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Wo sind die Hasen des Dekans?

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Während der Sonntagsmesse sind dem Dekan von Bruneck all seine Hasen aus dem Pfarrgarten gestohlen worden. Wurden die Hasen geklaut? Oder von Tierschützern befreit? 

von Silke Hinterwaldner

An den Nachmittagen sind die Kinder gern in den Pfarrgarten gekommen. Dort haben zeitweise bis zu 70 Hasen und Kaninchen auf sie gewartet, manche in Ställen, andere freilaufend im Gehege. Die Kinder durften die Hasen hochheben, streicheln, sie füttern.

Mitten in der Stadt Bruneck war dieser Pfarrgarten mit seinen Bewohnern für die Kinder ein Zufluchtsort. Dort haben sie Dekan Josef Wieser auch bei der Gartenarbeit helfen dürfen. Für den Geistlichen war der Besuch der Familien stets eine Freude. Jetzt aber sind die felligen Freunde weg. Der Pfarrgarten ist geschlossen. Und die Diskussion um das Schicksal der Hasen wird sehr kontrovers geführt: Auf der einen Seite stehen die Tierschützer, die bereits seit Jahren beklagt haben, die Kaninchen würden gequält und nicht artgerecht gehalten. Auf der anderen Seite stehen die Familien, die sehr bedauern, dass der Pfarrgarten nicht mehr besucht werden kann und dass die Häschen nie wieder zurückkommen werden.

Was war passiert?

Die Diskussion hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. In der vergangenen Woche kam es dann sozusagen zum Showdown. Zunächst waren Vertreter der Organisation Südtiroler Tierparadies vorstellig geworden und hatten rund zwei Dutzend Hasen mitgenommen – der Dekan zeigte sich damit einverstanden. Josef Wieser wird Bruneck im September verlassen. Der Dekan wird versetzt und hatte sich deshalb bereits Gedanken darüber gemacht, wo die Tiere untergebracht werden können. Aber er wollte den Tierschützern nicht alle Hasen gleich mitgeben, die trächtigen Weibchen wollte er behalten. Als der Dekan am Sonntag nach der Messe und dem Dienst in den Fraktionen zum Pfarrgarten zurückkehrte, fand er ein aufgebrochenes Garagentor vor – die Hasen waren weg. Dabei waren die Häsinnen in einem Stall untergebracht, der mit einem Vorhängeschloss versehen war. Nach dieser Aktion hat der Dekan ein Schild an den Eingang des Pfarrgartens gehängt: „Am Sonntag, den 11. April, während der Messe, wurden mir alle Hasen gestohlen. Es ist traurig, aber wahr! Der Pfarrgarten bleibt geschlossen.“

Der Zettel des Dekans am Tor

Sonja Meraner, Präsidentin des Vereins „Südtiroler Tierparadies hilft“, aus Kaltern erklärt im Interview, warum sie die Hasen in Gefahr sah und warum die Tiere nicht gestohlen, sondern gerettet worden sind.

TAGESZEITUNG: Frau Meraner, was ist in Bruneck vorgefallen?

Sonja Meraner: Das Ganze geht bereits seit einigen Jahren. Es sind immer wieder Meldungen gemacht worden, aber es wurde nichts unternommen. Aber wir Tierschützer wissen mittlerweile: Meldet man den Amtstierärzten etwas, passiert nicht viel. Wir waren vor Ort, haben mit dem Dekan gesprochen, der sehr nett war. Er hat uns Häschen mitgegeben. Wir haben aber bereits seit längerem im Pfarrgarten Dinge beobachtet, die man nicht gutheißen kann: Ein Kind hat einen Hasen in die Luft geworfen, er ist auf den Boden gefallen, das Kind hat ihn mit dem Fuß weggestoßen. Gegen die Hasen im Gehege ist nichts einzuwenden. Aber die Haltungsbedingungen der Hasen in den Ställen waren nicht gut, sie dürfen die Ställe nicht verlassen, das Wasser war schimmlig. Ein Kaninchen hatte ein verletztes Auge, das war erst am Donnerstag.

Sind Hasen nichts für Kinder? Ist es nicht so, dass Kinder lernen sollen mit den Tieren umzugehen?

Ich finde es gut, wenn Kinder sich mit Hasen befassen. Aber man muss ihnen einen respektvollen Umgang mit den Tieren zeigen. Die Hasen sollen nicht leiden müssen. Ich übertreibe nicht: Aber in diesem Pfarrgarten ging es wirklich zu! Es waren oft Massen von Kindern dort, das ist enormer Stress für die Hasen. Außerdem muss man darauf achten, dass die Kinder die Tiere nicht zu fest drücken. Das muss man ihnen beibringen und erklären. Auf diese Hasen ist nicht gut geschaut worden.

Was machen Sie mit den Hasen, die sie in Bruneck abgeholt haben?

Wir haben mehrere Pflegestellen: Sie kommen an einen Ort, wo sie viel Freilauf haben. Sie bekommen ein schönes Plätzchen. Das hat auch den Dekan gefreut.

Und der Diebstahl am Sonntag? Wissen Sie darüber etwas?

Davon weiß ich nichts. Aber ich weiß von anderen Tierschützern, die sich auch um die Hasen gesorgt haben. Wir hatten mit dem Dekan vereinbart, dass wir wenige Tage später wiederkommen würden.

Um die verbleibenden Hasen mitzunehmen?

Ja, so war das vereinbart.

Mit der Entführung haben Sie nichts zu tun?

Nein. Diese Hasen mögen auf den ersten Blick gut ausgeschaut haben, aber viele waren unterernährt. Ich habe noch nie erlebt, dass Tiere so viel Hunger und Durst haben. Die waren richtig gierig auf Karotte und Sellerie. Im Pfarrgarten haben sie viel Brot und Pizza bekommen…

Was sollen Hasen fressen?

Vor allem Heu, dazu auch Fenchel oder Karotten oder ab und zu einen Apfel.

Diebstahl oder Befreiung?

Wenn es um das Wohl der Tiere geht, kann man nicht von Diebstahl reden. Sobald ein Tier in Not ist, muss es gerettet werden.

Viele Familien bedauern sehr, dass die Hasen weg sind…

Das mag schon stimmen.

Für den Tierschutzverein Bruneck Gadertal erhebt dessen Präsidentin Petra Alfreider die Stimme. Sie erklärt, dass die Hasen im Pfarrgarten bereits seit zehn Jahren ein Thema für den Tierschutzverein seien. Viele Menschen hätten die Kaninchen einfach bei ihm abgegeben, sobald es zu Hause keine Verwendung mehr für die Tiere gab. Zur Lage im Pfarrgarten sagt Petra Alfreider: „Bei den Familien und Kindern gab es sicher solche, die gut mit den Tieren umgingen – aber auch solche, wo Kindern nicht gesagt wurde, dass ein Tier kein Spielzeug ist.“ Der Tierschutzverein habe dem Dekan angeboten die Hasen zu kastrieren, er habe dies aber abgelehnt.

LESEN SIE AM MONTAG AUF TAGESZEITUNG-ONLINE: 

Seit fünf Jahren wurde der tierärztliche Dienst immer wieder in den Pfarrgarten zur Hasen-Kontrolle gerufen: Dabei gab es keine nennenswerten Beanstandungen. „Die Tiere waren gesund“, sagt Artur Fabi.

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