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Erinnerungen an Milva

Peter Keuschnig, Milva und Hubert Stuppner nach der Uraufführung 2001 in Bozen: Milva fühlte links, hätte aber nur schwer von irgendeinem Parteiprogramm gezähmt werden können, denn sie war von Kopf bis Fuß Künstlerin, ein Naturereignis, an Charakter und expressiver Impulsivität nicht zu überbieten.

Die Chanson-Sängerin, Brecht-Interpretin und Schauspielerin Milva „La Rossa“, wie sie wegen ihrer roten Haare genannt wurde, ist am vergangenen Freitag im Alter von 81 Jahren in Mailand gestorben. Ein Nachruf von Hubert Stuppner, der sie als Direktor des Haydn Orchesters nach Bozen brachte und mit ihr 20 Konzerte mit von ihm arrangierten französischen Chansons dirigierte.

Milva hörte ich zum ersten Mal, als ich 1967, zur Zeit des Festivals von San Remo, rein zufällig in Padua in eine Bar eintrat. Auf dem Schwarzweiß-Bildschirm eines alten Fernsehers trat just in dem Augenblick eine rothaarige mir unbekannte Sängerin mit Adriano Celentano auf und sang mit diesem um die Wette. Körpersprache und Bühnenpräsenz waren dermaßen elektrisierend, dass mir dieser Auftritt zeitlebens im Gedächtnis blieb. Es waren die Jahre, als sie bereits von Giorgio Strehler als Brecht-Weill-Interpretin im Piccolo Teatro in Mailand verpflichtet war. Als ich dann viel später als Direktor des Haydn-Orchesters – im Einvernehmen mit dem  Sponsor Südtiroler Sparkasse – Milva mit einem Crossover-Programm von Kurt Weill bis Mikis Theodorakis nach Bozen einlud, kam sie mit der Idee, ein weiteres Konzert mit einem monographischen Programm um das französische Chanson folgen zu lassen, ein Konzert, das wiederum die Südtiroler Sparkasse unterstützte. Die Wahl der Gesangsnummern stammte vom damaligen künstlerischen Leiter des Orchesters von Montpellier und Chefs von Radio France, René Koering, der in Abstimmung  mit einer Mailänder Plattenfirma eine Cd mit den Hits von Edith Piaf, Yves Montand, Gilbert Bécaud, Charles Aznavour, Juliette Greco und Jacques Brel und Milva als Sängerin vorschlug. Es sollten nicht irgendwelche Arrangements sein, sondern „Remakes“ der Originale. Allein, es gab keine Partituren mehr, sondern nur Schallplatten der Auftritte im Pariser Olympia. Mich reizte die Arbeit, nur sie wurde zu einer echten Tour de force, die mich zwang, Note für Note und Akkord für Akkord van den alten Platten herunterzuschreiben.

Milva über den Dächern von Paris: Sie konnte „singen nur und sonst gar nichts“, könnte man das Lied der Marlene Dietrich („Ich kann lieben nur, und sonst gar nichts“) paraphrasieren.

Anlässlich der Uraufführung mit dem Haydn-Orchester, die ich dem verlässlichen  Freund Peter Keuschnig anvertraute, konnte ich die professionelle Bravour einer im Schlagerbereich groß gewordenen Sängerin bewundern, die alles aus dem Gehör aufnahm und präzise wiedergab. Ihre Vorstellungen von Tempo, Dynamik und Klangfarbe waren absolut und nicht verhandelbar. Da Milva die Cd-Aufnahme nicht mit dem Orchester realisierte, sondern im Playbackverfahren  im Nachhinein über die Orchesterbegleitung drüber sang, griff  sie immer wieder bei den Proben ein und sorgte laufend für Spannungen. Ich habe, als ich später dieses Chanson-Programm selbst dirigierte, mehr als nur einmal nach ihren wütenden Tiraden gegen den einen oder anderen Musiker schlichten müssen, etwa wenn ein Trommler nicht genau jenen charakteristischen Schlag zwischen Zarge und Fell am Beginn des „Milord“ traf, wie sie ihn in Erinnerung hatte („Maestro, dove ha preso quello là?…“).

Nach der Uraufführung in der Saison des Haydn-Orchesters 2001 ging sie mit dem Haydn-Orchester auf Österreich-Tournee und sang zum Abschluss in Wien im Goldenen Musikvereinssaal. Danach folgten zahlreiche weitere Konzerte im In-und Ausland unter meiner Leitung: etwa in Rom, wo wir innerhalb zweier Jahren dreimal auftraten, einmal in der Oper, dann im Palazzo Chigi außerhalb Roms, wo Szenen des „Gattopardo“ gedreht worden waren, und später auch im neu erbauten „Parco della Musica“, wo nach dem Konzert ein namhafter Politiker einer Linkspartei ins Künstlerzimmer kam und Milva zu einer politischen Karriere zu bewegen suchte. Milva fühlte links, hätte aber nur schwer von irgend einem Parteiprogramm gezähmt werden können, denn sie war von Kopf bis Fuß Künstlerin, ein Naturerreignis, an Charakter und expressiver Impulsivität nicht zu überbieten.  Sie konnte „singen nur und sonst gar nichts“, könnte man das Lied der Marlene Dietrich („Ich kann lieben nur, und sonst gar nichts“) paraphrasieren.  Sie schämte sich auch nicht, in Konzerten dem Publikum ihre bescheidene Abstammung von einer Schneiderin und einem Fischer kundzutun. Auch sparte sie nicht mit der Bemerkung, dass ihre Schulbildung nicht über die Volksschule hinausging und dass sie im Übrigen auch nicht Noten lesen konnte. Sie gab sich, entgegen dem Repertoire, das sie mit Vorliebe sang, nie als Intellektuelle.  Sie rechtfertigte sich damit, dass es die von ihr über alles bewunderte Juliette Greco – die „Muse der Existenzialisten“ – auch nicht war, obwohl sich die Greco alle Chanson-Texte von Jean Paul Sartre hatte autorisieren lassen.

Sie gab sich, entgegen dem Repertoire, das sie mit Vorliebe sang, nie als Intellektuelle. Sie rechtfertigte sich damit, dass es die von ihr über alles bewunderte Juliette Greco – die „Muse der Existenzialisten“ – auch nicht war, obwohl sich die Greco alle Chanson-Texte von Jean Paul Sartre hatte autorisieren lassen.

Bei Milva war Strehler der Sartre und Pygmalion. Als ich ihr die Memoiren  von Charles Aznavour schenkte – eine bewegende Lebensgeschichte – und ich ihr sagte, dass diese Lektüre ihre Kommentare zu den Chansons bereichern könnte, meinte sie, dass die Musik schon ausdrucksstark genug sei. Was sie damit meinte, kann man an ihrer Interpretation des berüchtigten, inzwischen verbotenen „Horst Wessel-Liedes“ (Youtube) festmachen. Da hört man, wie man Verbrechen auch ohne intellektuelle Zeigefinger, allein mit Wut und messerscharfen Konsonanten, denunziert.

Milva war noch in ihren letzten Karrieretagen stimmgewaltig wie eh und je. Peter Keuschnig mutmaßte, sie hätte wohl Stimmbänder aus Leder. Am 16. Juli 2004 traten wir mit dem Chanson-Programm im Teatro Regio von Turin auf und am Tag danach mit demselben Orchester im „Umberto Giordano“ Fest von Baveno am Lago Maggiore. Es war der Tag ihres 65. Geburtstages. Nach dem Konzert gab der Bürgermeister einen großen Empfang mit zahlreichen geladenen Gästen, nicht wissend, dass er Milva damit am wenigsten Freude machte. Ein üppiger Buffet ward serviert, mit zahlreichen Gängen und einer riesigen Torte am Ende. Milva ließ sich nur unter einer Bedingung an den Festtisch bitten, dass man ihr nur eine kleine Portion Tortellini servierte, denn ihre Mutter hätte ihr immer aufgetragen, am Abend nur wenig zu essen und früh zu Bett zu gehen. Ihr Wunsch wurde ihr erfüllt, aber vom früh zu Bett gehen, konnte nicht die Rede sein. Milva saß missgelaunt da und fragte unentwegt, wann sie denn endlich die Torte anschneiden dürfe, das dauere ihr viel zu lange. Als sie das endlich hinter sich brachte, entschuldigte sie sich und verschwand.

Milva lebte bewusst sehr genügsam, sie erzählte mir, dass sie die Spaghetti einzeln in den Topf legte und sich nie satt aß, denn – so ihre Mutter -, würde sie ein hohes Alter erreichen. Dieses wünschte sie sich vor allem. Es kam anders, doch 80 Millionen verkaufte Schallplatten werden ihren Namen als einmaliges künstlerisches  Phänomen den zahllosen Fans noch weit über den Tod hinaus ins Gedächtnis rufen:„…che la terra le sia lieve.“

  Milvas Chanson-Programm wird  am 5. September in Toblach mit Cristina Zavalloni und dem InnStrumenti –Orchester Innsbruck unter Gerhard Sammer neu besetzt zu hören sein.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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