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Mr. Wilder und ich

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen die Dreharbeiten zu „Fedora“

Diesmal geht es hier um Jonathan Coes Roman „Mr. Wilder & ich“, es geht aber auch ums Kino, es geht Filme und es geht um das aus der Mode Kommen. 

von Renate Mumelter

Für all jene, denen der Name Billy Wilder nichts mehr sagt, nur soviel: Er war mit Sicherheit einer der ganz großen Regisseure des 20. Jahrhunderts. Dieser Meinung ist auch der Brite Jonathan Coe, dessen Roman „Mr. Wilder & ich“ erst kürzlich in deutscher Übersetzung erschien. Es geht heute hier also nicht um einen Film sondern um ganz viele Filme, Wilder-Filme die ich jetzt unbedingt alle wiedersehen möchte, möglichst im Kino. 

Calista und der weiße Hai

Coes interessanter und unterhaltsamer Roman erzählt die Geschichte der jungen Griechin Calista, die durch einen Zufall den berühmten Regisseur Billy Wilder kennenlernt. Sein Ruhm ist langsam am Verglühen, nicht weil er es nicht mehr „drauf“ hätte, sondern weil sich die Filmwelt geändert hat. Das Publikum ist auch ein anderes, und die Erinnerungen gehen verloren. 

Billy Wilder selbst interessiert es, herauszufinden, wohin die Präferenzen der jungen Menschen gehen. Ziemlich schnell wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass jene Filme, die er kennt und schätzt, völlig unbekannt sind. Der große Hit ist nun „Der weiße Hai“ . Zur Erklärung: Der Roman spielt 1976. 

Fedora

Billy ist gerade dabei „Fedora“ zu drehen. Die junge Cal bekommt einen Job als Übersetzerin für den Griechenlanddreh. Für den Roman ist das irgendwie Nebensache, es ist aber eine wichtige Nebensache. Anhand des Drehs erörtert Coe die Frage, wie ein Künstler mit der Tatsache umgehen kann, dass er nicht mehr so „in“ ist wie früher, wenn er also „aus der der Mode“ ist, wie das Coe nennt. Und er zeigt, wie es ist, „wenn du dich jung fühlst und der Welt viel zu sagen hast, aber die dir nicht länger zuhören will“.

„Mr. Wilder & ich“ ist ein gewagtes aber gelungenes Experiment. Der Roman ist fiktiv, erzählt aber von sehr realen Orten, Personen und Filmen. Das gelingt nur, weil Coe ein ausgezeichneter Wilder-Kenner ist. „Es ist ein Non-Fiction-Roman“ sagt er selbst. 

Und was sind die Auswirkungen dieses ungewöhnlichen Non-Ficition Romans? Ich habe jedenfalls große Lust darauf bekommen, Wilders „Fedora“ im Kino zu sehen und andere Wilder-Filme auch. Vielleicht kommt irgendwer meinen Wünschen nach. 

Wer war Wilder

Billy Wilder war nicht William Wyler, mit dem er offensichtlich auch verwechselt wurde. Der Roman erzählt davon. Wilder jedenfalls ist 1906 Sucha, Galizien, Österreich-Ungarn als Sohn jüdischer Eltern geboren. Sein Vater Max Wilder betrieb in Krakau das Hotel „City“ sowie mehrere Bahnhofsrestaurants in der Umgebung. 

2002 starb Billy in Los Angeles. Dazwischen liegt eine dramatische Lebensgeschichte. Bereits 1916 flohen die Wilders vor der herannahenden russischen Armee nach Wien. 1933 folgte Billys zweite Zwangsemigration, diesmal nach Paris. Seine Mutter und sein Stiefvater starben im KZ. Trotz dieser traumatischen Erfahrungen schuf Wilder unvergessliche Komödien mit Tiefgang. 6 Mal bekam er einen Oscar, 21 Mal war er dafür nominiert.

Der Roman

Der Roman von Jonathan Coe ist in seiner deutschen Übersetzung beim Folio-Verlag (Bozen-Wien) erschienen.

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