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Die kriminelle Energie

Benno Neumair (Foto: FB)

Benno Neumair hat im Sommer 2020 in Neu-Ulm einen Raubüberfall vorgetäuscht, weil seine Freundin Nadin die Beziehung wegen eines Kreditkartenbetrugs beenden wollte. Um den Überfall echt erscheinen zu lassen, hat er sich Eigenblut unter die Augen injiziert.

von Artur Oberhofer

Als Nadin R. am Montag, 6. Juli vergangenen Jahres, gegen 16.00 Uhr nach Hause kam, stockte ihr das Blut in den Adern.

Ihr Freund Benno Neumair stand im Flur. Er hielt ein Küchenmesser in der Hand, wirkte völlig aufgelöst. „Ich wurde überfallen“, rief Benno Neumair, „es waren deine Freunde, die mich überfallen und so zugerichtet haben, Nadin, vielleicht sind sie noch im Haus …“

Diese turbulenten Szenen spielten sich an jenem Montag im Juli in der Wohnung von Nadin R. in Neu-Ulm ab.

Die junge Frau, sie ist um die 30, teilte diese Wohnung in der Luitpoldstraße in Neu-Ulm mit ihrem Südtiroler Freund Benno Neumair.

Nadin R. bekam es an jenem Nachmittag mit der Angst zu tun, sie griff zum Handy und alarmierte die Polizei.

Als die TAGESZEITUNG vorvergangene Woche zum ersten Mal bei der Polizeiinspektion Neu-Ulm nachfragte, was an jenem Montag im Juli 2020 in der Wohnung von Nadin R. wirklich passiert sei, wurde die Sache heruntergespielt (heute weiß man, dass dies auf Bitte der Südtiroler Ermittler geschah).

Thomas Merk, Erster Polizeihauptkommissar, sagte:

„Es ist an jenem Tag zu keinerlei Straftat gekommen. Es stimmt, dass er ein Messer in der Hand hielt. Herr Neumair war aufgrund seiner vermutlichen Erkrankung vorbereitet, sich verteidigen zu können, gegen wen auch immer.

Er hat niemanden bedroht.

Und auch als er in Gewahrsam genommen wurde, gab es keine Probleme.

Es ist zu keiner Widerstandshandlung gekommen.“

Neu-Ulm (Google-Maps)

Und das Messer? Was bezweckte Benno Neumair mit dem Küchenmesser?

Dazu Polizeihauptkommissar Merk:

„Er hatte das Messer nur zum Selbstschutz, er hat auch die Wohnung nie verlassen, so dass nie eine Gefahr für Dritte bestanden hat.“

Einmal in Gewahrsam, wurde Benno Neumair in die Klinik für Psychiatrie im Bezirkskrankenhaus Günzburg gebracht.

Es handelte sich um keine Zwangseinweisung im eigentlichen Sinn, sondern die rechtliche Grundlage für die Einlieferung Benno Neumairs in diese Klinik war das psychiatrische Krankenhilfegesetz, das eine Zwangseinlieferung in eine psychiatrische Struktur vorsieht, wenn eine Selbst- und/oder Fremdgefährdung nicht auszuschließen ist.

Die Polizei hat Benno Neumair an jenem Nachmittag in die Klinik hinbegleitet. „Wir haben Herrn Neumair in ärztliche Obhut und Betreuung übergeben, damit war der Fall für uns erledigt“, so Hauptkommissar Thomas Merk.

Und da Benno Neumair keine Straftat begangen und keine Anzeige gegen ihn vorgelegen hat, wurde der Vorfall in der Luitpoldstraße auch kein Fall für die Staatsanwaltschaft.

Die TAGESZEITUNG hat jetzt exklusiv die Hintergründe zu diesem Vorfall recherchiert und kann dokumentieren, was an jenem Nachmittag im Juli 2020 in der Wohnung von Nadin R. in der Luitpoldstraße in Neu-Ulm wirklich passiert ist. Diese neuen Fakten werfen ein neues Licht auf den möglichen Elternmord – und sie lassen Rückschlüsse auf die kriminelle Energie zu, die in Benno Neumair steckt.

Demnach hat Benno Neumair den Raubüberfall simuliert, weil seine deutsche Freundin draufgekommen war, dass er ihre Kreditkarte benutzt hatte, um Nahrungsergänzungsmittel und möglicherweise auch Dopingpräparate im Internet zu kaufen. Mehr noch: Um den Raubüberfall durch Nadins Freunde vorzutäuschen, hat sich Benno Neumair an jenem Nachmittag mit einer Spritze sein eigenes Blut zuerst abgenommen und es sich dann ins Gesicht injiziert. Deshalb die Hämatome unter den Augen.

Benno Neumair vor seinem Haus (Foto: Screen-Chi l’ha visto?)

Doch der Reihe nach: Anfang Juli 2020, als sie ihren Kreditkartenauszug analysierte, bemerkte Nadin R., dass ihr am 23. Juni 2020 ein Betrag abgebucht wurde, den sie sich nicht erklären konnte. Später fand die junge Frau heraus: Es ging um eine Bestellung von Nahrungsergänzungsmitteln und leistungsfördernden Substanzen bei einer Pharmafirma im Internet.

Nadin R. stellte Benno Neumair zur Rede. Doch ihr Freund bestritt die Kreditkartennutzung kategorisch. „Das war ich nicht!“

Ein verhaltensmäßiger Klassiker im Leben von Benno Neumair: Er leugnet das Offensichtliche!

Das hatte Benno schon als Fünfjähriger getan, als er in der damaligen Wohnung der Familie Neumair in der Rauschertorgasse in Bozen einen Teppich zerschnitt und zu seinen Eltern sagte: „Ich war es nicht!“

Als Nadin R. ihm zu verstehen gab, dass sie die Beziehung beenden wolle und er ihre Wohnung verlassen solle, inszenierte Benno Neumair den Raubüberfall, wobei er gegenüber Nadin R. behauptete, es seien ihre Freunde gewesen, die ihn überfallen und verprügelt hätten.

Benno Neumair ließ sich an jenem Nachmittag von der Polizei anstandslos abführen. Er wurde in die Psychiatrie des Krankenhauses Günzburg gebracht.

Dort bemerkten die behandelnden Ärzte sofort, dass sich Benno Neumair die Verletzungen im Gesicht selbst zugefügt und sich Eigenblut unter die Augen injiziert hatte. Der Grund: Im Zentrum jeder Wunde im Gesicht war eine Einstichstelle zu sehen.

Laura Perselli und Peter Neumair

Nach Informationen der TAGESZEITUNG aus der Klinik hat Benno Neumair gegenüber den Ärzten zugegeben, den Überfall inszeniert zu haben.

Die Ärzte in der Klinik in Günzberg, wo Benno Neumair betreut wurde, bis ihn sein Vater Peter abholte, haben bei dem jungen Mann „psychiatrische Auffälligkeiten“ festgestellt, aber sich jeglicher Diagnose enthalten – auch weil der Vater erklärte, die Familie habe bereits Kontakt zu einem Psychiater in Südtirol aufgenommen, der sich um Benno kümmern werde.

Als mögliche Krankenbilder nannten die deutschen Ärzte eine Schizophrenie und eine Persönlichkeitsstörung. Die Psychiater in Günzburg verschrieben Benno Neumair ein Antipsychotika, das er aber nicht eingenommen haben soll.

Die Selbstverletzungen, die sich Benno Neumair zugefügt hat, wurden von den Günzburger Psychiatern als mögliches Münchhausen-Syndrom gedeutet. Es handelt sich dabei um ein psychische Störung, bei der die Betroffenen körperliche Beschwerden erfinden bzw. selbst hervorrufen und dramatisch präsentieren, um Aufmerksamkeit, Zuwendung, Mitleid und Hilfe zu bekommen.

Als Peter Neumair seinen Sohn in der Klinik abholte, wunderte er sich darüber, dass Benno, der einstige Herkules, „nur mehr ein Kerl aus Haut und Knochen war“, wie der besorgte Vater zu Verwandten sagte.

Die Klinik in Günzburg

Bereits am 12. Juli 2020 suchten die Eltern von Benno Neumair einen Südtiroler Psychiater auf, der sich auch bereiterklärte, den jungen Mann stationär aufzunehmen.

In dem inzwischen auf mehrere tausend Seiten angeschwollenen Faszikel der Staatsanwaltschaft Bozen zum Fall Neumair mit dem Aktenzeichen 224/2021 ist der erfundene Raubüberfall vom 6. Juli vermerkt.

In den Akten steht außerdem, dass Benno Neumair keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Und auch die Eltern haben laut den Erkenntnissen der Ermittler nicht weiter insistiert, dass der Junge in Therapie geht, sondern gehofft, dass der junge Mann – der wenige Wochen später eine Stelle als Mittelschullehrer bekommen hat –  sich wieder fangen kann.

Hätte Benno Neumair im Sommer 2020 die Hilfe angenommen, würden seine Eltern wahrscheinlich noch leben.

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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