wirtschaftliche Ausbau der Landesautonomie. Dass dahinter auch das „hungrige Selbst“ eines aus einfacher Herkunft stammenden Politikers steht,liegt nahe. Unter Magnago und Benedikter war die Südtiroler Heimaterde – wörtlich verstanden – streng geschützt worden gegen zu viel Verbauung, auch als Schutz vor der Zuwanderung. Durnwalder lockerte die Raumordnung und opferte die Landschaft zugunsten der wirtschaftlichen Entwicklung.

Die narzisstische Persönlichkeit kommt da zum Ausdruck, wo Durnwalder jeden frühen Morgen Hof hielt. Im Versuch, allen zu helfen, die als Bittsteller vorsprachen, zeigen sich Huldigungsbedarf und reparative Anteile. Das ans Sadistische grenzende Pendant ist seine gnadenlose Vorgangsweise gegen jene, die ihn kritisierten, seine Macht in Frage stellten, sich Anweisungen widersetzten. Vielleicht ist der Löwe auch diesbezüglich gelassener geworden.

Aussagekräftig war sein Auftritt im Juli 2006 auf Sigmundskron, wo Silvius Magnago einst seinen großen Tag hatte. Südtirol habe bewiesen, dass es „lebendig ist“ und „nicht im Sterben liegt“. Die Berufung auf den „Selbsterhaltungstrieb“ verrutschte ihm dabei zum „Selbsterhaltungsbetrieb äh -trieb“. In Versprechern verraten sich nach Freud heimliche Wunschvorstellungen.

Und so hätte der „Selbsterhaltungsbetrieb“ den Todesmarsch, das Sterben überwunden durch Wohlstand und die Lust am Leben.

Diese sei ihm noch lange, gesund und kräftig, vergönnt und gewünscht.

 

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