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Die Brotmutter

Hedwig Pfitscher

Am Mittwoch wurde die „Franziskaner“ Bäckerin Hedwig Pfitscher in Bozen beerdigt. Ein Nachruf.

von Florian Kronbichler

Wäre Hedwig Pfitscher, geborene Weißensteiner, eine Heilige (war sie nicht), würden ihr im Heiligenhimmel jetzt vermutlich der Titel „Brotmutter“ verpasst. „Kornmutter“ ist schon an das Gnadenbild in Ehrenburg vergeben, zu dem alljährlich die Ahrntaler um eine gute Ernte pilgern. Brotmutter würde den Boznern passend erscheinen für die Frau, die fast ein halbes Jahrhundert lang in der Franziskanergasse Brot ausgab. Genau seit dem 2. November 1974 stand sie hinter dem Ladentisch.

Der junge Psairer Heinrich Pfitscher hatte hier drei Monate vorher allein seine Bäckerei eröffnet. „Die Hedwig“, eine noch jüngere Sarnerin, war seine erste Verkäuferin. Zu Allerheiligen ist sie eingetreten, „und zu Weihnachten“, sagt er, „hat’s schon gfunkt“. Das Ehepaar Pfitscher machte seine „Franziskaner Bäckerei“ zum führenden Bäckereibetrieb Bozens mit heute 8 Stadtfilialen und fast 100 festen Mitarbeitenden. Frau Pfitscher führte das stetig wachsende Brotimperium diskret vom Ladentisch des Muttergeschäfts in der Franziskanergasse aus. Wer es nicht wusste, vermutete in ihr nicht die Chefin. Sie war es, ohne es zu scheinen. Immer da, nie auftretend. Den einzigen öffentlichen Abend, den sie sich erlaubte, war einmal im Jahr der Besuch des Festkonzerts der Stadtkapelle Bozen. Gemahl Heinrich war einst deren Stabführer, und zusammen sind sie seither deren Förderer.

Frau Pfitscher wird in Erinnerung bleiben als die Brotmutter von Bozen. Die Nachbarschaft des legendären Pater Markus, der seinerzeit auf der gegenüberliegenden Straßenseite seine Bettelpforte für Obdachlose und Ganoven betrieb, kostete die Kauffrau allerhand Nerven. Sie belieferte den Pater unbegrenzt und gratis mit Ware, verdarb es sich damit aber mit der eigenen besseren Kundschaft. Bettelpater Markus starb, und Frau Pfitscher wurde de facto seine Nachfolgerin. Wer zu ihr kam, bekam. Kein Verein in Bozen („kein sinnvoller Verein“, schränkt Gemahl Heinrich ein), der für seine Veranstaltungen nicht beim Franziskaner um Bäckereien gebettelt hätte. Brot, Beiträge, Sponsoring – etwas gab’s immer. „Gönner der Stadt“ hieß bei der Eröffnung der neuen Backstube in Kardaun vor zehn Jahren Dekan Johannes Noisternigg den Franziskaner. Gemeint hatte er „die“ Franziskaner, nämlich Frau Pfitscher, aber der leutselige Seelsorger sprach noch nicht Genderdeutsch.

Frau Franziskaner war keine Frömmlerin, aber sie ließ die Kirche gut leben. Angefangen vom anrainenden Franziskanerkloster. Bei einer anderen Betriebsfeier präzisierte der ehemalige Pater Guardian Willibald geistreich, Franziskanerkloster und Franziskanerbäckerei hätten miteinander nichts zu tun, würden aber oft miteinander verwechselt, „und beide sind wir stolz darauf“. Hedwig Pfitscher starb am 3. Juni. Sie war 71 Jahre alt und hinterlässt ihren Mann Heinrich mit den beiden Kinder Jürgen und Judith.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • iluap

    Mein herzliches Beileid! ich war ab 1974 im Ludwigsheim, was einige Zeit später Pater Franz für die bedürftigen benötigte. Ich kann micht allzu gerne an die Zeit zurück erinnern als wir vom Ludwigsheim (Bubenheim) uns bei ihr die Vinschgerlen mit Streichschokolade kaufen konnten. Sie sagte immer „enk buabn muass i schun bsunders viel Streichschokolade eini tian“. Hatte das Glück jährlich noch für einen Verein in der Franziskanergasse einzukaufen. Sie war von 1974 bis 2021 immer die selbe bescheidene Frau gewesen, aber im inneren des Herzens war Sie eine der „Größten Frauen“ die ich kennen lernen durfte. Viel zu früh von uns gegangen. Danke für alles, mögen die Verwandten in ihre Fussstapfen treten !!

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