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„Stephan, mir graut“

Demo auf der Talfer (Foto Othmar Seehauser)

Florian Kronbichler kritisiert die Teilnahme der Initiative für mehr Demokratie an der Demo der Impfgegner.

Florian Kronbichler fährt schweres Geschütz gegen Stephan Lausch und Co. auf: Die „Direkte Demokratie“ habe Sonntag an der Talfer ihre Unschuld verloren.

Auf Facebook schreibt der ehemalige Parlamentarier der Grünen:

Sonntag Nachmittag war ich auch dort. Neugieriger halber. Denn dass hinterher spekuliert würde, wer von den Anwesenden Akteur sei und wer nur Voyeur, das war mir schon klar. Ich bin kein Anfänger und kenn mich aus mit Demonstrationen. Wer da ist, wird gleich für dabei gehalten und mitgezählt. Deshalb, und um jedem Missverständnis vorzubeugen, trug ich Maske. Keine FFP2 zwar, das nicht (ich kam von einem Sonntagsausflug zurück), aber Hauptsache Maske. Legal maskiert unter zweitausend unmaskierten Demonstranten, – ist auch Demonstration.

Ich sag das nur, weil, wie zu erwarten, Radio und Fernsehen und erst recht die Zeitungen vom Tag danach (besonders diese digitale hier) in ihrer Berichterstattung ebenfalls eher demonstrierend als beobachtend zuwege kamen. Rai Südtirol wollte „mehrere Hundert“ Corona-Impfgegner in den Talferwiesen gesehen haben. Liebe Chefredakteurin Heidi Kessler, der Zweck heilige zwar dein Mittel, einverstanden: es ist bei den Radio-Nachrichten möglich, zumindest technisch, Teilnehmer-Zahlen beliebig herabzulügen. In der Tagesschau aber hat selbst der voreingenommenste Impfbefürworter mindestens tausend Anti-Demonstranten sehen müssen. Und auch salto.bz: Hatte Chefredakteurin Lisa Maria Gasser etwas wiedergutzumachen (wir erinnern uns an die Polemiken um eine angeblich Verschwörungstheoretiker-freundliche Schlagseite dieser Redaktion), dass sie diesmal derart auf jede journalistische Distanz vergessend auf die Veranstalter einhieb? Ich fand das außer unsachlich für kontraproduktiv. Gott sei Dank habe ich mich, dank Maske, als Gegendemonstrant zu erkennen gegeben.

Umso mehr habe ich mich gewundert, dass Frau Gasser sich über ein anderes Detail der Anti-Impf-Kundgebung nicht ausgelassen hat. Sie fragt sich in ihrem „Bericht“ nicht, was Stephan Lausch mit seinem Referendums-Referendum dort am Rednerpult zu suchen hatte. Die Direkte Demokratie ist ein ernstes Anliegen von vielen im Lande. Stephan Lausch ist seit bald zwanzig Jahren nicht nur ihr Sprecher, er lebt für sie (und hoffentlich ein bisschen auch v o n ihr), er ist ihre wandelnde Verkörperung, im Guten wie im Schlechten. Im Moment sammelt die Bewegung Unterschriften für ein Referendum gegen den Referendumsraub durch die Parteien der Landesregierung, ein zugegeben schamloser Schlag gegen das schwindsüchtige Pflänzchen Direkte Demokratie. 10.000 Unterschriften müssen binnen Herbst zusammenkommen. Ein verzweifeltes Unterfangen.

Bei allem Verständnis: Unterschriften werden, wie Wählerstimmen, gezählt, nicht gewogen und tragen auch keine Fahne. Wer sie braucht, sammelt dort, wo Menschen sind. Sonntagnachmittag auf den Talferwiesen waren Massen, war viel Anti-Regierungszorn, viel Unterschreib-Lust. Stephan Lausch wär ein schlechter Agitator, hätte er das Potenzial für seine Mission nicht erkannt. Verständlich deshalb, dass er sein Ladele an der Wassermauer postierte. Aber der Mann der Direkten Demokratie beließ es nicht dabei. Er war nicht Teilnehmer der Anti-Impf-Demo, er war im Programm, er stand auf der Bühne, er hat geredet. Und zwar wie. Freiheit! Freiheit! Gleich wie der ziemlich schrille Doktor vor ihm (nein, nicht der Zahnarzt mit dem Anti-Covit-Wundermittel, sondern ein „laureato in medicina con centodieci e lode“, so stellte er sich vor) und die nur weniger schrillen, aber gleich wirren einheimischen „Liedermacher“ danach.

Die Direkte Demokratie hat ihre Unschuld, so sie diese hatte, am Sonntag an der Talfer verloren. Mit der Rede ihres Herolds Lausch von der Bühne der Impfverweigerer ist sie definitiv Partei geworden. Manchmal kommt es auf die Kanzel mehr an als auf die Predigt. Die Kanzel auf der Sonntagsdemo war die der Queren, Leugner und Hetzer. Die Direkte Demokratie in Südtirol, für die ich trotz verschiedentlicher Vorbehalte (politische Entscheider auslosen statt wählen, ist Unfug.) eingetreten bin und gespendet habe, hat dort nichts zu suchen. Wer vor Demonstranten mit Spruchtafeln wie „Draghi = Hitler“ und „Speranza = Mengele“ spricht und dafür Applaus erhält, macht sich mit diesen gemein. Von Stephan Lausch hätte ich mir mehr politisches Gespür erwartet. Von Verantwortung für seinen Verein erst nicht zu reden.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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