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Verstärkte Leiden

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Die Corona-Pandemie hat die seelischen Nöte in Südtirol verstärkt. Das Netzwerk Suizidprävention will nun die Präventionsmaßnahmen weiter verbessern.

von Lisi Lang

„Wir wissen, dass die Pandemiesituation die seelischen Nöte verstärkt“, sagt Roger Pycha, Primar des Psychiatrischen Dienstes am Krankenhaus Brixen, „und genau deswegen ist Nächstenliebe jetzt sozusagen Überlebenspflicht.“

Jedes Jahr am 10. September wird der Welttag der Suizidprävention begangen. Dieser Tag soll aber nicht nur zum Nachdenken über ein heikles Thema anregen, sondern auch dazu führen, dass Präventionsmaßnahmen weiter verbessert werden, damit man diesem Phänomen noch besser entgegenwirken kann (siehe Kasten). „Auch wenn die Datenlage noch nicht endgültig ist, scheint es, dass die Suizide infolge der Covid-19-Pandemie zugenommen haben“, sagt Sabine Cagol, Präsidentin der Südtiroler Psychologenkammer. „Die Ungewissheit über die Zukunft, finanzielle Sorgen, Ängste und Stress können weitere Notlagen bis hin zu extremen Gesten hervorrufen“, erklärt die Psychologin. Die Pandemie sei zwar nicht die einzige Ursache dieses Leids, „aber sie kann es sicherlich noch verstärkt haben“, erklärt Sabine Cagol.

Aber während die Suizide während des ersten Lockdowns im letzten Frühjahr abgenommen haben, gab es Anfang Juni 2020 eine deutliche Häufung. „Im März und April 2020 ist die Suizidrate in Südtirol vorrübergehend gesunken, wahrscheinlich weil sich die Menschen nicht bewegen konnten und in einer Schockstarre waren, aber in der ersten Juniwoche, zu Beginn der Öffnung der Gesellschaft, gab es in sieben Tagen sechs Suizide“, erklärt Roger Pycha. „Das war die höchste Suizidhäufung, die Südtirol je hatte“, unterstreicht der Primar.

Man habe damals sofort interveniert und über das Netzwerk Psyhelp Covid-19 versucht verschiedene Präventionsmaßnahmen zu starten. „Wir haben versucht, das Land mit Anlaufstellen zu überschwemmen“, sagt Pycha und erklärt, dass sich die Suizidrate nach dieser Häufung Anfang Juni 2020 wieder stabilisiert habe und seitdem bei durchschnittlich einem Suizid pro Woche liegt.

Die Corona-Krise hält aber auch eineinhalb Jahre später noch immer an. „Und die psychosoziale Krise wird laufend stärker“, weiß der Primar des Psychiatrischen Dienstes am Krankenhaus Brixen, der aber grundsätzlich optimistisch bleiben will. „Wir sind unglaublich fähig, uns an diese schwierige Situation anzupassen – der Überraschungseffekt macht den größten Stress aus, aber wenn man Gefahren kennt und sich darauf vorbereiten kann, dann ist man ganz anders gerüstet.“ Dennoch befürchtet auch der Primar, dass die Zahl der Suizide zunehmen könnte, je länger diese Krise andauert.

Umso wichtiger sei es die Suizidprävention nun entsprechend auszubauen und zu verbessern. „Wir können ganz sicher das Bewusstsein der Hilfesuche verbessern, weil sich viele Leute noch immer schämen zu sagen, dass sie Hilfe von einem Experten brauchen“, unterstreicht Roger Pycha.

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