Du befindest dich hier: Home » Gesellschaft » Der Impf-Flop

Der Impf-Flop

Foto: lpa

Die Hausärzte in Südtirol haben bisher weniger als 5.500 Impfdosen verabreicht. Nun ist das Interesse komplett eingebrochen.

von Markus Rufin

Seit rund einem Monat können Hausärzte in ihren Praxen den Coronaimpfstoff verabreichen. Das Interesse daran ist nun deutlich zurückgegangen. Und das nicht erst seitdem AstraZeneca und Johnson&Johnson nur mehr Personen über 60 Jahren verabreicht werden darf.

Zu den Daten: Bisher wurden an die Hausärzte 5.375 Impfdosen von Johnson&Johnson verteilt. Rund 180 Hausärzte hatten sich dazu bereit erklärt, in ihren Praxen zu impfen. Das sind gerade einmal rund 30 Dosen pro Hausarzt. Wie viele Impfdosen genau verimpft wurden, ist nicht genau bekannt, aber dass alle dieser Impfdosen an den Mann gebracht wurden, ist ausgeschlossen.

Das Interesse daran, sich beim Hausarzt impfen zu lassen, war von Anfang an gering, wie Doris Gatterer, Hausärztin auf dem Ritten bestätigt: „Wir haben am Ritten zu viert die Impfungen in den Praxen angeboten, wir stehen nach wie vor zur Verfügung. Allerdings habe ich mir deutlich mehr Beteiligung erwartet.“

Das liegt laut Gatterer auch daran, dass die Ärzte erst seit rund einem Monat in ihren Praxen impfen dürfen: „Zu diesem Zeitpunkt waren viele, die es wollten, bereits geimpft. Einige sind zwar noch dazugekommen, ich glaube, dass die meisten aber warten. Worauf genau sie dabei warten, weiß ich aber nicht.“

Die Hausärztin spricht sogar davon, dass die Bürger in Sachen Impfung „eingeschlafen“seien. Von einigen Patienten habe sie gehört, dass sie auf den Herbst warten wollen, damit der Corona-Pass länger hält. Ein fadenscheiniges Argument, meint Gatterer: „Das Infektionsrisiko ist im Sommer zwar gering, aber wenn ich mich schützen will, muss ich das sofort machen und nicht erst im Herbst, wenn es wieder los geht.“

Um vielleicht dennoch einige Personen zu erreichen, organisiert Gatterer gemeinsam mit den anderen Hausärzten einen Impfnachmittag am Ritten.

So wie Gatterer erging es den meisten Ärzten. Das zeigt ein Blick auf den wöchentlichen Impfreport: Seit rund drei Wochen werden nur mehr 1.000 Dosen von Johnson&Johnson verabreicht und das obwohl es auch Impftage gab, an denen dieser Impfstoff zum Einsatz kam.

Seitdem die Altersbegrenzung für den Einmal-impfstoff eingeführt wurde ist das Interesse aber komplett eingebrochen. „Bis zur neuen Regelung habe ich rund 180 Dosen verabreicht. Das Interesse war stets groß, aber jetzt müssen wir vorerst abwarten“, berichtet der Meraner Hausarzt Ernst Fop. Er habe das Angebot nun deutlich reduziert, weil auch er feststellen musste, dass in der Altersgruppe der Über-60-Jährigen viele bereits geimpft sind. Die ungeimpften Personen in diesen Altersgruppen wollen laut Fop den Sommer zunächst vergehen lassen, bevor sie sich impfen lassen.

Auffällig ist, wie wenig Hausärzte sich an der Aktion überhaupt beteiligt haben. Vor allem in den Tälern, wo es viele kleinere Arztpraxen gibt, gab es kaum Hausärzte, die die Impfung angeboten haben.

Das liegt aber nicht daran, dass die Hausärzte die Impfkampagne nicht unterstützen wollen, wie Werner Dubis aus St. Martin in Passeier erklärt: „Ich bin eine Ein-Mann-Praxis. Es ist für mich organisatorisch nicht möglich, die Impfung in meiner Praxis durchzuführen. Schon alleine die Vorbereitung ist aufwendig.“

Die Hausärzte bekommen einen Behälter mit insgesamt sechs Impfdosen, die in einem Kühlschrank gelagert werden müssen. Der Arzt muss also, bevor er überhaupt impfen kann, sechs interessierte Personen suchen. „Auch die Nachbearbeitung ist arbeitsreich. Das neben dem Normalbetrieb zu organisieren, ist nicht möglich“, meint Dubis.

Im gesamten Passeiertal habe kein einziger Arzt die Impfung in der Praxis angeboten, jedoch haben Dubis und andere Kollegen beim Impftag ausgeholfen. Dort sei die Arbeit deutlich einfacher.

Dubis glaubt aber, dass die Impfung in der Praxis nicht viel an der Impfbeteiligung im Passeiertal geändert hätte: „Im Passeiertal gibt es von jeher eine gewisse Impfskepsis.“

Ähnlich ist es auch im Ahrntal. Auch dort hat kein Arzt die Impfung in seiner Praxis angeboten, was primär am bürokratischen Aufwand liege, glaubt Andreas Seeber, Hausarzt in Sand in Taufers: „Die meisten von uns sind ohnehin bereits überlastet. Wir helfen aber gerne im Impfzentrum mit, weil es dort effektiver ist.“

Seeber betont, dass es nicht die Schuld der Hausärzte sei, dass das Impfinteresse mittlerweile so gering ist. Möglichkeiten sich impfen zu lassen habe es bereits zur Genüge gegeben.

Das sieht auch Doris Gatterer so: „Wenn sich jetzt mit den Impftagen niemand mehr impfen lassen will, dann liegt das nur mehr an der Bereitschaft der Leute. Es gibt schließlich genügend Angebote, Daten und Impfdosen. Wenn es so weiter geht, sehe ich schwarz und glaube, dass die Herdenimmunität im Sommer nicht erreicht wird. Dabei ist es nur mehr eine Frage des Willens.“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (12)

Lesen Sie die Nutzerbedingungen

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2020 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl Impressum | Datenschutz & AGB | Cookie Hinweis | Privacy-Einstellungen

Nach oben scrollen