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Dagmara Kraus ausgezeichnet

Dagmara Kraus (©Ben Koechlin)

Am 15. Mai ist die 19. Ausgabe des Lyrikpreises Meran zu Ende gegangen. Nach intensiven und spannenden Diskussionen zu Gedichten von neun deutschsprachigen Dichterinnen und Dichtern, wurde der 1. Preis an DAGMARA KRAUS, der Alfred-Gruber-Preis an MARA-DARIA COJOCARU und der 3. Preis an MARCUS NEUERT vergeben.

 Ins Finale waren Mara-Daria Cojocaru, Claudia Gabler, Odile Kennel, Dagmara Kraus, Markus Köhle, Frank Milautzcki, Marcus Neuert, Felix Schiller und Martina Weber aufgenommen worden. Ihre Arbeiten standen im Mittelpunkt der diesjährigen Online-Gespräche, die eine Jury mit dem Moderator Ernest Wichner (Berlin) führte. Es diskutierten der Lektor des Wallstein Verlags Thorsten Ahrend, der Schweizer Dichter Urs Allemann, die Essayistin und Autorin Ulrike Draesner, die Literaturwissenschaftlerin aus Wien Konstanze Fliedl und der Literaturjournalist Paul Jandl.

Mit folgenden Begründungen bestimmten sie die Siegerinnen und den Sieger:

  1. Preis (8.000,00 €, Südtiroler Landesregierung) an Dagmara Kraus

Bis auf Weiteres, so ist zu hoffen, braucht die poetische Sprache keinen Reisepass. Ihre Wörter können Grenzen überschreiten, wenn sie neue Formen, Bedeutungen und Identitäten annehmen. Wenn sie reale Grenzen überwinden, dann finden sie sich zwischen den Wörtern anderer Sprachen wieder und werden zu einem eigenen und eigensinnigen Völkchen, das mit anderen eigensinnigen Völkchen paktiert. So ist es bei Dagmara Kraus, die den Wörtern freien Lauf lässt, in dem sie mit lyrischen Formen spielt und für dieses Spiel immer neue Gefährten sucht. Hans Arp, Raymond Queneau, Carlo Gesualdo und Rainer Maria Rilke. Die babylonische Verwirrung und die Bibel kommen in ihren Gedichten vor. Pathos und Blasphemie, Katastrophen und Kalauer. Diese Autorin kann episch sein und epigrammatisch, und es braucht nur ein paar ihrer Texte, um zu sehen, dass ein träumender Aal genauso majestätisch ist wie das ganze große All. Überhaupt steckt alles in allem und in Dagmar auch ein, wie es einmal heißt, „Dagmärchen“, das in großartigen Texten immer wieder aufs Neue wahr wird.

 

Mara-Daria Cojocaru (©privat)

 

  1. Preis (3.500 €, Stiftung Südtiroler Sparkasse) an Dara Maria Cojocaru

Der zweite Preis des Lyrikpreises Meran 2020/2021 geht an die Sprache Primat‘sch. Sie denkt darüber nach, wie Hautträger und Fellträger miteinander kommunizieren könnten, sie enthält dunkle Flecken und helle, Überschriebenes, neu Erfundenes. Mara-Daria Cojocarus Gedichtzyklus Hominide B-Seiten untersucht die Untersuchungen des Menschen am Tier. Er achtet darauf, was übersehen wurde und erweitert unseren textlichen Blick, indem er die alte Tradition der Bild- und Schriftkombination, wie das Emblem sie pflegte, in zeitgenössischen Gebrauch nimmt. Die Frage nach dem Zusammenklang von Zeichnung und Schrift, Diagramm und Reim, die Frage danach, wie wissenschaftliche Aufzeichensysteme und poetische Mit- oder Gegenschriften sich wechselseitig erhellen, wird in Cojocarus Gedichten auf vielfältige Weise immer wieder neu thematisiert. Ortsbegehungen finden simultan auf mehreren Ebenen statt: in der Schrift, der Widerschrift, der Handschrift, der Reimschrift der Tradition, der Überschreibung, der Worterfindung, der Zeichnung. Gezeichnet sind wir alle – Cojocarus zwischen den Sprachen wechselnde, also übersetzende Gedichte zeigen es uns so humorvoll wie intelligent, so grundsätzlich wie tongue in cheek.

Marcus Neuert (© Doris Rohde)

  1. Preis (2.500 €, Südtiroler Landesregierung) an Marcus Neuert

Marcus Neuerts Gedichte bestehen aus Sätzen, in die Anagramme eingelagert sind – also Buchstabengruppen, die zu immer neuen Wortkombinationen zusammengestellt werden. Dabei entstehen nicht nur witzige Spracheffekte: Aus dem „trauerspiel“ wird unversehens eine „arie[, die] ruelpst“.  Darüber hinaus bilden die Texte kleine, manchmal tragikomische Geschichten wie die von einem „genussartist“, dem was vor die „stirn gesaust“ ist und der deshalb mit einem Schlaganfall – „gestirnsstau“ – ins Krankenhaus eingeliefert werden muss. Manche Prägungen – wie dass einem die „locken freistehen“, will heißen: dass unter dem Schädeldach kein Verstand mehr sitzt – könnten in die Umgangssprache eingehen. Darüber hinaus zeigt ein „kleines gedicht“ poetologische Qualitäten und spricht davon, wie Poesie kindliche Naivität mit der Erfahrung von Schmerz und Tod verbinden kann. Diese Texte legen etwas von der Magie, dem blitzschnell neu sich ergebenden Sinn des anagrammatischen Verfahrens frei; sie überzeugen durch die Souveränität, mit der ein uraltes poetisches Verfahren für unvermutete sprachschöpferische Effekte genutzt wird.

Die Veranstaltung ist noch bis Ende Mai 2021 online abrufbar: www.lyrikpreis-meran.org.

Dagmara Kraus (*1980 Warschau) emigrierte 1988 nach Deutschland. Studium der Komparatistik und Kunstgeschichte, promovierte über die Poetik des Sprungs. Mehrere Auszeichnungen. Zuletzt: „liedvoll, deutschyzno“ (kookbooks 2020).

Mara-Dara Cojocaru (*1980, Hamburg) lebt als Schriftstellerin und Dozentin für praktische Philosophie in München und London. Zuletzt: „anstelle einer Unterwerfung“ (Schöffling & Co, 2016).

Marcus Neuert (*1963, Frankfurt a.M.) lebt als Schriftstellerund Musiker in Minden/Westfalen. Zuletzt: „Umaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen“ (Free Pen Verlag, 2018).

 

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