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H. C. Artmann. Dichter (1921-2000)

H.C. Artmann 1988 bei den Kulturtagen Lana: Ein Hermes, ja, ohne dessen Dichten das 20. Jahrhundert an Sprachwelten sehr viel ärmer wäre.

Am 12. Juni wäre H. C. Artmann 100 Jahre alt geworden. Der im Jahr 2000 verstorbene Dichter und Mitbegründer der Wiener Gruppe gehörte zu den wichtigsten österreichischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Eine Geburtstagsrede von Elmar Locher.

Manche leute werden auf flußpferden geboren, andere in betten, wieder andere auf gestampften lehmböden in strohgedeckten hütten –  Ich selbst kam auf einem baum (oder in einem baum) der gemarkung Kürthal nahe dem weiler St. Achatz am Walde zur welt, zuvor natürlich noch von der behütenden eischale verhüllt, in einem zustand der geborgenheit also, der mich auch heute, nach so vielen jahren, hin und wieder unter wollenen decken der träume überfällt. Ich bin das kind aus der verbindung einer wildente und eines kuckuks und verbrachte meine jugend in den dichten laubwildnissen der buche und der linde.

So verzeichnet H. C. Artmann später seine Geburt am 12.6.1921 und er, schon gezeichnet von der Krankheit, wird diese Worte anlässlich der Verleihung des Büchner-Preises 1997, der spät, sehr spät, aber doch verliehen wurde, in seiner Dankesrede wiederholen. Wer so geboren wird, der wird in der Sprache leben, wird durch die Sprachen über-setzend (Villon, Goldoni, de Quevedo, Lovecraft, von Linné) gehen, sich in verklungene Stimmen der Her-kunft einsprechen wie oraculierend die ein Kommen anzeigende Her-kunft intonieren. Her-kunft ist immer janusköpfig. Sie schaut zurück und kommt zugleich aus einem Morgen. Ein so Geborener, so sprachmächtig wie fabulierkundig, wird sich in kombinierender Permutation üben, wird Wortstämme durchdeklinieren, in einer bricolagedie Bastelarbeit Welt des Großen Geistes nachstellen und die Worte abschmecken. In wenigen Satzbögen wird er ganze Zeitepochen kurzschließen. Dies zeigt die Erzählung der beiden feindlichen Brüder; des Nagellosen, der die Nagelfeile erfand und des Erfinders des Kammes, der selbst ohne Haare war. Eines Tages warf der Nagellose seine Nagelfeile nach dem Kahlen, er traf ihn, sein Auge rann aus; der Kahle warf seinen Kamm nach dem Nagellosen, er traf ihn, trennte ihm die Finger ab: Die namen der zwei brüder waren Abel und Cane. Das waren die namen, die ihnen die mutter bei ihrer geburt gegeben hatte. Der bär, hätte sie lieber anders genannt, Arbel und Urbel, Arwell und Orwell, aber die mutter setzte den willen der menschenfrau durch, und das war die ursache, weshalb der große mißstand des tötens in die welt kam. Die gesamte menschliche Entwicklungsgeschichte wird hier allein über geringfügige Phonemverschiebungen vom Bibelmythos zu Orwells newspeak der Macht neuzeitlicher Überwachungsgesellschaften geführt.

Und während sich die lyrischen Stimmen der frühen 50er Jahre im Gedächtnisraum der Verwüstungen des vergangenen Jahrzehnts in den adhortativen Gestus des Sprechens einübten, der Zeit nur als Aufschub einer Stundung zu leben anwies (Es kommen härtere Tage // Die auf Widerruf gestundete Zeit //wird sichtbar am Horizont […] // Sieh dich nicht um // Schnür deinen Schuh.// Jag die Hunde zurück.// Wirf die Fische ins Meer. // Lösch die Lupinen!) und die Botschaften des Regens als bedrohliche buchstabierte (Gleich wird es regnen, nimm die Wäsche herein! /Auf der Leine die Klammern schwanken. / Ein Wolkenschatten verdunkelt den Stein. / Die Dächer sind voller Gedanken), der den Tod nur lautlos im apokalyptischen Ton mitsprach, benannte ihn H. C. Artmann direkt. Und schreibt ihn doch zugleich einem uns fremd gewordenen Wortkörper ein, in dem eine scharfsinnige Seele als argutezza immer neue Tonalitäten des Bedeutens denkt. Es ist die Zeit des Barock. Er schreibt 1953 von der Vergänglichkeit und Auferstehung der Schäfferei. XXV Epigrammata in teutschen Alexandrinern gesetzet:

der todt in seiner höhl schlägt auff der aschen cither // O tantze dich zu staub / die lufft ist pulver bitter // Was grün war / wird nun grau / zwölf trauer töne steigen // Zu moder erd verkehrt dein fleisch / der dunckle reigen [ …] Er schreibt ein Epigramm auf den großen Quirin Kuhlmann, von dem nur wenige Barockspezialisten wussten:  auff den dichter qvirin kuhlmann // geboren 1651 breslau // verbrannt 1689 moskau // du aug der conseqventz . treu biß zum feuer kogel // du alchymist der wortt. du ohnbebeugte krafft ::: // du lilie & ros der teutschen dichter schafft: // aus glutt & aschen steig auff wie der foenix vogel!

Er empfiehlt Lektüren: Johannes Beer, Georg Philipp Harsdörffer, verwendet, in Anlehnung an Grimmelshausen, in Der Aeronautische Sindbart, das Pseudonym Stainfels von Grufensholm. Er schreibt von den Husaren und dem erledigten Kriegsmann, der sich vor der profetierkunst fürchtet. Und so reiten die Husaren durch die Materialität der Sprache, die noch Doppellaute kennt, die wir nicht mehr schreiben, durch eine unreglementierte Orthographie, die sich stärker am Atem des Sprechenden orientiert denn am Regelbild variantenarmer Einheitssprache, reiten für uns durch fremde Wörter einer kaum mehr erinnerten Zeit, beleben Erzählformen und Textstrukturen einer literarischen Tradition, die zu Unrecht nur mehr für Liebhaber zählt. Und der eine Husar will noch seine guldine uhr oder zwiebelhahn retten, der freilich nicht mehr zu retten ist. Unwiederbringlich sinkt dieser auf den Grund des Teiches oder Weihers oder Sees. In diesen, in ihre schlammichten betten, kriechen auch die schiltkroetten  nach getanem Kampf.

Doch es geht auch anders: zeitgleich und anders provokativ. April 1953 erfolgt die Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Aktes, die die poetischen Arbeiten der Wiener Gruppe auch in Zukunft grundieren wird. Und schon der erste Satz der Proklamation hält unmissverständlich fest: Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, dass man Dichter sein kann ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben.  Im August desselben Jahres wird dann als erster poetischer Akt eine Prozession (Une soirée aux amants funébres) inszeniert werden, die durch Wien führt: An den markantesten stellen der Prozession (c’est à dire: oper – stephansplatz – stamboul – uraniabrücke – franzensbrücke – hauptallee – illusionsbahn) werden passagen aus den œuvres von Ch. Baudelaire, Edgar A. Poe, Gérard du Nerval, Georg Trakl und Ramón Gómez de la Serna im original deklamiert. 1954 sind dann die Diskussionen zum methodischen Inventionismus abgeschlossen, den H. C. Artmann zum poetischen Inventionismus erweitern wird. Es handelt sich beim methodischen Inventionismus um ein Verfahren, das die künstlerische Arbeit vorausplanbar und programmierbar macht. Man bedient sich des goldenen Schnittes, der Kombination und der Permutation. 1958 dann eine neue Wende. Es erscheinen die Wiener Dialektgedichte med ana schwoazzn dintn. Elias Canetti hat, von Karl Kraus sprechend, die akustische Maske benannt, die das entlarvende Profil des von Kraus gezeichneten Menschen bestimmt. Bei H. C. Artmann aber ,kommen die Stimmen gegangenʻ, wie Kierkegaard die Wiederholung anlässlich einer Nestroy-Aufführung festlegte. Und in der Materialität der Stimme entstehen Gestus und Mimus zugleich: zwei Beispiele dafür, das erste aus dem Band Im Schatten der Burenwurst: „Die Burenwurscht da is vom Gigara“, meinte ein dezent gekleideter Herr zu seiner Begleiterin, „do loß i mi eineschtechn, waun des heidl ned zu hundart Prozent vom Roßfleischhocka schdaumt!“ Er bohrte bei dieser Rede mit dem rechten Zeigefinger an eine Stelle, wo ein blütenweißes Hemd seinen sauberen Hals freigab. Das zweite aus den Dialektgedichten:

 med ana schwoazzn dintn

 nua ka schmoez how e xogt!

nua ka schmoez ..

 reis  s ausse dei heazz  dei bluadex

und  hau s owe iwa r a bruknglanda!

fo mia r aus auf d fabindunxbaun

en otagring ..

daun woat a wäu

bis s da wida zuagwoxn is des loch

des bluadeche untan schilee

und sog:

es woa nix! Oda: gemma koed is s ned!

1991 erscheint der wunderbare Band st. achatz am walde ein holzrausch in der edition thanhäuser mit Holzschnitten von Christian Thanhäuser in einer Auflage von 500 Exemplaren. Das Buch der Landschaft wie des Liedes ist in der Mitte aufgeschlagen, die Rohrdommel beginnt es zu singen: die rohrdommel ist wach, / ihr liederbuch / in der mitte aufgeschlagen, / seltsame schatten / ergehen sich / hinter / mannshohen fuchsien, / der fingerhut blüht / aus weggeworfenen lumpen, / ginster und farn / liegen sich heftig im haar; / worte höre ich, / die meinen verstand schärfen / oder aber mein herz / umspinnen / wie honigfäden.  Das Buch des Liedes wie der Landschaft entblättert sich freilich nur in der Struktur des millefolium. Tausendblättrig zeigt es sich dem Blick, Schicht um Schicht,dazwischen der ara-Zauber  des Wortes und der Zauber der Minimalverschiebung von Buchstabe und Laut: arazauber // papagei / paraguay / araguay / uruguay / puruguay / pupugei

In die Gedichte verlaufen sich Mythen der Jugend mit solchen der Kinowelten. Im sprachlichen Kurzschluß trifft da schon mal santa claus, der wunderbold, auf alaska-kid, st. holzknecht.  perceval, der tumbe Tor, reitet immer noch blinden Auges zu nachtdunkeln Menschen; Queste heischend, springt er nun aber über bürgerliche ottomanen und stolpert über sofas. Stammle Verzeihung, Parzeval oder zieh, zum teufel! / wenn es um gott geht.Tröstlicher stimmt da schon der schiefe Blick, der den Band eröffnet: osterei // gott bewahre, / igor, / ein golfplatz! Doch über aller Verwandlung vom Wort in den Schatten subtiler Schnitte, vom Schnitt zum Wort gedreht, steht da die jähe Erkenntnis: logo // wer wird eine maus / an die wand malen, / wenn es eine katze / gibt?

Und auch dies war H. C. Artmann: ein Meister des Sich-Begegnen-Könnens. Sommer 1967, Paul Celan zu Besuch im Hause Klaus Reicherts, der einen Todesfall in der Familie zu beklagen hat. Paul Celan kommt, sieht die Stimmung, sinkt grübelnd in einen Stuhl. Da klingelt es wieder, H. C. Artmann, von dem man nicht wusste, dass er in der Stadt war, kommt: Ein Hermes. Er begriff sofort die Situation, ging auf Celan zu, zog ihn vom Stuhl hoch, umarmte ihn und sagte: „Meister, wie gehtʼs dir denn?“ Celan strahlte. Und auf einmal hatte jeder jedem etwas zu sagen.

Ein Hermes, ja, ohne dessen Dichten das 20. Jahrhundert an Sprachwelten sehr viel ärmer wäre.

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