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Einmal Provinz und zurück

Stadttheater Bozen: Hang zum Familienbetrieb.

Die Vereinigten Bühnen Bozen sind nach dem angekündigten und wieder verschobenen Abgang von Irene Girkinger auf Intendant*innensuche. Doch die Zusammensetzung der Findungskommission lässt vermuten, dass die Intendanz wie ein „Erbhof“ weitergegeben wird.

Eine Findungskommission für eine Theaterindendanz, in der die scheidende Intendantin vertreten ist – das erweckt, um es österreichisch auszudrücken, zumindest den Verdacht eines „Gschmackerls“. Wenn dann die Leitung der Findungskommission auch noch mit einer Regisseurin besetzt ist, die ihrerseits von der scheidenden Intendantin immer wieder als Regisseurin engagiert wurde, ist der Geschmack nach „Erbhof“ nicht mehr zu überriechen.

Der Reihe nach. Im Oktober des vergangenen Jahres gab die Intendantin der Vereinigten Bühnen Bozen, Irene Girkinger, bekannt, ihren bis zum Ende der Spielzeit 2021 / 2022 geltenden Vertrag nicht mehr zu verlängern. Ein Wechsel nach zehn Jahren an der Spitze werde dem Theater neue künstlerische Impulse geben, sagte sie. Wohl wahr.

Die Stelle wurde in Fachzeitschriften prominent ausgeschrieben, doch in der Zusammensetzung der Findungskommission ging Südtirol wie schon in der Coronakrise einen (krachend gescheiterten) Sonderweg.

Diese besteht aus der Vorsitzenden Bettina Bruinier, (Schauspieldirektorin am Staatstheater Saarbrücken und Regisseurin), Johannes Reitmeier (Intendant des Tiroler Landestheaters und Regisseur), Jonas Knecht (Schauspieldirektor am Stadttheater St. Gallen und Regisseur), Peter Paul Kainrath (Intendant des Klangforums Wien, künstlerischer Leiter des Bolzano Festivals Bozen und des Busoni/Busoni-Wettbewerbs sowie Direktor des Festivals „Transart“), Hannah Lioba Egenolf (Leitende Dramaturgin am Werk X Wien und Lehrende an der Universität für angewandte Kunst Wien) sowie Barbara Weis (Präsidentin der Vereinigten Bühnen Bozen und Direktorin des Amts für Film und Medien der Provinz Bozen). Irene Girkinger steht der Findungskommission als beratendes, nicht stimmberechtigtes, Mitglied zur Seite.

Dass eine Kommission, aus welchen Gründen immer, Berater heranzieht, ist noch nichts Ungewöhnliches. Nicht nur ungewöhnlich, sondern absolut verpönt zumindest in der deutschsprachigen Theaterlandschaft ist es jedoch, dass eine scheidende Intendantin bei der Wahl Ihres/ihrer Nachfolgerin mitreden darf. Wo soll die Erneuerung herkommen, wenn nicht über eine Kommission, die nüchtern auf die Bilanzen der vorangegangenen Intendanz schaut und eine neue künstlerische Richtungen einschlägt? Dass Irene Girkinger in der Kommission nur beratende Funktion hat, ändert nichts am fatalen Eindruck, dass das Haus am Verdiplatz wie ein „Erbhof“ weitergereicht werden soll. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass die Findungskommission von der Regisseurin Bettina Bruinier geleitet wird, die von Girkinger immer wieder als Regisseurin engagiert wurde.

Die Gefahr, dass einzelne Mitglieder ihre eigene Agenda betreiben, also Kandidaten durchzudrücken versuchen, mit denen sie beruflich und/oder persönlich „verbandelt“ sind, besteht in jeder Kommission. Dagegen hilft nur Transparenz und die beginnt, zumal in der kleinen Theaterwelt, in der alle alles von allen wissen, mit der Besetzung der Kommission. Fällt der Schatten eines Zweifels auf sie, wird eine Ausschreibung leicht zur Provinzposse.

Es stimmt, dass Girkingers Beteiligung in der Kommission in der Ausschreibung mitgeteilt wurde – da hätte die Politik klare Vorgaben liefern müssen – es stimmt jedoch nicht, wie die Präsidentin Barbara Weis sagt (siehe Interview), dass das in der Theaterwelt üblich sei. Im Gegenteil.

Laut Rolf Bolwin, 25 Jahre geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins, stehe das „dem Gedanken der künstlerischen Neuorientierung entgegen“. (siehe Interview).

Doch der Hang zum Familienbetrieb war bei den VBB seit Girkingers Antritt stark ausgeprägt. Ihr Ehemann Alexander Kratzer bekam wundersamerweise eine Regie nach der anderen übertragen. Als Außenstehender rieb man sich die Augen, dass der Vorstand nie dagegen eingeschritten ist.

Die VBB, 1992 hervorgegangen aus dem Zusammenschluss von vier Amateur-Theatervereinen und seit 1999 im Stadttheater Bozen zuhause, sind immer noch auf der Suche nach einem künstlerischen Profil. Gegen das Gastspieltheater des Kulturinstituts stehen sie auf verlorenem Posten, das Teatro Stabile hat sein Stammpublikum und an den Charme der vier Städtetheater reicht es trotz (oder wegen) seitenweise bezahlter Anzeigen im Tagblatt mit Schickimicki-Premierenfeiern nicht heran. Da stellt sich jedes Mal die alte Frage: Was soll das ganze Theater eigentlich? (Heinrich Schwazer)

 

„Ich kann Ihre Frage nicht verstehen“

Die Präsidentin der Vereinigten Bühnen Barbara Weis hat die Zusammensetzung der Findungskommission zusammen mit der Intendantin vorgenommen. Und sieht darin kein Problem.

Tageszeitung: Frau Weis, wann entscheidet die Findungskommission der VBB über den/die NachfolgerIn von Irene Girkinger?

Barbara Weis: Die Nachfolge wird im Frühsommer 2021 entschieden werden. Allerdings ist es nicht die Findungskommission, die entscheidet, sondern einen Vorschlag (max. drei) dem Vorstand der VBB unterbreitet. Dieser wird dann die Entscheidung treffen.

Barbara Weis: Die Zusammensetzung der Findungskommission wurde von mir zusammen mit der Intendantin vorgenommen.

Wer hat die Zusammensetzung der Findungskommission zu verantworten?

Die Zusammensetzung wurde von mir zusammen mit der Intendantin vorgenommen und wurde dann dem Vorstand zur Genehmigung unterbreitet.

Frau Girkinger hat also bei der Zusammenstellung der Findungskommission mitentschieden?

Nein, die Entscheidung ist vom Vorstand der VBB getroffen worden.

Die Zusammensetzung der Kommission ist umstritten, da die Intendantin Irene Girkinger als (nicht stimmberechtigte) Beraterin darin präsent ist. Es ist in der deutschsprachigen Theaterwelt absolut unüblich, dass die aktuelle Leiterin über ihre Nachfolge mitreden darf. Warum haben Sie Girkinger in die Kommission genommen?

Warum ist die Zusammensetzung umstritten? Auch, dass die scheidende Theaterintendantin als beratendes Mitglied dabei ist, ist nicht so unüblich in der Theaterwelt, wie Sie schreiben. Wir haben diesen Umstand sehr transparent in den Ausschreibungsunterlagen mitgeteilt und dafür haben wir von Bewerbern auch schon Lob erhalten, ob der Transparenz. Es hat eigentlich nur ein Bewerber diesen Umstand im Nachhinein beanstandet. Grundsätzlich finde ich es sehr sinnvoll, dass der oder die scheidende Intendantin beratend der Kommission zur Seite steht. Sie oder Er kennen den Betrieb am besten. Besonders im Fall der VBB ist dies wichtig, da – wie Sie sicherlich wissen – die VBB nicht als einzige Kulturorganisation im Stadttheater Bozen zu Hause ist.

Kritisiert wird auch, dass Bettina Bruinier mit der Leitung betraut wurde, die mehrfach von Irene Girkinger als Regisseurin engagiert wurde. Sollte eine Kommission solche beruflichen und persönlichen „Verbandelungen“ nicht um jeden Preis vermeiden?

Ich kann Ihre Frage nicht verstehen. Frau Bruinier ist eine erfahrene Theaterfrau und dafür sitzt Sie in der Kommission. Ja, sie hat bei den VBB inszeniert (in 10 Jahren sind es vier Mal), letzthin übrigens das Stück „Gott“, welches ich Ihnen sehr nahelege anzuschauen. Ich finde es macht doch Sinn zumindest ein Mitglied in der Kommission (Insgesamt sind es ja 6) zu haben, das selbst externe Erfahrung mit dem Haus gemacht hat. Was sollte das für die Auswahl der Nachfolge für ein Problem sein? Irene Girkinger steht ja nicht mehr zur Auswahl. Die Kommission ist übrigens auch in den Bewerbungsunterlagen transparent mitgeteilt worden. Es gab, bis auf einen Bewerber (im Nachhinein) keine Beanstandung dazu.

Eine Findungskommission hat unter anderem die Aufgabe, nüchtern und unbeeinflusst auf die Bilanzen der vorangegangenen Intendanz zu schauen, um eine Erneuerung einzuleiten. Wie soll das funktionieren, wenn die aktuelle Intendantin und eine mehrfach engagierte Regisseurin darin präsent sind?

Das sehe ich wohl anders. Eine Findungskommission, die aus Experten besteht, hat im Auftrag des Vorstandes eine Auswahlverfahren aufgrund von vorher festgelegten Kriterien durchzuführen. Die Findungskommission hat nicht den Auftrag die Arbeit der auslaufenden Intendanz zu bewerten. Die Kriterien sind in den Bewerbungsunterlagen zu lesen. Zudem kann ich sagen, dass wir als Vorstand der VBB, die bisherige Arbeit von Irene Girkinger sehr schätzen. Mir persönlich tut es auch sehr leid, dass sie die VBB verlässt.

Interview: Heinrich Schwazer

 

„Intendantenwechsel dienen der künstlerischen Neuorientierung„

Rolf Bolwin war 25 Jahre geschäftsführender Direktor des Deutschen Bühnenvereins und in zahlreichen Findungskommissionen für Intendanzen vertreten.

Tageszeitung: Herr Bolwin, Sie waren ein Vierteljahrhundert lang Direktor des Deutschen Bühnenvereins und häufig in Findungskommissionen für Intendanzen vertreten. Ist es üblich, dass der/die aktuelle IntendantIn bei der Besetzung der Kommission auch nur als beratendes Mitglied präsent ist?

Rolf Bolwin: In Deutschland ist die bisherige Theaterleitung kaum an der Suche nach der neuen Intendanz beteiligt, erst recht nicht an der Findungskommission. (Foto: Klaus Lefebvre)

Rolf Bolwin: Das Theater ist ein Kunst-Betrieb, also kein übliches Unternehmen. Der Intendantenwechsel dient der künstlerischen Neuorientierung des Theaters. Deshalb ist in Deutschland die bisherige Theaterleitung kaum an der Suche nach der neuen Intendanz beteiligt, erst recht nicht an der Findungskommission.

Bei der Ausschreibung der Intendanz der VBB (Vereinigte Bühnen Bozen) ist die aktuelle Intendantin als beratendes Mitglied anwesend, die Leitung der Kommission obliegt der mehrfach von der Intendantin engagierten Regisseurin Bettina Bruinier. Wie beurteilen Sie das?

Auch bisher am Theater tätige Künstler werden nicht in das Findungsverfahren einbezogen. Das würde dem Gedanken der künstlerischen Neuorientierung entgegenstehen. Meist werden andere Experten hinzugezogen (Bühnenverein, Intendanten anderer Häuser, Hochschulleiter). Gibt es ein gutes Verhältnis zum scheidenden Intendanten, wird er schon einmal nach Vorschlägen für die Neubesetzung gefragt, die dann als Ideen Eingang in das Findungsverfahren finden.

Riskiert eine Ausschreibung durch eine solche Zusammensetzung der Kommission kompromittiert zu sein?

Nun, Kompromittierung geht mir ein wenig weit, aber es hinterlässt einen in der Theaterszene eher ungewöhnlichen Eindruck.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • bilanz

    Die VBB stehen als negatives Beispiel für das Selbstverständnis Südt. Kulturpolitik da: Möchtegern-Internationalismus, welcher erst so richtig das Provinzielle hervortreten lässt. Wenn man in Südtirol fragt, wer oder was sind die VBB, dann bekommt man ein Bild von der totalen Bedeutungslosigkeit, welche diese Institution nach so vielen Jahren immer noch hat… die Schuld liegt aber nicht bei der Intendantin – die hat nur das getan, was für sie selbst völlig richtig ist – sie hat ihre weitere Karriere gefüttert, indem sie sich bei Regisseur*innen und Schauspieler*innen nördlich vom Brenner „Liebkind“ gemacht hat… Schuld sind jene Politiker und auch sonst Kulturverantwortlichen (man weiß ja die abgehobene Weis), für welche es viel wichtiger ist, was evtl. in Hamburg oder Berlin über das Theater in Bozen geschrieben werden könnte… ob das Südtiroler Publikum das Theater annimmt und sich damit identifiziert, ist völlig egal… dabei wäre zuallererst diese Hausaufgabe zu erfüllen gewesen… inzwischen hat jede Heimatbühne bald mehr Zuschauer als die Produktionen der VBB… aber ein paar Pseudo-Culturi können sich im Pseudo-Internationalismus suhlen – auch wenn das Theater leer bleibt! Bedenklich und vor allem in Corona-Zeiten mehr als je fragwürdig… es bräuchte endlich auch in der südt. Kultur Mut zum Regionalismus… denn das meiste was von „draußen“ kommt ist auch nur mit Wasser gekocht…

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