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„Ich muss jeden Cent zwei Mal umdrehen“

Michael Burger: Von Komplimenten und künstlerischen Anerkennungen alleine kann ich nicht leben.

Der Gsieser Bildhauer Michael Burger leidet wie alle Künstler unter dem Lockdown. Da er seine Tätigkeit nicht berufsmäßig ausübt, hat er auch keinen Anspruch auf die Künstlerbeihilfe des Landes.

Tageszeitung: Herr Burger, für Künstler ist es eine überaus schwierige Zeit. Viele sind in Existenznot. Wie schlagen Sie sich durch?

Michael Burger: Ich muss jeden Cent zwei Mal umdrehen und sehr sparsam leben, um diese schwierige Zeit zu überbrücken. Von Komplimenten und künstlerischen Anerkennungen alleine kann ich nicht leben.

Die meisten Künstler leben in einer prekären Situation und ohne Rücklagen. Wie kommen Sie als freischaffender Künstler finanziell über die Runden?

Ich bin ein Künstler ohne MWST- Position, da ich meine künstlerische Tätigkeit nicht berufsmäßig ausüben kann. Dennoch ist die Kunst meine große Leidenschaft.

Haben Sie die Künstlerhilfe vom Land bekommen?

Ich war in Bozen um mich zu informieren, habe angesucht, aber das Gesuch wurde abgelehnt, weil die Tätigkeit nicht berufsmäßig ausgeübt wurde.

Ausstellungen sind derzeit nicht erlaubt. Wie steht es mit Aufträgen?

Ich habe derzeit keine Aufträge.

Sie sind gelernter Maler, Lackierer und außerdem Restaurator. Greifen Sie auf diese Berufe zurück, um zu überleben?

Aufgrund der Corona-Pandemie ist auch auf dem Sektor Stillstand.

Badende (Bronze)

Verändert die Pandemie Ihr künstlerisches Denken und Arbeiten?

Mein Kunststil ist sehr naturalistisch, ich identifiziere mich damit. Möglicherweise arbeite ich in ein paar Jahren abstrakter, oder ich setze andere Schwerpunkte.

In Ihren skulpturalen Arbeiten hat es Ihnen vor allem der weibliche Körper angetan. Ist das Weibliche Ihre Inspiration?

Ja, der weibliche Körper hat sehr weiche Formen, der Mann hingegen eher kantigere, kräftigere Formen. Beide sind gleich ausdrucksstark.

Die Titel sind häufig Eigennamen wie Alina oder Noemi. Sind das Namen Ihrer Modelle?

Wenn ich lebende Modelle habee, verwendet ich immer den Namen des Modells. Wenn ich mit Fotos arbeite, erfinde ich den Namen.

Sie arbeiten in sehr unterschiedlichen Materialien: Holz, Terracotta, Gips, Plastilin und Bronze. Wie entscheiden Sie, welches Material Sie für welche Figur verwenden?

Bei kleinen Figuren arbeite ich in Plastilin, diese können in Bronze gegossen werden, aber auch nachgeschnitzt werden. Die Terracotta eignet sich auch für den Bronzeguß, kann auch als Terracotta-Figur im Innenbereich platziert werden. Zirbelkiefer verwende ich für traditionelle Figuren, Linde ist ein kompaktes Holz, das ich für  Akte verwende, und die Edelhölzer für moderne Figuren. Gerade in diesen schwierigen Zeiten möchte ich mit meinen Kunstwerken Freude und Zuversicht vermitteln.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

Michael Burger wurde 1964 auf einem Bauernhof in St. Magdalena / Gsies geboren. Nach der Mittelschule besuchte er die Berufsschule für Maler und Lackierer in Schlanders. Eine Zeitlang arbeitete er bei einer Restaurierungsfirma in Percha, ab 1996 besuchte er die Schnitzschule im Ahrntal, aber 1999 absolvierte er die 3jährige Bildhauerschule in Gröden. Seine Figuren in Holz, Ton und Bronze sind stark von dem Künstler Ernst Barlach (1870 – 1938) inspiriert. 2017 wurde ihm im Rathaus von Olang eine Werkschau ausgerichtet, 2019 wurde eine von ihm gestaltete Bronzestatute des Hl. Nikolaus in Issing der Öffentlichkeit übergeben.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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