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Wie ein Wirbelsturm

Wenn Mami oder Papi krank ist: Das Rittner Bildungszentrum „Haus der Familie“ organisiert mit zwei Dutzend Südtiroler Organisationen eine Aktionswoche über Krankheit in der Familie.

Wie ein Wirbelsturm bricht eine schwere Krankheit plötzlich über Familien herein.

Alle Mitglieder sind betroffen, im Familiensystem tun sich Lücken auf, Rollen verändern sich. Es gilt, den Alltag mit Kindern zu organisieren, während die Sorge um das erkrankte Elternteil omnipräsent ist. Zum siebten Mal organisiert das Rittner Bildungszentrum Haus der Familie in der Woche vor dem Muttertag in Zusammenarbeit mit 25 Südtiroler Organisationen die Sensibilisierungskampagne MutterNacht.

Eine schwere Krankheit ist oft mit Angst und Scham verbunden. Bei einer Pressekonferenz am Bozner Pfarrplatz haben Betroffene heute von ihren Erfahrungen berichtet und NetzwerkpartnerInnen von ihrer Motivation, das Thema zu enttabuisieren. Die Aktionswoche besteht aus einer Kunstinstallation, die in der kommenden Woche jeweils mehrere Stunden nach Bruneck, Sterzing, Schlanders und Ritten kommt, aus einem Buch mit 15 Geschichten und aus zwei Podiumsdiskussionen. Auf Social Media werden Geschichten von Betroffenen vorgestellt. Finanziert und getragen wird die Sensibilisierungskampagne von der Familienagentur des Landes Südtirol. Landesrätin Waltraud Deeg und Carmen Plaseller von der Familienagentur unterstützen diese Sensibilisierungsarbeit auf allen Ebenen.

Wird ein Elternteil krank, sind alle Familienmitglieder betroffen. Eingespielte Abläufe funktionieren nicht mehr, Unsicherheiten tun sich auf. Da gilt es nicht nur, Schmerz, Angst und Ungewissheit zu bewältigen. Entstandene Löcher im Alltag müssen gestopft, neue Absprachen getroffen, externe Hilfe organisiert und angebotene Unterstützung angenommen werden. Vor allem aber sei es wichtig, darüber zu reden, sagte die von Krebserkrankung betroffene Mutter Elena Breda bei der heutigen Pressekonferenz. Sie ist mit ihrer Brustkrebsdiagnose offen umgegangen, hat ihre heute elfjährige Tochter informiert und involviert, hat Ohnmacht, Wut, Angst und Schuldgefühle zugelassen und medizinische, nachbarschaftliche, psychologische und emotionale Hilfe angenommen: „Wir haben als Familie erkannt, dass wir Ressourcen aktivieren, die aus der Not eine Tugend machen können“, sagte sie.

Renate Ausserbrunner ist mit einem psychisch kranken Vater aufgewachsen. Als ältere von zwei Schwestern habe sie vor allem unter dem Schweigen und der Tabuisierung in der Familie gelitten, erzählte sie. Heimlich hat sie als Jugendliche nachgeforscht, was das für ein Arzt war, dessen Name öfters am Mittagstisch fiel, was das für Medikamente waren, die im Küchenschrank verwahrt wurden, was die langen Abwesenheiten und Aufenthalte des Vaters in verschiedenen Kliniken zu bedeuten hatten. Nach außen Normalität zu wahren, sei ihren Eltern sehr wichtig gewesen, sagte Renate Ausserbrunner. Aber sie hätten einen hohen Preis dafür bezahlt. Erst als die Frau älter als 30 Jahre war, kam es zu einem ernsthaften Konflikt mit dem Vater, der beiden letztlich Annäherung brachte.

Elisa Brugger ist Vizedirektorin im Haus der Familie und kennt die Initiative MutterNacht vom ersten Tag an. 2015 hat das Rittner Bildungshaus mit einem ständig wachsenden Netzwerk unterschiedlich tabuisierte Themen rund um das Elternsein in der Woche vor dem Muttertag in die Öffentlichkeit getragen. So ging es unter anderem um Jugendschwangerschaften, um den Tod eines Kindes, um die Geburt eines Kindes mit besonderen Bedürfnissen, um Frühgeburt und ungewollte Kinderlosigkeit. „Wir haben es jedes Jahr geschafft, Betroffene zu animieren, ihre Geschichten öffentlich zu erzählen, haben Fachpersonen einbezogen und so Öffentlichkeit für Themen geschaffen, die sonst kaum Aufmerksamkeit bekommen“, sagt Elisa Brugger.

Das Netzwerk MutterNacht wollte das Thema der Krankheit eines Elternteils heuer in verschiedene Orte Südtirols hinaustragen, erklärte Projektleiterin Astrid Di Bella, die die Kampagne von Anfang an begleitet. Es gelte, über eine Krankheit offen zu sprechen, private und öffentliche Hilfe anzunehmen und vor allem die Kinder mit ihren Sorgen und Ängsten nicht alleine zu lassen. Das Haus der Familie hat daher die Künstlerin Astrid Gärber eingeladen, eine Installation zu entwickeln, die auch während der Pandemie durchführbar und aussagestark ist.

Die Künstlerin hat die Idee eines Irrgartens entwickelt und mit Jugendlichen des Jugendzentrums Fly in Leifers umgesetzt. Auf das Thema Krankheit angesprochen, hätten die Jugendlichen vor allem Covid genannt, erklärten die BegleiterInnen Petra Wörndle und Paul Löwe.

Das Virus habe junge Menschen in den vergangenen Monaten derart betroffen gemacht, dass sie der Pandemie beim Sprayen der Planen des Irrgartens großen Raum gegeben haben. Die Kunstinstallation wird am kommenden Montag, 3. Mai am Rathausplatz in Bruneck, am Mittwoch, 5. Mai auf dem Stadtplatz von Sterzing, am Donnerstag, 6. Mai auf dem Plawennplatz in Schlanders und am Samstag/Sonntag, 8./9. Mai beim Haus der Familie in Lichtenstern am Ritten jeweils zwischen 10 bis 15 Uhr stehen. Vorbeigehende Menschen werden eingeladen, den Irrgarten zu durchlaufen, hören dabei Stimmen von Kindern, die von der Krankheit eines Elternteils erzählen. Das Buch zur heurigen MutterNacht besteht aus 15 Geschichten von Erwachsenen und Jugendlichen, die in deutscher und italienischer Sprache von ihren Erfahrungen erzählen.

Die Geschichten handeln von Familien, in denen Mutter oder Vater wieder gesund wurden, in denen Kinder ohne ein Elternteil zurechtkommen müssen, in denen psychische Erkrankungen lebensbegleitend wurden. Das Buch ist im Haus der Familie, bei den NetzwerkpartnerInnen und bei den Kunstinstallationen in Bruneck, Sterzing, Schlanders und am Ritten erhältlich. Auszüge davon werden auch auf der Facebookseite des Hauses der Familie vorgestellt (www.facebook.com/hausderfamilie.ritten).

Erkrankte sorgen sich häufig mehr um ihre Familienmitglieder als um sich selbst. Diese Ängste vergrößern sich, wenn sie nicht ausgesprochen werden. Partnerschaften werden enorm belastet. Angehörige sind auf die Aufgaben und Belastungen nicht vorbereitet, die bei der Betreuung erwachsener PatientInnen auf sie zukommen. Dem wird bei zwei Online-Podiumsdiskussionen am Samstag, 8. Mai Rechnung getragen. Dabei diskutieren Mütter, Väter, Jugendliche und Fachleute mit Astrid Di Bella über ihre Erfahrungen, über Chaos, Trauer, über Chancen und Möglichkeiten. Die Diskussion in deutscher Sprache wird auf der Facebook-Seite des Hauses der Familie um 18 Uhr, die Diskussion in italienischer Sprache um 19 Uhr ausgestrahlt.

Finanziell getragen wird die Sensibilisierungskampagne MutterNacht von der Familienagentur des Landes Südtirol. Deren Geschäftsführerin Carmen Plaseller betonte bei der Pressekonferenz, dass Sensibilisierung solch herausfordernden Themen sehr wichtig sei. Tabuisierung belaste vor allem die Kinder, die oft ein ganzes Leben lang darunter leiden und ihre Leichtigkeit verlieren. Hilfe zuzulassen und anzunehmen sei enorm wichtig, betonte Landesrätin Waltraud Deeg. In Südtirol gebe es eine Reihe von privaten und öffentlichen Hilfsangeboten und Initiativen, die sich um Menschen mit verschiedenen Krankheiten kümmern wie etwa die Krebshilfe oder Einrichtungen für psychisch kranke Menschen. Aufsuchende Familienarbeit werde in den kommenden Jahren in Südtirol noch ausgebaut, unterstrich Waltraud Deeg.

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