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„Werden nicht wertgeschätzt“

Philipp Tommasini

Der Tagesvater Philipp Tommasini klagt bereits seit Jahren über die prekäre Situation der Kinderbetreuer in Südtirol – und fordert endlich angemessene Rahmenbedingungen mit höheren Löhnen.  

von Lisi Lang

Während Grund-, Mittel- und Oberschulen in den kommenden Wochen komplett oder zumindest teilweise in den Fernunterricht wechseln, bleiben neben den Kindergärten auch die Kindertagesstätten und die Tagesmütter/väter geöffnet. „Auch aufgrund der Erfahrungen aus dem ersten Lockdown haben wir nun besonders Familien, junge Menschen, ältere Menschen und Menschen in schwierigen Lebenslagen im Blickfeld“, erklärte Familienlandesrätin Waltraud Deeg diesen Schritt. 

Der Zusammenschluss „Kinderbetreuerinnen/er Südtirol“ ist mit dieser Entscheidung an und für sich einverstanden, allerdings dürfe man gerade in dieser Zeit, wo vor allem soziale Dienste vor extremen Herausforderungen stehen, nicht vergessen, was diese Personen Tag für Tag leisten. „Wir bieten diesen Dienst wirklich mit voller Herzkraft, Geduld, und Professionalität an, aber was die Situation wirklich nicht einfach macht, ist einfach die Tatsache, dass wir immer noch nicht wertgeschätzt werden“, bedauert Philipp Tommasini.

Seit mehreren Jahren setzt sich der 39-jährige Tagesvater für mehr Gerechtigkeit und Wertschätzung gegenüber Kinderbetreuern ein, bereits mehrfach hat er auf die prekäre Situation und die geringen Löhne aufmerksam gemacht. „Alle sprechen von Gleichberechtigung, aber Fakt ist, dass die Rahmenbedingungen und Löhne im Keller sind – wir bekommen einen Tellerwäscherlohn“, kritisiert der Tagesvater.

Philipp Tommasini ist einer der wenigen männlichen Tagesväter im Land und weiß, dass die Wahrheit manchmal schmerzt, dennoch will er auf diese nach wie vor schwierige Situation aufmerksam machen – vor allem, weil Corona auch den Alltag der Kinderbetreuer nicht gerade erleichtert hat. „Es ist wirklich viel Mehrarbeit dazugekommen: Die Sicherheitsprotokolle und Hygieneregeln müssen genauestens eingehalten werden und wir müssen den ganzen Tag mit FFP2-Masken arbeiten“, erklärt Tommasini. Wie in anderen Bereichen seien zuletzt aber auch immer wieder Betreuer ausgefallen und zudem sei eine allgemeine Anspannung zu spüren: „Aber wenn ein Kind weinend am Boden liegt, können wir nicht sagen, dass wir es nicht umarmen dürfen“, schüttelt Tommasini den Kopf. 

Den erneuten Lockdown nehmen die Kinderbetreuer deswegen zum Anlass, um endlich bessere Rahmenbedingungen einzufordern. „Wenn wir von Qualität sprechen wollen, dann brauchen wir dafür motivierte, engagierte, gut ausgebildete und vor allem auch bezahlte Erzieherinnen/er – ansonsten wird es leider passieren, dass weiterhin gute Betreuer aufhören müssen, weil sie nicht über die Runden kommen“, sagt der 39-Jährige, der selbst schon mehrfach über diese Frage nachgedacht hat. 

Die Ergebnisse der bisherigen Verhandlungen werden an dieser Situation laut Tommasini aber nicht viel ändern. Nach zwei Jahren Verhandlungen habe man nämlich nicht mehr als ein „Zuckerl“ herausholen können. „Derzeit verdient ein Kinderbetreuer rund 1.250 Euro netto, durch dieses „Zuckerl“ kommen nicht ganz 120 Euro netto dazu – für knapp 40 Wochenstunden. Das reicht einfach nicht“, sagt der Tagesvater und fordert im Namen seiner Kolleginnen und Kollegen ein Modell wie beispielsweise in Deutschland mit einem klaren Berufsbild, einer dreijährigen Ausbildung und einem Grundlohn von 1.700 und 1.800 Euro brutto.

Aber es gibt noch einen weiteren Punkt, wo die Tagesmütter und Tagesväter gerne eine Verbesserung herbeiführen würden – und zwar bei der Qualität. 

Kindertagesstätten gelten in Südtirol als Betreuungseinrichtungen. „Aber wir machen doch viel mehr“, sagt der Tagesvater, „wir unterstützen Familien und die Kinder zwischen sechs Monate und drei Jahre in ihrer Entwicklung, und deswegen gelten Kindertagesstätten in unseren Nachbarländern beispielsweise als Bildungseinrichtungen.“ Man müsse die Ausbildung verbessern, gleichzeitig aber auch den Kinderschlüssel senken, fordert Tommasini. „Wir haben einen Schlüssel von 1:5, also auf 20 Kinder kommen vier Betreuer – und das ist zu wenig“, unterstreicht Tommasini, der betont dass auch die Genossenschaften vom Land besser unterstützt werden müssen.

Die Kinderbetreuerinnen/er Südtirol wissen, dass die aktuelle Situation für niemanden eine einfache ist: „Aber wenn wir die Qualität unseres Dienstes verbessern wollen, müssen sich auch die Rahmenbedingungen verändern“, unterstreicht Philipp Tommasini.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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