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Benno, wer sonst?

Benno Neumair vor seinem Haus (Foto: Screen-Chi l’ha visto?)

Die Indizien gegen Benno Neumair sind schwerwiegend – und lassen im Grunde kein Alternativszenario zum Elternmord zu. Die neuen Fakten.

von Artur Oberhofer

Wenn nicht Benno, wer dann?

Den Ermittlern im Vermissten-Krimi Perselli-Neumair fehlt nach wie vor die Königin aller Beweise – ein umfassendes Geständnis.

Aber das Indiziengerüst, das die Carabinieri unter der Leitung von Fahndungschef Alessandro Coassin erstellt haben, ist sehr stabil. Es gibt faktisch kein Alternativszenario zum Elternmord. Und genau dieser Umstand, dass es bislang keinen Anhaltspunkt für eine andere Wahrheit (erweiterten Suizid, Unfall, Raubmord) gibt, ist das stärkste Indiz gegen Benno N.

Wie sieht denn nun die „Wahrheit“ der Ermittler aus?

Die Ermittler gehen davon aus, dass Benno Neumair seinen Vater Peter am 4. Jänner zwischen 17.00 und 17.25 Uhr in der Mietwohnung in der Runkelsteinerstraße 22 in Bozen getötet hat. Gegen 16.00 Uhr wird der pensionierte Chemie- und Mathelehrer zum letzten Mal im Stadtzentrum gesehen.

Ab 17.30 Uhr ist Peter Neumairs Handy „tot“.

Benno Neumair hat eine gute Stunde Zeit, um Spuren zu beseitigen.

Kurz nach 18.30 Uhr kommt Laura Perselli nach Hause. Sie hat den Nachmittag mit ihren Schwestern bei ihrer von einem längeren Krankenhausaufenthalt nach Hause zurückgekehrten Mutter in der Virgilstraße in Bozen verbracht. Die 96-jährige Mutter ist Ende Jänner verstorben.

Nach dem Vatermord, so die These der Ermittler, habe Benno Neumair zwischen 18.46 und 19.00 Uhr auch seine Mutter getötet.

Um 18.46 wird an Laura Persellis Handy zum letzten Mal die WhatsApp-Funktion aufgerufen. Aber die 68-Jährige nimmt ab dem Zeitpunkt keinen Anruf mehr entgegen und antwortet auch auf keine WhatsApp-Nachrichten mehr.

Der weitere „Tatfilm“ laut Carabinieri:

Zwischen 19.00 und 21.00 Uhr verstaut Benno Neumair die leblosen Körper seiner Eltern in deren Volvo V70 mit dem amtlichen Kennzeichen DJ380BS – und beseitigt die gröbsten „Kampf“- und Blutspuren im Haus.

Ein Nachbar sieht Benno Neumair in dieser Zeitspanne im Garten, er hat den Eindruck, der junge Mann würde trainieren.

Die Carabinieri gehen davon aus, dass Benno Neumair seine Eltern erwürgt oder erdrosselt hat.

Im Haus in der Runkelsteinstraße wurde ein Seil beschlagnahmt, das derzeit im Speziallabor der Carabinieri (RIS) in Parma auf Blut- und DNA-Spuren untersucht wird.

Foto: TZ/Lisi Lang

Im Ermittlungsbescheid, welcher der TAGESZEITUNG vorliegt und der dem 30-jährigen Supplenz-Lehrer am 18. Jänner dieses Jahres zugestellt wurde (Aktenzeichen: 224/2021), wird auch die Möglichkeit erwähnt, dass Benno Neumair seine Eltern vergiftet haben könnte.

Was die Todesursache angeht, so erhoffen sich die Ermittler jetzt Klarheit durch die Autopsie der Leiche von Laura Perselli. Auf einem Foto der Leiche, das mehreren Medien zum Kauf angeboten wurde, sind Verletzungen zu sehen, die auf den Tod durch Erwürgen oder Erdrosseln hindeuten könnten.

Übrigens: Als Gutachter der Verteidigung fungiert der ehemalige Pathologie-Primar in Bozen und „Ötzi-Doktor“ Eduard Egarter-Vigl.

Ein starkes Indiz gegen Benno Neumair sind die Handyaufzeichnungen.

Demnach hat sich der junge Mann zwei Alibis verschaffen wollen:

Das erste Alibi mit der Übernachtung bei seiner Tinder-Liebe Martina A. in Auer. Und das zweite Alibi, indem er gegen 20.00 Uhr seine Mutter, die zu dem Zeitpunkt höchstwahrscheinlich bereits tot war, am Handy anruft.

Makabres Detail:

Während Benno Neumair vermutlich damit beschäftigt war, die Spuren zu beseitigen und die Leichen seiner Eltern im Kofferraum des Autos zu verstauen, hat das Handy seiner Mutter ein halbes Dutzend Mal geklingelt, weil Madé Neumair, Bennos Schwester, in dieser Zeit mehrere Male versucht hat, ihre Mutter zu erreichen.

Schwer belastet wird Benno Neumair durch den Umstand, dass sein Handy und jenes seiner Mutter am Abend des 4. Jänner gegen 21.30 Uhr fast zeitgleich ausgeschaltet wurden – noch dazu, als sie in derselben Funkzelle (entlang der linken Eisackuferstraße, die zur Etschbrücke bei der Frizzi-Au und auch zum Teich des Fischereivereins Oberau führt) eingeloggt waren.

Die naheliegende Annahme: Benno Neumair hat sein Handy um 21.32 Uhr deaktiviert, bevor er zur Brücke bei der Frizzi-Au gefahren ist, von wo aus er die leblosen Körper seiner Eltern in die Etsch geworfen haben dürfte.

Das Handy seiner Mutter könnte er kurz vorher vom Auto aus in die Etsch geworfen haben.

Um 21.57 Uhr aktiviert Benno Neumair sein Handy wieder – und zwar im Bereich der Funkzelle bei der Reschenbrücke.

In der Zeitspanne von 25 Minuten, in der sein Handy deaktiviert war, hat Benno Neumair – immer laut der Ermittlungshypothese der Carabinieri – die Leichen seiner Eltern in die Etsch geworfen. Zeitlich wäre die Tour von Bozen zur Etschbrücke bei der Frizzi-Au und retour locker möglich.

Kurz nach 22.00 Uhr fährt er – wie Aufnahmen von Überwachungsvideos belegen – in den Leiferer Tunnel ein, um nach Auer zu seiner Freundin zu fahren.

In Auer kommt Benno Neumair zwischen 22.15 und 22.20 Uhr an.

Die Freundin von Benno Neumair (Foto: Screen – Chi l’ha visto?

Dass er für die Beseitigung der Leichen länger gebraucht hat als geplant, darauf deutet der Umstand hin, dass Benno Neumair um 20.07 Uhr – kurz nachdem er seine Mutter am Handy angerufen hat – eine WhatsApp an seine Freundin Martina A. schickt mit dem Inhalt: „Bin in einer Stunde bei dir.“

Rätselhaft ist auch Benno Neumairs Verhalten am 5. Jänner: Der junge Mann hüpft bereits um 05.00 Uhr aus den Federn. Er fährt nach Bozen und hält sich bis gegen 08.00 Uhr im Haus seiner Eltern in der Runkelsteinerstraße auf, ehe auf den Ritten fährt.

Die Auffahrt auf den Ritten ist gesichert, weil der Volvo auf einem Überwachungsvideo zu sehen ist.

Was hat Benno Neumair zwischen 05.30 und 08.00 Uhr in seiner Wohnung gemacht?

Benno Neumair behauptet, er sei am Vormittag am Ritten, wo die Familie Neumair eine kleine Wohnung besitzt, mit seinem Hund Nala spazieren gegangen.

Die Ermittler dagegen glauben, dass der Hund, der seiner Oma gehörte und zu dem er kein besonderes Herrchen-Hund-Verhältnis hatte, gar nicht dabei war, sondern dass Benno Neumair am Ritten Spuren beseitigt hat (Kleidungsstücke, blutige Gegenstände und/oder Tatwerkzeuge, Putztücher).

Gegen 13.00 Uhr erreicht Madé Neumair ihren Bruder am Handy. Der gibt sich völlig gelassen und unbekümmert, sagt, er befinde sich am Ritten. Mit dem Hund.

Als von Madé Neumair alarmierte Nachbarn um 13.15 Uhr an der Tür klingeln, öffnet ihnen Benno Neumair, der eigentlich auf dem Ritten sein sollte.

Ein weiteres Indiz: Im Zuge der Tötungshandlung bzw. beim Abtransport der Leichen dürfte sich Benno Neumair an der linken Hand verletzt haben. Gegenüber den Carabinieri erklärte der junge Mann, er habe sich die Verletzung an der Hand am Abend des 4. Jänner zugezogen. Da habe er eine Runde mit dem Fahrrad gedreht und sei gestürzt.

Für diesen angeblichen Radausflug gibt es allerdings keinen Beweis. Auf keiner der Überwachungskameras ist Benno Neumair in der fraglichen Zeit auf dem Fahrrad zu sehen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (6)

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  • prof

    Ich bin mir sicher,daß Moccia schon länger weis daß Benno seine Eltern getötet hat. Moccia muss nur Zeit gewinnen um inzwischen an ein Geständnis von Benno zu feilen,um ein milderes Urteil zu erreichen,das ist eben seine Aufgabe.

  • artimar

    Bereits die Fragestellung: „Wenn nicht Benno, wer dann?“ und (mediale) Vorverurteilungen können sich negativ auf die Rechtsfindung auswirken: https://www.brennerbasisdemokratie.eu/?p=63295
    Es ist übrigens auch nicht die Aufgabe des Beschuldigten ein „Alternativszenario zum Elternmord“ (zumal der vermisste Vater noch nicht einmal gefunden wurde …) zu beweisen, sondern vielmehr jene der Ermittler und der Staatsanwaltschaft ergebnisoffen, objektiv zu arbeiten und rechtsfehlerfreie Indizien und Beweise zu liefern. Das Untersuchungs- und Strafgericht wird sich im Rahmen einer Gesamtbeweiswürdigung (!) auf der Grundlage von (hoffentlich) rechtsfehlerfreien Indizien und Beweisen ja dann damit auseinandersetzen und feststellen, was zu Gunsten oder zu Ungunsten des Beschuldigten geeignet ist.
    Man kann es nur wiederholen. Ein Beschuldigter ist kein Angeklagter. Ein Angeklagter noch lange kein rechtskräftig Verurteilter.
    Ich kann jedenfalls damit leben, wenn sich die Ermittler, Experten und die Rechtspfleger alle Zeit nehmen, die sie brauchen, um ihre Arbeit zu machen.

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