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Die Kälteresistenten

Marmorierte Baumwanze (Foto: Versuchszentrum Laimburg)

Der heurige Jänner war deutlich kälter als die letzten Jahre. Wird diese Kältewelle auch die Population von Schädlingen in der Landwirtschaft oder der Tigermücke dezimieren?

von Lisi Lang

Seit Ende Dezember ist es in Südtirol überdurchschnittlich kalt. „In Südtirol war es schon seit vielen Jahren nicht mehr so kalt“, sagt Landesmeteorologe Dieter Peterlin. „Das hat einerseits mit der ständigen Nordströmung zu tun, die kalte und polare Luft nach Südtirol gebracht hat und andererseits mit dem Schnee im Tal, der dazu geführt hat, dass es nachts noch stärker abgekühlt hat“, erläutert Peterlin. In Bozen – wo es seit dem Jahr 2002 im Jänner nicht mehr so kalt war – liegen die diesjährigen Jännertemperaturen zwei Grad unter dem langjährigen Durchschnitt. Und in Toblach, wo dies der kälteste Jänner seit 1985 ist, liegen die Temperaturen sogar vier Grad unter dem Durchschnitt. „Durch den Klimawandel sind die Winter immer wärmer und milder geworden und deswegen fällt dieser sehr kalte Jänner jetzt definitiv aus der Reihe“, erklärt der Landesmeteorologe.

Vier Wochen lang war es in Südtirol jetzt also richtig kalt, selbst in Bozen gab es Tage, wo die Temperaturen auch tagsüber komplett im Minusbereich geblieben sind. Aber was bedeuten diese kalten Temperaturen eigentlich für Schädlinge? Wird die Kältewelle auch für Insekten wie die Tigermücke, die Kirschessigfliege oder die Marmorierte Baumwanze zum Problem? 

Nicht unbedingt. „Die Marmorierten Baumwanzen überwintern als erwachsene Tiere“, erklärt Klaus Marschall, Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg. Stresstests würden zwar zeigen, dass diese invasiven Schädlinge Minusgrade von -5 bis -10 Grad nicht überleben, allerdings überwintern diese Insekten nicht immer im Freien sondern sie suchen sich, gerade weil sie nicht so kälteresistent sind, geschützte Winterquartiere. „Und diese Überwinterungsquartiere sind den eisigen Temperaturen meist nicht so stark ausgesetzt“, erklärt Klaus Marschall. 

Der Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg geht deswegen davon aus, dass die aktuelle Kältewelle die Population der Marmorierten Baumwanze im Freien sehr wohl dezimieren wird, allerdings sei nicht klar, wie viele Tiere sich geschützte Quartiere beispielsweise in der Nähe von Häusern gesucht haben. „Deswegen kann man nicht genau quantifizieren, wie stark die Population durch diese Kältewelle dezimiert wird“, erklärt Marschall.

Etwas anders verhält es sich bei der Kirschessigfliege. Hier haben nämlich nicht unbedingt die Temperaturen im Winter sondern vielmehr die Bedingungen im Folgejahr eine Auswirkung auf die Population. „Ein kalter Winter kann zwar die Anzahl der überwinternden Tiere verringern, allerdings sind die Bedingungen im Frühjahr und im Sommer noch viel entscheidender“, erklärt Marschall. Er nennt ein Beispiel: „Wenn der Mai sehr trocken und heiß ist, sieht man auch in Jahren mit einem milden Winter, dass die Vermehrung dieser Insekten unterdrückt wird. Umgekehrt kann sich die Kirschessigfliege auch trotz eines strengen Winters gut vermehren, wenn die Bedingungen im Frühjahr für sie passen“, erläutert Klaus Marschall. Die Kirschessigfliege bevorzugt Feuchtigkeit und nicht allzu hohe Temperaturen.

Auf die Verbreitung der Mittelmeerfruchtfliege werden die kalten Temperaturen der letzten Wochen hingegen sehr wohl Auswirkungen haben. „Die Mittelmeerfruchtfliege wurde bisher nur sporadisch in Südtirol gesehen, aber sie benötigt in ihrer Überwinterung definitiv wärmere Temperaturen“, erklärt der Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg.

Bei etablierten Schädlingen hingegen, wie dem Apfelwickler, Pflanzenläusen usw. kann man sich trotz dieser Kältewelle keine Reduzierung der Population erwarten, weil sich diese Insekten den vorherrschenden Bedingungen bereits angepasst haben. 

Und wie sieht es bei der lästigen Tigermücke aus? „Die Tigermücken legen im Herbst kälteresistente Eier und diese überleben diese Temperaturen“, sagt Alberta Stenico, Leitern des Biologischen Landeslabors. Wegen der überdurchschnittlichen Kälte könnte es zwar sein, dass im Frühjahr weniger Tigermücken schlüpfen, allerdings kann sich die Tigermückenpopulation laut Alberta Stenico relativ rasch erholen, weshalb es wichtig ist, gleich im Frühjahr mit den Präventionsmaßnahmen zu beginnen, um die Population von Beginn an zu beschränken. „Die Tigermücken sind in Südtirol mittlerweile stark verbreitet und haben sich unseren Temperaturen angepasst. Sie legen ihre Eier deswegen auch meist neben einem Haus, weil es dort nicht so kalt wird“, erklärt die Leiterin des Biologischen Landeslabors. Deswegen bleiben Präventionsmaßnahmen, mit denen man bereits Ende April bzw. Anfang Mai beginnen sollte, das wichtigste Mittel gegen die lästigen und aggressiven Stechmücken.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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