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n. c. kaser? Ja, und nochmal ja!

N. C. Kaser: Sein Sprechen geht durch die Sprachen, sein Interesse gilt der Pluralität der Sprachen: Babel also und kein newspeak der Macht.

Für die zurückgetretene SAAV-Präsidentin Maxi Obexer hat N. C. Kaser  „ein paar Gedichte verfasst und sich dann im Suff ertränkt“. „Zutiefst menschen- und werkverachtend“ findet der Germanist Elmar Locher diese Aussage und liest Kaser unter den Schlagworten Identitätspolitik, Cancel Culture, Woke-Revolution, Genderfragen.

Von Elmar Locher

„Ich finde den Hype auf N. C. Kaser, der ein paar Gedichte verfasst hat und sich dann im Suff ertränkt hat, reichlich überzogen und frage mich ernsthaft, womit das zu tun hat. Literarisch hat er für mich keine Rolle gespielt und ich frage mich, für wen er das hat“. (Maxi Obexer, Salto 21.02.2021)

Die Sätze haben mich betrübt, sie sind zutiefst menschen- und werkverachtend. Die Antwort auf sie ist nur möglich im Gedächtnis der Texte n. c. kasers. Seit der Vergabe des Kaser-Preises bleibt das Werk kasers im Gedenken des dichterischen Wortes von Schweden bis Schottland, über Deutschland und Norwegen, im respektvollen Denken der Preisträger in ihren Dankesreden. Von Innsbruck (große Kaser Ausgabe, Galerie Bloch, Hannibal, Haymon) über Berlin (Friedenauer-Presse), Leipzig (Reclam-Ausgabe) und Zürich (Diogenes-Verlag) zeugen die Editionen von der Wertschätzung n. c. kasers, „der ein paar Gedichte verfasst hat“.

Elmar Locher: Die Antwort auf Obexers Aussagen ist nur möglich im Gedächtnis der Texte n. c. kasers. (Foto: Peter Paul Gasser)

Aber die Sätze Maxi Obexers haben mich zu einer neuen Fragestellung geführt: Halten n. c. kasers Texte stand in der Diskussion, deren Schlagworte ein neues Phänomen umkreisen: Identitätspolitik, Cancel Culture, Woke-Revolution, Genderfragen? (Nicht ganz wahllos herausgegriffen aus Publikationen des Monats März 2021: Identitätspolitik ist ein Gift, Leitartikel der NZZ vom 13.3.2021; Ideologien sind für intelligente Menschen wie Drogen, Interview mit dem schwarzen Linguisten John McWhorter: „Noch vor fünf Jahren bezeichnete man Leute als ʼwoke‘, die von sich glaubten, mit der Analyse von Machtverhältnissen einen ganz neuen, erleuchtenden Blick auf die Realität zu erhaschen.“, Der Spiegel 13.03.2021; Gendergerechte Sprache. Ist das noch Deutsch. Der Kulturkampf um die Sternchen, Der Spiegel, 6.3.2021) Ja, kasers Texte halten nicht nur stand, sie haben schon vor beinahe 50 Jahren die Machtstrukturen der Sprache offengelegt. Sein Sprechen geht durch die Sprachen, sein Interesse gilt der Pluralität der Sprachen: Babel also und kein newspeak der Macht. Und: Grenzziehungen können nicht so belassen werden: „verrueckt will ich werden sein & bleiben .. versteh nicht falsch: ver-rueckt. Alle werte verruecken & und mich selber. pemms.“ Für seine Kinder in Flaas schreibt er Texte der Tradition um, dekonstruiert deren Machtanspruch. Er schreibt den neuen Text vom Pferdchen mit den Eselsohren, das nicht ins Stammbuch der Haflinger eingetragen werden kann, aber später als Zirkuspferdchen als die NUMMER reüssiert. Die Geschlechterfrage hat n. c. kaser in eine Dimension geführt, von der die heute statthabenden Diskurse noch lernen könnten, die Marginalisierung von Menschen angeprangert: Man lese nur wieder In memoriam Vittorio Bresciani (1932-1977). n. c. kaser hat sein lyrisches Ich in Spannungsverhältnisse getrieben, in denen man umkommen kann, Doppelgestalten ausgesetzt, die angstbesetzt und erwartungsambivalent die eigene Differenz buchstabieren. Dazu nur zwei Beispiele.

Es gibt einen Brief an Siegfried Baur vom 18. April 1975, in dem kaser die Absicht bekundet, am 18. nationalen Wettbewerb pennello d’argento teilzunehmen. (Siegfried Baur, der als verantwortlicher Direktor und Freund immer dann schützend die Hand über n. c. kaser gehalten hat, wenn die Schulbürokratie, der n. hc. kaser nichts abgewinnen konnte, gefährlich wurde, hat mir eine Reihe von kaser-Dokumenten als Gabe zukommen lassen. Dafür sei ihm an dieser Stelle noch einmal herzlich gedankt!)

Kasers Zeichnung für den 18. nationalen Wettbewerb pennello d’argento: Es ist, als ob das Bild zeigen wollte, ich bin Ich in meinem Doppel, aber ich bin es nicht, Ich bin in diesem Doppel meine Differenz.

 

Das gemalte Bildnis, das den Brief linksseitig bestimmt, stellt die Pik-Dame des anglo-amerikanischen Kartenspiels dar. Die Spielkarte ist eine Doppelgestalt, die untere Hälfte ist die Reflexionsfigur der oberen Hälfte, um die eigene Achse gekippt. Doch wie bei einem Suchbild erweist sich die untere Hälfte nicht als die präzise Spiegelung der oberen Hälfte. Die beiden Bilder kommen nicht zur Deckung. Leichte Verschiebungen, kleinere Differenzen scheinen die Struktur zu bestimmen. Es ist, als ob das Bild zeigen wollte, ich bin Ich in meinem Doppel, aber ich bin es nicht, Ich bin in diesem Doppel meine Differenz.

Eine Verknotung mithin. Und in Verona, in der Klinik S. Giuliana (1975) ist im Gespräch mit dem psychotherapeutchen dr. pinzello viel von diesen nodi die Rede. Knoten: 1970 erscheint in London das die Diskussion der 70er Jahre mitbestimmende Werk Knots von Ronald D. Laing. 1972 wird der Band ins Deutsche übersetzt. Eine der Verknotungen lautet: „Ich habe nie bekommen, was ich wollte. / Ich habe immer bekommen, was ich nicht wollte.“ Es gibt nun im Werk kasers Textstellen, die auf solche oder ähnliche Verknotungen verweisen. Während des Norwegenaufenthaltes schreibt kaser einen längeren Prosatext, der in der kaser-Literatur allgemein als der Briefroman aus Stordgekennzeichnet wird. In diesem Prosatext aber kommt es zu der in der eben benanntenVerknotung 1 dargestellten Verstrickung, die zugleich eine Verschiebung markiert. Die Stelle, die darauf aufmerksam macht, spricht die Problematik in einer für kaser ganz erstaunlichen Offenheit aus und benennt diese zugleich im Begriff des Knotens. Es handelt sich um zwei Frauen, die Schwestern sind: Gulla und Karin. Im Textabschnitt e) nun zurück zu gulla hält kaser fest:

„ich werde gulla nie fressen.

sie ist fuer mich ei des kolumbus & gordischer knoten. nur gewaltloesungen werden mich zum ziel bringen so stehe ich in der ungewißheit: wirst du je mit ihr schlafen oder nie. ich koennte die frage direkt an sie stellen & sie wuerde ja oder nein sagen ganz einfach ja oder nein denn wie ich sie kenne hat sie diese antwort schon seit tagen gefaellt.“ Und er stellt fest, dass in Norwegen alles zu offen gehandhabt wird und das verschrecke und irritiere ihn, und nach einem längeren Absatz steht erneut der Satz: „nun zurueck zu gulla“. Und abgesetzt in der neuen Zeile: „gulla ist natuerlich nicht schoen ansaetze zu einem doppelkinn zeichnen sich ab ihre haende sind geschickt.“ Da wird eine Frau auf Distanz gehalten, indem man sich ein Bildnis von ihr zeichnet, das eine Einzelheit hervorspringen lässt, und diese wird als Abwehrmaßnahme körperlich scharf markiert. Sie erlaubt damit zugleich, dass die Ambivalenz in einer solchen Distanzierung leichter gelebt werden kann. Der Abschnitt endet bei kaser mit den Sätzen: „am liebsten moechte ich heim. gulla werde ich vergessen nie aber karin ihre schwester.“ Und der Text fährt fort:

„b) karin

karin ist so schoen so einfach schoen daß einem die vergleiche schwer fallen. vielleicht ist sie die botticelli-venus oder doch besser jenes maedchen von munch mit den fließenden haaren jenes bild das ich in meiner kammer unter dem zaehler haengen hatte.“

Auch in diesem Falle Distanzierung, aber die Frau wandelt sich zur Kunstfrau. Unerreichbar ist die Frau, aber dem Auge jederzeit sichtbar. Der Körper wird fixiert im Kunstkörper, mit dem, im symbolischen Raum der Zeichen, jederzeit in Dialog getreten werden kann, ohne dass ein Sprechen und Werben sich der Angst aussetzen müsste, von diesem Körper zurückgewiesen zu werden. Es bliebe freilich an dieser Stelle auch die Frage, ob sich hier nicht doch wieder die Pathosformel Warburgscher Provenienz zeigt, die von einer Stillstellung des Körpers ausgeht, von einem Distanzschaffen zwischen sich und der Außenwelt im Denkraum. Darauf verweisen nicht nur die von kaser aufgerufene Referenzfigur der botticelli-venus sondern auch die fließenden haare, seit Aby Warburg das Merkmal der Mänade und des Ghirlandajo-Mädchens, die in wandelbarer Gestalt immer wiederkehren und uns als Alb aufhocken. Von Spaltungen kann gesprochen werden, von Verschiebungen. Doch was, wenn die Spaltung durch das eigene Geschlecht geht? Immer noch in Norwegen, in der Fremde, wird der eigene Körper als der müde Körper gezeichnet. Das Gedicht ist auf den 300770 datiert, und der letzte Satz spaltet sich, durch den doppelten Zeilendurchschuss markiert, gleichsam noch einmal vom Gedicht ab:

muede meine haende wie

leere tauben

voller ringe & gold

haengen sie

 

muede mein mund wie

ausgeloeste krabben

voller zaehne aus grauem

elfenbein klappt

er

zu

gespalten mein geschlecht

bergen 300770

Doch bevor sich die letzte Zeile noch einmal vom Gedicht abspaltet, sind im geschlechtbereits die verschiedensten sprachlichen (Ab)Spaltungen kenntlich geworden: „der länge nach gewaltsam trennen“, vermerkt das Grimmsche Wörterbuch zu spalten. Seit Jacques Derridas Kommentar zu Martin Heideggers Lesart des Verses „Aber strahlend heben die silbernen Lider die Liebenden / Ein Geschlecht. Weihrauch strömt von rosigen Kissen / Und der süße Gesang der Auferstandenen“ von Georg Trakls Abendländisches Lied wissen wir, wie komplex sich Bedeutungsschichten um dieses Wort legen, wie opak sich genauere Bestimmungen in Vielfachbezügen / -brechungen immer wieder verschleiern und zeigen. Heidegger merkt zu Trakls Geschlecht an: „In dem betonten Ein Geschlecht verbirgt sich jenes Einende, das aus der versammelnden Bläue der geistlichen Nacht einigt. […] Demgemäß behält hier das Wort ‚Geschlecht‘ seine volle bereits genannte mehrfältige Bedeutung. Es nennt einmal das geschichtliche Geschlecht des Menschen, die Menschheit, im Unterschied zum übrigen Lebendigen (Pflanze und Tier). Das Wort ‚Geschlecht‘ nennt sodann die Geschlechter, Stämme, Sippen, Familien dieses Menschengeschlechts. Das Wort ‚Geschlecht‘ nennt zugleich überall die Zwiefalt der Geschlechter.“ Und von all dem ist das „gespaltene geschlecht“ des Gedichts kasers abgespalten und lässt sich doch nur lesen in den Verknotungen, die sich in diesem Wortfeld knüpfen.

Am Ende eine bescheidene Bitte: Lesen wir doch wieder den einen oder anderen Text n. c. kasers.

 

Zur Person

Elmar Locher, 1951 in Bozen geboren, studierte Germanistik, Vergleichende Literaturwissenschaft und Linguistik in Wien, München und Innsbruck. 1983-`86 Lehrauftrag an der Universität Innsbruck, 1986-`92 wissenschaftlicher Assistent an der Universität Trient für Dt. Sprache und Literatur. Von 1992 bis 2016  war er Professor für Germanistik an der Universität Verona. Er ist Präsident der Bücherwürmer Lana.

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