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Die Inselbegabten

700 Menschen dürften allein im Gesundheitsbezirk Brixen an Autismus-Spektrum-Störungenleiden, nur bei einem kleinen Teilwurde die Störung auch diagnostiziert. Walter Plattner, Leiter des Fachteams für ASS im Psychologischen Dienst des Gesundheitsbezirkes Brixen, über die Merkmale, die Ursachen und über die schwierige Erkennung bei einer leichten Ausprägung.

TAGESZEITUNG Online: Herr Plattner, ab 15. April startet das Fachteam für Autismus-Spektrum-Störungen im Gesundheitsbezirk Brixen mit einer wöchentlichen Sprechstunde. Warum ist dies sinnvoll?

Walter Plattner: Weil die Nachfrage nach Aufklärung stark gestiegen ist, weil die Störung besser erkannt wird und sichtbarer ist.

Wie viele Betroffene gibt es im Einzugsgebiet des Gesundheitsbezirkes Brixen?

Bei den Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) handelt es sich um ein relativ häufig vorkommendes Störungsbild. Man geht davon aus, dass ca. ein Prozent der Gesamtpopulation davon betroffen ist. Allein im Gesundheitsbezirk Brixen schätzt man also über 700 Menschen, wovon bislang nur bei einem kleinen Teil, schätzungsweise bei zehn bis 20 Prozent, die Störung auch diagnostiziert wurde. Der Verdacht wird zumeist von Eltern, Ärzten, Psychologenkollegen, pädagogischen Fachkräften im Kindergarten oder Lehrpersonengeäußert. Schwere Störungen werden zumeist schnell erkannt, leichte Formen oft sehr spät, oft erst im Schulalter oder sogar erst im Erwachsenenalter. Autismus tritt nämlich mit oder ohne begleitende intellektuelle oder sprachliche Beeinträchtigung auf, was eine diagnostische Einschätzung zusätzlich erschwert. Ist von Autismus die Rede, denken viele sofort an die Sonderform des Asperger-Syndroms, das durch durchschnittliche Intelligenz und verhältnismäßig gute sprachliche Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Andererseits lassen sich sehr oft motorische Auffälligkeiten feststellen. Bei dieser Form von Autismus kommen verhältnismäßig häufig sog. „Inselbegabungen“ vor, also besonders ausgeprägte Fähigkeiten in einem bestimmten Bereich wie in der Mathematik.

Wie können Eltern erkennen, dass ihr Kind betroffen ist?

Autismus hat vielfältige Erscheinungsformen, weshalb man heute nicht mehr von Autismus, sondern vom Autismus-Spektrum spricht. Ein auffälliger Blickkontakt steht dabei, wie manchmal angenommen, nicht im Vordergrund. Zentral sind vielmehr die allgemeinen Schwierigkeiten im wechselseitigen sozial-emotionalen Austausch. Bei einer schweren Ausprägung erkennt man beispielsweise, dass ein kleines Kind wenig Blickkontakt zu anderen Menschen hält. Es hat wenig oder gar kein Interesse an anderen Menschen, beschäftigt sich lieber mit Objekten. Das Kind kann Emotionen nicht deuten, es kann sich nicht in andere hineinversetzen oder eine andere Perspektive einnehmen, es ist wenig flexibel und reagiert sogleich emotional auf kleine Veränderungen in der Umwelt. Größere Kinder flüchten sich oft in Detailaufgaben, die andere als langweilig empfinden. Sie studieren beispielsweise detailliert das Telefonbuch. Manchmal gibt es Sprachentwicklungsprobleme oder es herrschen stereotype Bewegungen vor. Es gibt viele Anzeichen. Das häufigste Signal ist das große Interesse an Objekten, das Weg vom Menschen und das extreme Festhalten an der Routine.

Die Ursache?

Eine Folge von Impfungen, wie gerne behauptet wird, schließe ich aus. Es gibt genetische Komponenten, aber es ist nicht einalleiniges Gen dafür verantwortlich, sondern eine Interaktion von vielen Aspekten. Es gibt pränatale Einflüsse oder auch, wenn schwerwiegende Krankheiten vorliegen, wie eine frühkindliche Hirnschädigung, ist das Kind prädestiniert, Autismus zu entwickeln. Auch Umwelteinflüsse werden diskutiert und das fortgeschrittene Alter der Eltern spielt eine Rolle. Aber die genaue Ursache kennt man zumindest bislang nicht und es gibt wahrscheinlich auch nicht nur eine Ursache, sondern komplexe Wechselwirkungen zwischen mehreren.

Die Konsequenzen einer sehr späten Diagnose?

Das Verhalten derBetroffenen ist oft sehr schwer einzuordnen, wodurch es häufig zu Sekundärschäden kommt. Kinder werden dann oft ausgegrenzt und nicht richtig gefördert. Viele der betroffenen Kinder haben ja oft Stärken in bestimmten Bereichen. Es kommt zu falschen Schuldzuweisungen, weil das Verständnis nicht vorhanden ist. Erwachsene sind folglich oft von Depressionen betroffen und sie entwickeln Verhaltensmuster – sie ziehen sich beispielsweise sehr stark zurück –, die eigentlich bei einer frühzeitigen Erkennung vermieden werden könnten.Sehr wichtig ist die Aufklärung der Eltern und des ganzen Umfeldes im Umgang mit einem betroffenen Kind.

Heilbar ist das Syndrom nicht…

Aber behandelbar. Primär geht esdarum, die sekundären Auswirkungen zu verhindern.

Können Betroffene ein „normales“ Leben führen?

Manche können dies tun und sind unter Umständenauch sehr erfolgreich in ihrem Leben. Sie haben oft hohe Begabungen in einzelnen Bereichen. Wenn diese im richtigen Umfeld landen, fallen sie überhaupt nicht auf. Ein Umfeld, in dem soziale Fertigkeiten gefragt sind, ist natürlich ein No-Go. Eine Arbeitswelt, in der eine technische Begabung gefragt ist, ist hingegen idealer. Es gibt grandiose Physiker und Mathematiker, die große Beiträge in der Forschung leisten. Vielen großen Wissenschaftlern wird nachgesagt, dass sie verkappte Autisten waren. Man darf nicht alle Autisten in einen Topf werfen. Das Spektrum ist zu differenziert. Man sagt, Männer sind grundsätzlich etwas autistisch. Zumeist sind die Frauen für die Sozialkontakte zuständig, der Mann hackt lieber Holz und hat seine Ruhe.

Ist das männliche Geschlecht häufiger betroffen?

Ja, das Verhältnis ist nach aktuellen Studien 4:1, wobei aber angenommenwird,dasssich die Störung beim weiblichen Geschlecht möglicherweise subtiler zeigt und deshalb öfters übersehen wird.

An wen sollen sich Eltern wenden, wenn Sie die Befürchtung haben, ihr Kind habe eine Autismus-Spektrum-Störung?

In Brixen haben wir genau aus diesem Grundeine Sprechstunde eingerichtet. Es wird aber südtirolweit ein Netzwerk aufgebaut. In allen Sanitätsbezirken werden Autismus-Fachteams implementiert, die sich dieser besonderen für die Gesellschaft bereichernden Menschen annehmen.

Interview: Erna Egger

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