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„Wir geben nicht auf“

Foto: Virtus/FB

Vor einer Woche ist Virtus Bozen aus der Serie D abgestiegen. Präsident Robert Oberrauch über die Gründe und die Zukunft des Vereins.

Tageszeitung: Herr Oberrauch, eine Woche ist seit dem bitteren Abstieg von Virtus Bozen aus der Serie D vergangen. Wie geht es Ihnen jetzt?

Robert Oberrauch: Sagen wir es so, ich habe es langsam realisiert, dass wir abgestiegen sind. Womit ich gehadert habe, ist das letzte Spiel. Im letzten Spiel haben wir es nämlich wirklich selbst mit den zwei Platzverweisen versaut (Rizzon und Timpone wurden vom Platz gestellt, Anm. d. Red.). Das hat mich wütend gemacht. Dass es aber dieses Entscheidungsspiel überhaupt gebraucht hat, ist auch schon bedauerlich. Schließlich ist in dieser Saison viel passiert. Es gab anstatt der vier Absteiger ja nur zwei. Es wäre also falsch zu sagen, dass wir nur wegen des letzten Spiels abgestiegen sind. In Wirklichkeit kann man mit der gesamten Saison nicht zufrieden sein.

Was sind die Gründe für den Abstieg?

Schwer zu sagen. Die Mannschaft ist meiner Meinung nach eigentlich deutlich stärker als es der Tabellenplatz aussagt. In vielen Spielen haben sich die Spieler einfach zu sicher gefühlt, sie haben es verpasst, die Spiele klar zu machen und die Punkte für sich zu holen. DWir wären gut genug gewesen, um die Klasse zu halten, viele Vereine haben aber in der Winterpause nachgerüstet. Wir konnten jedenfalls nicht das aufbringen, was wir eigentlich können, weil wir es zu wenig wollten. In den vergangenen Jahren hatten wir recht ruhige Saisons, in denen wir leicht die Klasse halten konnten. Heuer kam es aber anderes und wir haben von Anfang an gewankt. Das betrifft aber nicht nur die Spieler. Es hätte mehr Willen, mehr Mut gebraucht – von allen. Im letzten Spiel hatten wir dann einfach die falsche Einstellung.

Wie viel Geld hat der Verein in dieser Saison ausgegeben?

Wir haben rund eine halbe Millionen Euro ausgegeben, allerdings nicht nur für die erste Mannschaft, sondern auch für unsere 400 Jugendspieler. Wir haben 21 Mannschaften, das bedeutet, wir haben 21 Trainer, 21 Meisterschaften und viele Betreuer. Rund die Hälfte des Budgets haben wir für die erste Mannschaft ausgegeben. Das ist also schon viel Geld, aber wir gehören vermutlich zu den Mannschaften in der Serie D, die noch am wenigsten Geld ausgibt.

Was wird jetzt passieren? Hoffen Sie noch auf den „Ripescaggio“?

Das weiß ich nicht. Im Laufe der nächsten Woche werden wir entscheiden, ob wir einen entsprechenden Antrag stellen, um in der Serie D zu bleiben. Wir haben bereits mit einigen Spielern gesprochen und auch die Gespräche mit den Sponsoren aufgenommen. Leider haben wir nicht das Glück, viel Geld von der öffentlichen Hand zu bekommen: Als Coronabeitrag haben wir 22.000 Euro bekommen, St. Georgen und andere Mannschaften, die eine Stufe unter uns spielen, haben 20.000 Euro erhalten. Der FC Südtirol, der eine Liga über uns spielt, hat 750.000 Euro bekommen. Das ist meiner Meinung nach nicht unbedingt richtig. Es ist zwar wichtig, dass die öffentliche Hand die Mannschaften unterstützt und ich will auch gar nicht sagen, dass eine der anderen Mannschaften zu viel Geld erhält, aber es macht einen großen Unterschied ob man in der Oberliga oder in der Serie D spielt: Wir hatten 38 Spiele, während in der Oberliga nur acht Spiele gemacht wurden.

Wird Virtus Bozen auch weiterspielen, wenn es mit dem „Ripescaggio“nichts wird und man in die Oberliga absteigen muss?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin jetzt fast zehn Jahre Präsident und wir werden das Projekt nicht einfach so aufgeben. Wir werden aber einen Umbruch einleiten. Der Unterschied zwischen Serie D und Oberliga ist nämlich groß. In der Serie D spielt man fast schon professionell. Wen wir in der Oberliga spielen, werden wir vier oder fünf „alte“Spieler behalten, den Rest werden wir mit jungen Spielern besetzen, von denen es viele gibt. Welche diese „alten“Spieler sind, weiß ich noch nicht.

Wird es auch möglich sein, den Trainer zu halten?

Wir werden uns mit dem nächsten Tagen mit Alfredo Sebastiani zusammensetzen. Er ist für uns die Nummer eins, sowohl als Mensch als auch als Trainer. Wir werden versuchen, die beste Entscheidung zu treffen, dabei geht es aber auch um seine Zukunft.

Wie ist Virtus Bozen finanziell aufgestellt? Machen Sie sich Sorgen wegen der finanziellen Situation?

Ich glaube, dass jede Person, die etwas davon versteht, sich denken kann, dass man in der Covid-Zeit vorsichtig sein muss und die Ausgaben im Auge behalten muss. Meine Aufgabe ist es, Virtus Bozen eine ruhige Zukunft zu bereiten. Ich bin seit neun Jahren Präsident und glaube, dass mir das einigermaßen gut gelungen ist. Man darf zudem nicht vergessen, dass es Virtus seit 1945 gibt und es auch weit nach mir den Club noch geben wird. Natürlich sind wir auf Sponsoren angewiesen, aber ich mache mir keine Sorge wegen der finanziellen Situation. Natürlich hoffen wir aber darauf, dass die Politik uns ebenfalls unterstützt. Fakt ist, dass wir in den letzten neun Jahren sehr gute Arbeit geleistet haben. Wir haben in der Landesliga angefangen und haben uns bereits an die Serie D gewöhnt. Wir sind zu einem sehr wichtigen Fußball-Pool in der Stadt geworden.

Noch im vergangenen Jahr schien es so, als würde es Virtus Bozen endlich schaffen, neben dem FC Südtirol dauerhaft im Profi-Fußball zu spielen. Wird das irgendwann gelingen?

Ich sehe Virtus Bozen nicht als professionellen Verein. Ich sehe unsere Rolle irgendwo zwischen Serie D und Oberliga. Unsere Mission ist es nicht, in die Serie C aufzusteigen, unsere Aufgabe ist es, möglichst viele Personen für den Fußball zu begeistern und diese auch spielen zu lassen. Wir haben über 400 Jugendspieler und haben auch eine Mannschaft für Menschen mit Behinderung, die sehr gut spielt. Wir bieten also die perfekte Mischung aus sportlichem Erfolg und soziale Aktivität für die breite Bevölkerung. So wollen wir auch bleiben.

Wird die Zusammenarbeit mit dem FC Südtirol fortgesetzt?
Ja, ich denke schon. Wenn wir in der Serie D bleiben, auf jeden Fall, wenn wir in der Oberliga spielen, müssen wir erst abwarten. Wir wollen die Zusammenarbeit aber auf jeden Fall fortsetzen.

Wird der Wiederaufstieg ein Thema, wenn Virtus Bozen nächste Saison in der Oberliga spielt?

Daran denke ich derzeit um ehrlich zu sein nicht. Wir werden uns aber glaube ich Zeit nehmen. Langfristiges Ziel wird aber auf jeden Fall der Wiederaufstieg.

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