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Brief an Brüssel

In einem Schreiben an die EU-Kommission kritisiert LH Arno Kompatscher die Berechnung der Inzidenzzahlen – und zeigt am Beispiel Bayern auf, warum Wenigtester besser dastehen als Vieltester.

Von Matthias Kofler

Das Schreiben datiert vom 12. März und ist an die bei der EU-Kommission angesiedelte Generaldirektion Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (SANTE) sowie an das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) gerichtet. „Dear Director General Gallina, Dear Director Ammon“, eröffnet Landeshauptmann Arno Kompatscher seinen in englischer Sprache verfassten Brief, den die TAGESZEITUNG über Umwege einsehen konnte. Sandra Gallina ist Generaldirektorin der SANTE, Andrea Ammon leitet das ECDC. Als „leidenschaftlicher Befürworter der europäischen Idee“ bedauere er zutiefst, dass die gegenwärtigen europäischen Mechanismen zur Risikobewertung der Covid-19-Infektionen zu politischen Auflagen führten, welche das Regieren erschwerten und auf verschiedenen Ebenen falsche Entscheidungen hervorriefen. Daher sei er überzeugt, dass die Mechanismen zur Diskussion gestellt und überarbeitet werden sollten, erklärt Kompatscher den Anlass seines Schreibens.

Der Hintergrund: Das ECDC stuft das Infektionsrisiko in den europäischen Regionen auf Basis der durchgeführten Testungen, der Positivitätsrate und der 14-Tage-Inzidenz ein. Als Minimum schreibt die europäische Agentur eine Testquote von 300 Tests pro 100.000 Einwohner vor. „Leider ist auf Grundlage dieser drei Werte keine differenzierte Analyse des Infektionsrisikos möglich“, kritisiert der LH. Fakt sei, dass die 14-Tage-Inzidenz darüber entscheide, ob eine Region „dunkelrot“ eingestuft werde. Dieser Fall tritt nämlich dann ein, wenn die Region mehr als 500 Neuinfektionen binnen 14 Tagen aufweist. Eine hohe Anzahl an Testungen bzw. eine niedrige Positivitätsrate kann den Worst Case folglich nicht verhindern, wenn die 14-Tage-Inzidenz über 500 liegt.

Kompatscher lanciert daher einen neuen Vorschlag: „Eine gemeinsame europäische Risikobewertung könnte wahrscheinlich nur dann vergleichbare Ergebnisse liefern, wenn sie auf der Grundlage der Bedingung erfolgt, dass alle europäischen Mitgliedsstaaten über einen bestimmten Zeitraum eine ähnliche Anzahl an Tests aufweisen.“

Zur Veranschaulichung seiner These führt der LH eine Rechnung an, bei der er Südtirol mit Bayern vergleicht. Es ist dies auch eine kleine Retourkutsche. Immerhin hatte der bayrische Ministerpräsident Markus Söder im Februar bei einer Rede im Landtag das Südtiroler Krisenmanagement als Negativbeispiel bezeichnet.

Kompatschers Rechnung: In Bayern werden durchschnittlich 50.000 Tests pro Tag durchgeführt. Aufgerechnet auf die Bevölkerungszahl entspricht dies etwa 500 täglichen Tests pro 100.00 Einwohner. In 14 Tagen wären es 7.000 Tests pro 100.000 Einwohner. „Dies bedeutet“, so führt der LH aus, „dass Bayern selbst bei einer Positivitätsrate von 7 Prozent die ECDC-Schwelle von 500 nicht überschreiten würde.“ Der Freistaat wäre also weiterhin „nur“ rot und nicht dunkelrot. In Südtirol werden täglich 2.500 Tests pro 100.000 Einwohner durchgeführt. Auf 14 Tage gerechnet sind dies 35.000 Tests pro 100.000 Einwohner. „Das heißt: Die Positivitätsrate muss unter 1,5 Prozent liegen, damit Südtirol die Schwelle von 500 Fällen nicht überschreitet und zur dunkelroten Risikozone erklärt wird“, betont der LH. Dieser Umstand könne zu „falschen und gefährlichen Entscheidungen“ bei der Krisenbewältigung führen, verweist Kompatscher auf die Einschränkung der Reisefreiheit auf der einen Seite und das Bestreben einiger Regionen, von nun an weniger zu testen, auf der anderen.

„Als Landeshauptmann von Südtirol spreche ich aus Erfahrung, zumal ich als Reaktion auf die Einstufung des ECDC bereits von verschiedenen Parteien und Interessengruppen aufgefordert wurde, die Intensität der Tests zu verringern“, erklärt Kompatscher und schließt sein Schreiben mit einem Versprechen: Südtirol werde nichtsdestotrotz an seiner Strategie des Viel-Testens festhalten, um die Anzahl der nicht gemeldeten Infektionsfälle zu reduzieren und so die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Vor diesem Hintergrund wäre es hilfreich, wenn die EU-Kommission bei den Einstufungskriterien noch einmal Hand anlege.

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