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„Hier wird Mut gemacht“

Gesichter der Kultur: Eine Aktion, die inmitten der vielen Negativismen eine positive Kraft vermitteln soll.

Ende Mai sollen laut Landesregierung die Theater wieder öffnen. Die Projektgruppe Fabrik Azzurro  gibt der Vorfreude auf den Neustart der Live-Kunst mit einer Plakataktion nicht nur ein, sondern viele Gesichter. Ein Gespräch mit dem Regisseur Torsten Schilling.

Tageszeitung: Herr Schilling, die Stühle sämtlicher Theater sind seit Beginn der Pandemie hochgeklappt. Wie viele Produktionen mussten Sie absagen oder verschieben?

 Torsten Schilling: Ja, die Live-Kultur steht nach außen hin seit über einem Jahr still, mit einer kurzen Unterbrechung im vergangenen Sommer. Die Kunst- und Kulturschaffenden haben das mit viel Disziplin und großer gesellschaftlicher Solidarität mitgetragen. Es geht ja schließlich um Menschenleben. Hinter den Kulissen wurde freilich emsig weitergearbeitet. Da zur Perspektive der Kulturarbeit von offizieller Seite keinerlei Konzepte vorlagen, bestand die zeitaufwändigste Tätigkeit in immer neuen Planungsabläufen und Umstrukturierungen. Das zermürbt uns und unser Publikum. Gegenwärtig befinden sich drei fertige Produktionen von mir in der Warteschleife. Die Absagen und Verschiebungen habe ich irgendwann aufgehört zu zählen. Dieser Stau führt nunmehr auch dazu, dass wichtige Vorhaben in den kommenden Jahren nicht stattfinden werden, da die Vorstellungszeiträume jetzt durch die Verschiebungen blockiert sind. Gerade die vielen Freiberufler, die sozial kaum eine Absicherung erfahren, blicken nach der langen Zwangspause existentiell auch in eine sehr unsichere Zukunft. Vor allem aber entsteht dadurch auch ein quantitatives Defizit an Kulturangeboten, was gerade in dieser Zeit die gesellschaftliche Katastrophe noch verschärft.

Torsten Schilling: Dem Unwort „Systemrelevanz“ kann auch mit einem Lächeln begegnet werden.

 Wie haben Sie als freier Regisseur den Lockdown überlebt?

 Durch Arbeit und meine optimistische Grundhaltung. Der Kultur wird in Bewältigung der Krise eine wichtige Rolle zufallen. Hier wird Mut gemacht, hier werden gemeinsam Modelle für die Zukunft durchgespielt, hier ist der Ort, an dem die Werte des Lebens genau unter die Lupe genommen werden. Besonders nach einer so einschneidenden Zeit, die die Welt durcheinander gerüttelt hat. Es haben sich dadurch auch neue Chancen ergeben, die es nun mit nach vorn gerichteter Energie zu ergreifen gilt. Die aufgerissene Lücke, das Fehlen der unmittelbaren Begegnungen durch Kulturerlebnisse hat bei vielen Menschen erst das Bewusstsein geschärft, wie wichtig ihnen Kunst ist. Es motiviert sehr, die Vorfreude des Publikums zu erfahren und zu wissen, dass wir gebraucht werden. Wir sind bereit. Wir freuen uns auf Euch. So deshalb auch das Motto unserer Kampagne im Vorfeld des Neustarts.

 Ende Mai soll laut Landesregierung Theater wieder möglich sein. Kann das Theater nach der Covid-19-Katastrophe weitermachen wie vorher, oder muss es neue Anfänge finden?

 Die schwierige Phase hat uns zumindest die Chance gebracht, dass eine sehr produktive Diskussion über Inhalte und Formen in Gang gesetzt wurde. Ich denke, dass das Profil der Kunst und Kultur geschärft aus der Pandemie hervorgehen wird.Unter neuem Selbstverständnis seiner gesellschaftlichen Funktion wird das Theater mit größerer Verantwortung und Sensibilität Themen auswählen und an ästhetischen Umsetzungen arbeiten, die gute Unterhaltung mit den brennenden Fragen der Gegenwart verknüpfen. Ich hoffe dabei auch sehr auf ein größeres Bewusstsein für qualitative Maßstäbe. Kunst und somit auch die Theaterkunst muss immer nach dem Außergewöhnlichen streben und dabei dennoch nicht seine ureigenen  Grundprinzipien der Gemeinsamkeit aller Menschen vor, auf und hinter der Bühne aus den Augen verlieren.

Die vielen Experimente im Internet waren in den vergangenen Monaten dabei sehr interessant. – Sie haben vor allem eines gezeigt: Der Live-Moment, das direkte Miteinander zwischen Bühne und Zuschauersaal ist durch nichts zu ersetzen. Es muss also vor allem eine Analyse und Rückbesinnung diesbezüglich stattfinden, was die Mechanismen des Theaters, des Tanzes, der Musik auszeichnet. Und diese müssen mit neuen Mitteln ausgebaut werden. Wir dürfen vor mutigeren Herausforderungen an uns und an das Publikum nicht zurückschrecken.

Wichtig dabei ist auch, dass wir durch die Politik sowie die Kulturbehörden in der Praxis eine kompetentere Unterstützung erfahren. Die Arbeit von PERFAS (Performing Artists South Tyrol), der Vereinigung der Darstellenden Künstler*innen, Musiker*innen und Techniker*innen in Südtirol ist in diesem Kommunikationsprozess ein wichtiger Baustein. Es geht um eine Neustrukturierung von Produktionsweisen, Etats und konzeptionell fundierten Perspektiven. Vor allem aber erst einmal um die Verankerung des Grundverständnisses von Kultur im gesellschaftlichen Leben Südtirols.

 Mit Ihrem Verein Fabrik Azzurro starten Sie eine Plakataktion in den Städten, um der Vorfreude auf den Neustart der Live-Kunst Ausdruck zu verleihen. Ein Solidaritätsversicherungsversuch zwischen Publikum und Theater?

 Es ist eine Aktion, die inmitten der vielen Negativismen eine positive Kraft vermitteln soll. Bereits vor Wiedereröffnung der Kulturstätten wollen wir eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Kulturschaffenden der Live-Kunst und unserem Publikum ermöglichen. Damit wird die Vorfreude auf beiden Seiten ausgedrückt und die Sehnsucht nacheinander ins Bewusstsein gerückt, die durch die lange Trennung entstanden ist. Die Auswahl der Portraits steht für die vielen Beschäftigten unserer Branche in Südtirol. Mit Absicht haben wir keine Fotos in Kostüm, Maske und szenischer Inszenierung verwendet, sondern zeigen die Gesichter hinter den Bühnenberufen, inmitten der buntgemischten Passanten. Wir zeigen der Öffentlichkeit, dass wir nicht untätig waren, dass wir bereit für den Neustart sind, dass Freude, Neugier und Tatendrang in uns trotz der harten Zeit gewonnen haben.

 Die Plakataktion will Positionierungskämpfen und Demontagetendenzen von Demokratie und Streitkultur entgegentreten. Was meinen Sie damit?

 Kultur ist ein unverzichtbares Instrument zur Aufrechterhaltung demokratischer Grundwerte. Trotz vieler Zweifel und Nöte haben wir uns bewusst nicht in die Riege der lauten Schreier eingereiht. Es gibt eine Einsicht in humanistisch bedingte Prioritäten und es gibt eine selbstverständliche Verantwortung für uns und unsere Mitmenschen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Kunst ist dafür zu sensibilisieren. Aber immer mit hoher Achtung des Gegenüber. In der gegenwärtigen Phase von Verunsicherung und unglaublich differenzierter Faktenlage ist die Tugend der kultivierten und fairen Auseinandersetzung leider zum großen Teil in unterirdische Gefilde abgedriftet. Auf der Straße und besonders in den sozialen Medien. Doch genau das verbessert die Lage um keinen Millimeter, spaltet die Gesellschaft in verbitterte Lager, die ihre Sinne voreinander zumauern. Dem Unwort „Systemrelevanz“ kann auch mit einem Lächeln und einem Statement zum eigenen Programm begegnet werden, wie unsere Kampagne beweist. Wichtiger denn je ist es jetzt, offen Gesicht zu zeigen und Signale in Richtung eines neuen, vorurteilsfreien Miteinander auszusenden.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

Torsten Schilling arbeitet als freiberuflicher Regisseur und Dramaturg, lebt in Meran und Berlin. Er studierte Kulturwissenschaften sowie Theaterwissenschaft, war fest am Berliner Ensemble, an den Landesbühnen Sachsen und Hannover, am Theater Greifswald, am Tiroler Landestheater Innsbruck sowie als Intendant des Jungen Theaters Göttingen engagiert. Seit Jahren inszeniert Torsten Schilling erfolgreich in Südtirol, Deutschland und Österreich an Bühnen verschiedenster Genres, arbeitet zudem auch an Texten, Hörspielen, Filmen sowie interdisziplinären Installationen. Er ist Künstlerischer Leiter der Südtiroler Projektgruppe FABRIK AZZURRO und der SCHLOSSFESTSPIELE Dorf Tirol.

 

Gesichter der Kultur

Ende Mai sollen laut Landesregierung die Theater wieder öffnen. Der Verein Fabrik Azzurro  gibt der Vorfreude auf den Neustart der Live-Kunst mit einer Plakataktion nicht nur ein, sondern viele Gesichter.

(sh) Glücklich vorpandemisch oder freudig vornachpandemisch lachen die Live-KünstlerInnen von den Plakaten – deutlicher könnte die Botschaft gegen dieVerzagtheit nicht sein. Die Theatermenschen brauchen nur einen Impfstoff und der lautet: Theateröffnung.

Über ein Jahr waren die Lichter aus, die Sessel hochgeklappt, Publikum und Theatermenschen litten am gegenseitigen Verwitwetsein. Jetzt gibt es einen Silberstreifen am Horizont. Die Landesregierung hat für Ende Mai die Wiedereröffnung der Theater in Aussicht gestellt. Für gewöhnlich gehen die Theater im Juni in die Sommerpause, doch allein die Aussicht, wieder auf die Bühne zurückkehren zu dürfen, sorgt für Euphorie. Der Kulturverein Fabrik Azzurro  bereitet mit einer Plakataktion auf den Neustart der Südtiroler Live-Kunst vor. Das von  Torsten Schilling und Kerstin Kahl
 in enger Zusammenarbeit mit PERFAS – Felix Senoner, Peter Schorn, Sarah Merler, Eva Kuen konzipierte und realisierte Projekt will zum Ende des Kultur-Lockdown die Südtiroler Bühnenkünstler*innen erneut in der Öffentlichkeit sichtbar machen. Ziel dabei ist, bereits vor Öffnung der Aufführungsorte eine Begegnung zwischen Publikum und individuellen Gesichtern der Kultur zu forcieren, Vorfreude zu erzeugen, die derzeitige Lücke im gesellschaftlichen Leben spürbar zu machen.

In Kooperation mit der Vereinigung der Darstellenden Künstler*innen, Musiker*innen und Techniker*innen in Südtirol PERFAS (Performing Artists South Tyrol), den drei Kulturämtern des Landes sowie den Gemeinden Bozen, Meran, Brixen und Bruneck präsentiert Fabrik Azzurro im öffentlichen Raum Gesichter von Kunst- und Kulturschaffenden der Live-Art. Sie stehen stellvertretend für die vielen Beschäftigten Südtirols in der Branche. Genre- und sprachübergreifend.

Die Plakate im Großformat werden bis zum 6. Mai zeitgleich an folgenden Orten präsentiert: in Meran an der Fußgängerbrücke zum Thermenplatz,
 in Bozen an der Talferbrücke, 
in Brixen an der Adlerbrücke, in Bruneck an der Sparkassenbrücke Dantestrasse.

Den Brücken als Schauplätze dieser temporäre Ausstellung kommt dabei symbolischer Charakter zu: Der Brückenschlag ist das Profilbild der Kunst. Eine Verbindung zwischen Welten, Zeiten, Kulturen, Sprachen, Ideologien, Religionen, Gegensätzen, Gemeinsamkeiten.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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