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Ein barocker Mensch

Johannes Pramsohler: Wir haben Denis Diderot als Namenspatron gewählt, weil er für uns der interessanteste Vertreter der Aufklärung war: Wortgewandt, vielseitig und mit einem großartigen Sinn für Humor. (Foto: Andreas Orban)

Der aus Sterzing gebürtige, in Paris lebende Barockgeiger Johannes Pramsohler hat mit seinem Ensemble Diderot den International Classical Music Award (ICMA) in der Kategorie Baroque Instrumental gewonnen. Die Auszeichnung für das „Berlin Album“ gilt in der Branche als Klassik-Oscar. Was fasziniert ihn an der Strenge, Verspieltheit und am Überschwang des Barock und was treibt seinen Entdeckergeist an?

Tageszeitung: Herr Pramsohler, im Moment spielen alle Musiker die Partitur der Coronakrise. Wann sind Sie das letzte Mal vor Publikum auf einer Bühne gestanden?

 Johannes Pramsohler: Ich hatte gottseidank einen sehr vollen Sommer mit vielen Festivals, die sich trotz Corona getraut haben, Konzerte zu machen. Außerdem durfte ich im Oktober die einzige Opernproduktion, die es in den letzten 12 Monaten in Paris gegeben hat, dirigieren. Wir haben es geschafft, alle zehn geplanten Vorstellungen von Reinhard Keisers Croesus vor Publikum durchzuführen. Außerdem sind wir mit unserem eigenen Label sehr gut aufgestellt und können weiterhin Aufnahmen machen. Mich freut es vor allem, dass wir die CD-Produktionen in Toblach dieses Jahr machen konnten und bin mir bewusst, dass das ein ganz außergewöhnliches Glück ist!

Sie leben in Paris. Ist die Situation für Musiker in der französischen Hauptstadt ähnlich katastrophal wie in Italien und Deutschland?

 Die Situation der gesamten Kultur ist katastrophal, nicht nur die der Musiker. Dabei haben genau Konzertsäle, Opernhäuser, Theater und Museen bewiesen, dass sie mit ausgeklügelten Hygienekonzepten das Infektionsrisiko auf ein Minimum reduzieren können – sie gehören mit zu den sichersten Orten! Spanien hat das verstanden und hält seine Kulturstätten auch im Lockdown geöffnet. Meine freischaffenden Kollegen in Deutschland, Italien und England leiden sehr, viele plagen Existenzängste. Für französische Musiker wird die Situation allerdings ziemlich gut aufgefangen durch einen Staat, der Kultur und damit die Kulturschaffenden als wichtigen Teil der Gesellschaft und natürlich auch als großen Wirtschaftsfaktor sieht, den es zu schützen gilt.

Sie sind ein Forschergeist. Nutzen Sie die konzertfreie Zeit für Recherchen nach unentdeckten musikalischen Preziosen?

 Recherche stellt einen großen Teil meiner Aktivität dar. Im laufenden Konzert- und Tourneebetrieb ist es allerdings schwierig, konzentriert zu forschen. Deshalb war der erste Lockdown für mich eine willkommene Auszeit, die ich genutzt habe, mein Doktorat an der Royal Academy of Music in London abzuschließen – natürlich alles per Videokonferenz.

Ihr Ensemble Diderot ist nach dem Philosophen und Enzyklopädisten Denis Diderot benannt. Warum gibt ein Kammermusikensemble sich den Namen des großen Aufklärers?

 Uns interessiert vor allem die Musik des 18. Jahrhunderts und wie die Musikgeschichte dorthin kam. Frankreich war mit seinen Philosophen, seinen Künstlern, seiner Streitkultur das Land, zu dem alle geschaut haben und von dem sich alle inspirieren ließen. Kunst entsteht ja immer als Antwort auf ihre Zeit und in der Kunst des Barock kann man den Einfluss der wissenschaftlichen Entdeckungen eines Newton und eines Galileis, und die Erkenntnisse eines Leibnitz sehen. Wir haben Denis Diderot als Namenspatron gewählt, weil er für uns der interessanteste Vertreter der Aufklärung war: Wortgewandt, vielseitig und mit einem großartigen Sinn für Humor.

Die Covers ihre musikalischen Städteerkundungen zieren Illustrationen aus der Enzyklopädie von Diderot/d’Alembert. Auch das eine Verneigung vor der Aufklärung?

 Das war die Idee unseres Grafikdesigners. Mit den Kupferstichen stellen wir eine Verbindung zwischen dem Namen des Ensembles und unseren CDs her. Die Auswahl der Motive hat aber keine tiefere Sinnbehaftung: Schön und auffallend sollen sie sein, damit man sie nicht nur ins Regal stellt, sondern auch rumliegen lassen kann und immer wieder anhört. Mit der Goldprägung werden sie ganz besonders edel und zum Luxusobjekt.

Ihre Passion gilt ganz und gar der Barockmusik. Aus Begeisterung für die durchlaufende Motorik, die vielgestaltige Harmonik, die Kanten in den melodischen Linien, die affektbestimmte Bewegung?

 Mich fasziniert vor allem der geistige Überbau, der zur Entstehung dieser Musik geführt hat. Alles ist konstruiert und kalkuliert, kommt aber unglaublich verspielt rüber. Meine Begeisterung steht sicherlich auch im Zusammenhang mit meinem Instrument: Die Violine hat im Barock ihren Siegeszug angetreten, weil sie durch ihre Vielseitigkeit das beste Vehikel zur dramatischen Darstellung für den Komponisten war. Man wollte ja, dass die Musik den Hörer direkt berührt und Emotionen hervorruft. Das kann die Violine sicherlich am besten. Außerdem ist sie laut und kann sich auch vor einem ganzen Orchester behaupten.

Für den Philosophen Gilles Deleuze war Barockmusik künstlerischer Ausdruck der Kräfte des Chaos contra die ordnenden Kräfte der Klassik. Stimmen Sie dieser Beschreibung zu?

 Gilles Deleuzes Analyse ist sehr interessant. Man muss allerdings wissen, dass seine Aussagen aus den 1950er Jahren stammen. Die Betrachtung vergangener Epochen ist immer auch ein Spiegel jener Zeit, in der sie erfolgt. Das Wort „Barock“ ist ja auch ein Überbegriff, der erst später entstanden ist. Man kann das also nicht so pauschal erklären. Wenn man Traktate von Musikern und Musiktheoretikern des Barock liest, findet man relativ wenig Chaos, sondern Ordnung, Strenge, Abgeklärtheit. Natürlich auch Verspieltheit und Überschwang, aber das hat ja nichts mit Chaos zu tun. Ich finde die Romantik z.B. sehr viel chaotischer…

Zum Stichwort „Barock“ fallen den meisten Bachs Brandenburgische Konzerte, Händels „Messias“ oder Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ ein. Es gibt jedoch eine Fülle von weniger geläufigen Komponisten, die es auszugraben lohnt. Sehen Sie das als eine Lebensaufgabe an?

 Mich interessiert es, das Umfeld dieser großen, bekannten Werke zu erforschen, zu sehen, vor welchem Hintergrund sie entstanden sind. Ohne eine Familie, die ganze Generationen von erstklassigen Musikern hervorbrachte, hätte es keinen Johann Sebastian Bach gegeben. Ohne die fabelhafte Dresdner Hofkapelle hätte er vielleicht auch nie die Idee zu seinen Brandenburgischen Konzerten gehabt. Die Konzerte von Vivaldi gäbe es ohne Giuseppe Torelli nicht, Händels Messias wäre ohne seine Italien-Aufenthalte nicht denkbar. Es lohnt sich immer, auch Unbekanntes wiederzuentdecken. Wir haben ja auch nicht nur ein Museum in der Welt in dem nur die Mona Lisa ausgestellt wird.

Ihre musikalischen Städteerkundungen haben Sie nach London, Paris, Dresden und Berlin geführt. War die Musikkultur in diesen Städten so einzigartig, dass man beispielsweise von einem Berliner oder Pariser Barock sprechen kann?

 Mit unseren Städtealben wollen wir einen Ort zu einer ganz bestimmten Zeit betrachten. Meistens sind das Wendepunkte in der Musikgeschichte, die für uns als Musiker ganz besonders interessant und aufschlussreich sind. Musik steht ja nicht still, sondern verändert sich und geht mit der Zeit. Mit unseren Städte-Themen wollen wir vor allem zeigen, dass sich Kunst immer nur durch offene Grenzen und für Neues empfängliche Geister weiterentwickelt hat. Je offener für Fremdes, je aufnahmefähiger für Unbekanntes ein Land war, desto großartiger entwickelte sich seine Kunst.

Sind die Städte die Ausgangpunkte für die Recherche oder wie entstehen die Alben?

 Jedes Album entsteht aus einer anderen Idee. Manchmal ist es ein Ort zu einer bestimmten Zeit, der uns fasziniert. Meistens gibt es aber ein Werk, das uns besonders interessiert und dessen Entstehung wir näher betrachten möchten. Da forschen wir dann im Umfeld des Komponisten und ohne es explizit zu wollen, entsteht daraus ein Programm, das eine Stadt zum Thema hat. Das „Dresden“-Album ist aus dem Wunsch heraus entstanden, drei vergessene Triosonaten von Händels aufzunehmen. Er hat sie wahrscheinlich bei seinem Besuch zur Hochzeit des Kronprinzen nach Dresden mitgebracht. Diese Hochzeit gab Anlass zu einem der größten Feste, das die Welt je gesehen hat und Musik war natürlich ein Hauptbestandteil der Feierlichkeiten. Das „Paris“- und das „London“-Album sind entstanden, weil ich die Ankunft des italienischen Stils in Frankreich und England und dessen Interpretation neu beleuchten wollte.

Ist Ihre Tour durch die europäischen Kulturhauptstädte mit dem Berlin-Album abgeschlossen oder geht es jetzt weiter? Etwa nach Wien, das Berlin ja sehr schnell den Rang abgelaufen hat?

 Irgendwann geht es mit den Städten sicher weiter – vielleicht auch mit Wien. Ich kann mir aber auch Innsbruck, Venedig oder Rom vorstellen. Vorerst wollen wir aber andere Epochen und Formen erkunden: Sonaten für drei Violinen, französische Violinkonzerte und Bachs „Musikalisches Opfer“, das dieses Jahr als 3D-Produktion in Surround Audio erscheint und das wir 2022 in Toblach zusammen mit dem Videokünstler Pierre Nouvel aufführen werden.

Für das „Berlin Album“ wurden Sie mit dem International Classical Music Award (ICMA) 2021 in der Kategorie Baroque Instrumental ausgezeichnet. Der Preis gilt in der Branche als Klassik-Oscar und ist zweifellos ein Höhepunkt jeder Karriere. Was bedeuten Ihnen Auszeichnungen?

 Solche Preise sind vor allem eine Bestätigung, dass der eingeschlagene Weg der richtige ist. Wenn man in so einer Nische arbeitet wie ich, und ein eigenes Label gegründet hat, dann sind Auszeichnungen, die von unabhängigen Gremien vergeben werden, eine ganz große Ehre. Der ICMA wird von 20 Journalisten aus 16 verschiedenen Ländern vergeben. Es erfüllt mich natürlich mit Genugtuung, dass das, was ich tue, so große Kreise zieht.

2013 haben Sie mit Audax Records Ihr eigenes Label gegründet, um künstlerisch frei entscheiden zu können. Verweigern die großen Plattenlabels Ihnen die notwendige Freiheit?

 Große Plattenlabels sind Firmen, die gewinnorientiert arbeiten müssen. Da wird natürlich das veröffentlicht, was am schnellsten Geld reinbringt. Viele wissen nicht, dass man heutzutage auch bei den „Majors“ die Finanzierung selber mitbringen muss. Kein Plattenlabel will ein großes Risiko eingehen. Ich bin einer, der Projekte schnell umsetzen will und finde es toll, bei der Gestaltung eines Albums von A bis Z die Entscheidungen zu treffen, damit die Musik, die wir aufnehmen, im bestmöglichen Rahmen präsentiert wird. Außerdem haben wir mit dem Ensemble und dem Label eine Art 360°-Funktionsweise, die uns in Krisenzeiten wie jetzt sehr zugute kommt.

Sie spielen auf der Geige Ihres Lehrers Reinhard Goebel, eine P. G. Rogeri aus dem Jahr 1713. Was ist das Besondere an diesem Instrument?

 Es ist eine große Ehre, ein Instrument zu besitzen, mit dem einer der wichtigsten Barockgeiger überhaupt seine Karriere gemacht hat. Das Besondere an diesem Instrument ist für mich vor allem sein unverwechselbarer Klang. Man erkennt diese Geige immer – egal von wem sie gespielt wird. Sie ist sehr temperamentvoll und muss behutsam gezügelt werden. Die Ausdrucksmöglichkeiten und Klangfarben, die sie bietet, sind unendlich und es ist immer wieder aufregend, beim Üben neue Facetten zu entdecken.

2020 war Beethoven-Jahr. Haben Sie den Titanen gefeiert?

 Mein Spezialgebiet als Musiker reicht ja nicht ganz bis Beethoven. Deshalb habe ich ihn mit meiner Geige leider nicht gefeiert. Wir haben aber mit Audax Records eine Aufnahme veröffentlicht, in der das Duo Brüggen-Plank Beethovens letzte Violinsonate mit zwei unbekannten Werken kombiniert, die einen aufschlussreichen historischen Rahmen bilden.

Sie sind in Sterzing geboren. Verbindet Sie noch etwas mit der Fuggerstadt?

 Meine Eltern leben in Sterzing und ich besuche meine Heimatstadt so oft es geht. Durch die Residenz, die ich mit meinem Ensemble im Kulturzentrum „Gustav Mahler“ in Toblach habe, bin ich regelmäßig in Südtirol und fahre dann natürlich auf einen Abstecher nach Sterzing. Dadurch, dass ich die Gewerbeoberschule und das Konservatorium in Bozen besucht habe, sind meine Schulfreunde auf ganz Südtirol verteilt, sodass ich eigentlich oft im ganzen Land unterwegs bin. Ich versuche auch immer, einmal im Winter zum Schifahren zu kommen und bringe regelmäßig Freunde zum Urlaub mit. Der Kontakt zu Südtirol ist nie abgebrochen.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

 Johannes Pramsohler, 1980 in Sterzing geboren, ist Barockgeiger, Dirigent und Plattenproduzent, der sich auf die Historisch informierte Aufführungspraxis spezialisiert hat und derzeit in Paris lebt. Er studierte am Konservatorium „Claudio Monteverdi“ in Bozen, am Pariser Conservatoire CRR, sowie an der Guildhall School of Music and Drama in London. Zudem absolvierte er ein Studium in historischer Aufführungspraxis am Mozarteum Salzburg. Seinen Doktortitel erhielt er an der Royal Academy of Music in London. 2008 gründete er das in Paris ansässige Ensemble Diderot, das sich auf die Kammermusik des 17. und 18. Jahrhundert spezialisiert hat. Die Gruppe veröffentlichte 2014 ihr erstes Album bei Audax Records und hat seitdem zehn weitere Aufnahmen herausgebracht. Seit 2019 ist Pramsohler mit seinem Ensemble „Artist in Residence” im Kulturzentrum Toblach. Mit ihrem „Berlin Album“ haben sie 2021 den International Classical Music Award (ICMA) in der Kategorie Baroque Instrumental gewonnen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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