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Der 10-Punkte-Plan


Das Team K hat ein Positionspapier ausgearbeitet, mit dem die vierte Corona-Welle eingedämmt und ein erneuter Lockdown verhindert werden soll. Ex-Primar Franz Ploner unterstreicht: „Wir dürfen nicht Geimpfte gegen Ungeimpfte ausspielen.“

von Matthias Kofler

Während die Vertreter der meisten anderen Parteien den Sommerurlaub genießen, laufen beim Team K bereits die Vorbereitungen für den Corona-Herbst. Zwar geben die niedrigen Inzidenzzahlen, die geringe Krankenhausbelastung und die steigende Impfquote der Bevölkerung Grund zur Hoffnung. „Diese gute Ausgangsposition dürfen wir aber nicht verspielen, denn die vierte Welle wird kommen“, unterstreicht Ex-Primar Franz Ploner. Daher seien strategisches Planen und Handeln von grundlegender Bedeutung. In einem zehn Punkte umfassenden Positionspapier listen die Gelben Maßnahmen auf, mit dem die Ausbreitung der Delta-Variante eingedämmt und ein erneuter Lockdown verhindert werden soll. Im Fokus steht dabei das Impfen: Möglichst viele Menschen sollen rasch einen Immunschutz erhalten, fordert Ploner und gibt einen Herdenschutz von 80 Prozent als Ziel vor. Gleichzeitig sollen die Älteren und die Risikogruppen im Herbst eine Auffrischimpfung erhalten. Das Um und Auf all dieser Maßnahmen müsse es aber sein, die Gesellschaft wieder zusammenzuführen, ist sich das Team K einig.

Tageszeitung: Herr Ploner, warum glauben Sie, dass Ihr 10-Punkte-Plan die vierte Welle verhindern kann?

Franz Ploner: Wenn wir erneute tiefgreifende Belastungen der Bevölkerung vermeiden möchten, ist eine vorausschauende Politik entscheidend. Unser Positionspapier enthält konkrete und umsetzbare Maßnahmen, die darauf abzielen, die Infektionszahlen und Erkrankungen durch SARS-CoV-2 nachhaltig niedrig zu halten. Die vierte Welle wird kommen, so wie auch die fünfte Welle kommen wird. Wichtig ist, dass wir diese Welle niedrig halten, damit es zu keiner weiteren Überlastung der Krankenhäuser kommt. Die Maßnahmen, die ich aufgelistet habe, nehmen Bezug auf das Positionspapier des deutschen Robert-Koch-Instituts. Auch in Österreich haben zwei Professoren bereits der Regierung einen Plan für den kommenden Herbst und Winter vorgelegt.

Die Südtiroler Landesregierung hat hingegen noch keinen Plan ausgearbeitet …

Das kann ich nicht sagen. Wir wollen mit unseren Überlegungen einen Denkanstoß geben, damit wir frühzeitig auf den Herbst vorbereitet sind.

Eine der Forderungen lautet, das kostenlose und niederschwellige Testangebot aufrecht zu erhalten. Wird in Südtirol nicht gerade das Gegenteil gemacht?

Man muss unbedingt das Testangebot beibehalten und weiter ausbauen. Neben der Impfung ist die frühzeitige Erkennung von infizierten Personen durch zuverlässige Tests ein wichtiges Mittel, um Übertragungsketten aufzubrechen und die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Flächendeckendes Testen stellt damit ein wichtiges Instrument dar, um nachzuverfolgen, wo sich das Virus ausbreitet und ob es Infektionen auch bei geimpften Menschen gibt. Vor allem sollten die Tests für alle Urlaubsrückkehrer und für die Erntehelfer, inklusive Geimpfte und Genesene, gratis angeboten werden. Die Tests sind auch Voraussetzung dafür, dass wir die Schulen offen lassen können. Die angekauften Nasenflügeltests sind bei der niederen Prävalenz stark fehleranfällig. Besonders für Gruppentests ist zu prüfen, ob hochsensible, PCR-basierte Gurgel- oder Spuckpooltests, wie sie in Österreich angeboten werden, zu weitaus geringeren Kosten mit zusätzlicher Niederschwelligkeit in der Anwendung zu besseren Ergebnissen führen könnten.

Sie sagen, dass die Maskenpflicht in den geschlossenen Räumlichkeiten beibehalten werden soll?

Das müssen wir wahrscheinlich, da davon auszugehen ist, dass sich auch Geimpfte infizieren und das Virus übertragen können. Es wäre falsch, die Maskenpflicht in den Öffis oder in geschlossenen Räumen, in denen kein Abstand gehalten und nicht ausreichend gelüftet werden kann, aufzuheben. Die Schulen und Kitas sollten so sicher wie möglich gemacht werden, beispielsweise mit selbstreinigenden Luftfiltern, wie sie auch in Südtirol hergestellt werden. Zudem fordern wir die Einberufung eines Kita- und Schul-Gipfels mit Fachleuten aus der Medizin, Pädagogik, Sozialwissenschaft und Vertretern der Gemeinden. Eine erneute Schließung der Schulen hätte fatale Folgen für die Gesellschaft.

Die Impfkampagne in Südtirol ist ins Stottern geraten. Wie wollen Sie mehr Menschen fürs Impfen überzeugen?

Eine Steigerung der Impffrequenz kann nur über die Ärzte für Allgemeinmedizin, die Basiskinderärzte und die Betriebsärzte erfolgen. Das Vertrauensverhältnis und der Anlass einer Konsultation seitens eines Patienten kann Raum geben, ohne Vormerkung und mit Aufklärungsgespräch sich impfen zu lassen. Es müssen kreative Lösungen gefunden werden, die Ärzte für Allgemeinmedizin und Pädiater ohne zusätzlichen bürokratischen Aufwand in die Impfstrategie des Landes einzubauen. Der Pfizer-Impfstoff muss auch nicht mehr bei -20 bis -70 Grad gelagert werden. Auch eine Lagerung bei +4 bis +8 Grad ist möglich. Wenn die tägliche Impfquote weiter rückläufig bleibt, muss über Anreize, wie sie in anderen Ländern zur Anwendung kommen, zum Beispiel Gutscheine oder Zuwendungen unterschiedlicher Art, nachgedacht werden. Abwarten ist keine Lösung. Vorsorgliche Auffrischimpfungen für Ältere und chronisch Kranke, deren Erstimpfung sechs bis neun Monate zurückliegt, sollten ab Oktober bereits jetzt geplant werden. Es ist davon auszugehen, dass die Delta-Variante so ansteckend wie die Windpocken ist. Um eine Herdenimmunität zu erreichen, müssen mindestens 80 Prozent der Bevölkerung durchgeimpft sein. Aktuell liegen wir bei knapp über 50 Prozent.

Sie schreiben unter dem letzten Punkt, dass die Gesellschaft wieder zusammengeführt werden muss. Wie meinen Sie das?

Wir dürfen nicht Geimpfte gegen Ungeimpfte ausspielen. Es würden alle arbeitsrechtlichen Bestimmungen ad absurdum geführt, wenn wir uns als Gesellschaft weiter am Impfen spalten würden. Entscheidend ist die Schutzwirkung. Um zwischen Impfbefürworter und Impfgegner aufeinander zuzugehen, muss anerkannt werden, dass mit einer Impfung nicht in jedem Fall sichergestellt ist, dass auch eine Impfwirkung durch die Bildung entsprechender Antikörper besteht. Hier bieten sich Antikörpernachweise an, die in ähnlicher Weise mehr als bisher auch für Personen Anerkennung finden sollten, die bewusst oder unbewusst eine Infektion durchgemacht haben.

Sie blicken dennoch zuversichtlich auf den kommenden Herbst?

Ja, ich bin zuversichtlich. Viele Menschen sind bereits geimpft. Daher wird die vierte Welle anders als die dritte sein. Ziel ist es, schnell wieder zum normalen Leben zurückzukehren. Das Virus wird aber nicht verschwinden, sondern ist Teil von uns geworden. Mit dem Positionspapier stellen wir sicher, dass wir unseren Kampf gegen Corona nicht in jedem Jahr von vorne beginnen müssen.

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