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„Die Gefahr steigt“

Bernd Gänsbacher

Der Immunologe Bernd Gänsbacher warnt vor der Ausbreitung der Corona-Mutationen. Wie gefährlich diese wirklich sind und ob die Impfstoffe dagegen schützen.

Tageszeitung: Herr Professor, die südamerikanische, die brasilianische und die englische Coronavirus-Mutationen breiten sich nun auch in Europa aus. Welche Rolle spielen sie zu diesem Zeitpunkt?

Bernd Gänsbacher: Mutationen sind eine natürliche Eigenschaft aller Viren. Wenn das Coronavirus nicht mutiert hätte, wäre es nie von der Fledermaus auf den Menschen übergesprungen. Auch damals haben zwei Mutationen im Spike-Protein dem Fledermaus-Virus erlaubt, den Schlüssel für die menschliche Zelle zu formen. Dadurch konnte es auf den Menschen überspringen. Wichtig ist zu verstehen ist, dass das aktuelle SARS-Cov2 Virus nur im menschlichen Körper mutieren kann. Wenn man bedenkt, dass das Virus innerhalb eines Jahres 100 Millionen Menschen infiziert hat, ist es ein Leichtes zu verstehen, wie viele Möglichkeiten das Virus hatte, um zu testen welche Mutationen menschlichen Antikörperm ausweichen würden. Es gilt, je mehr Menschen infiziert sind, umso mehr Mutationen wird es geben.

Eine Mutation ist also natürlich?

Ja, genau. Normalerweise dauert so etwas länger, aber dieses Virus ist unheimlich effizient.

Was kann man derzeit über die Gefährlichkeit der Mutationen sagen?

Wichtig ist, dass man versteht, dass man immer von einem Paket von Mutationen spricht. Bei der englischen Mutante sind 17 Mutationen dabei, bei der südafrikanischen 21 und bei der brasilianischen 23. Wichtig sind jene Mutationen, die sich im Bereich des Spike-Proteins befinden, denn dieses bildet den Schlüssel zur menschlichen Zelle und die meisten neutralisierenden Antikörper werden gegen das Spike-Protein gemacht. Deshalb ergibt sich die Frage, was die Auswirkungen der Mutationen auf die Infektionsrate und die Impfung sind.

Kann man dazu bereits etwas Gesichertes sagen?

Bei der britischen Mutante weiß man, dass diese zu einem Drittel schneller infiziert. Außerdem gab der englische Premierminister Boris Johnson gestern (am Sonntag, Anm. d. Red.) bekannt, dass die englische Mutante auch eine höhere Todesrate hat. Er sagt das nicht aus dem Bauch raus, sondern wurde von hochqualifizierten englischen Expertengruppen darüber informiert. Sie haben analysiert, wie viele Menschen mit der neuen Mutanten-Infektion innerhalb 28 Tage nach dem ersten positiven PCR-Test versterben und haben diese Daten mit den Zahlen des alten Virus verglichen. Dabei kam heraus, dass rund 30 Prozent mehr innerhalb dieser 28 Tage sterben. Die Mutante ist also nicht nur besser im Infizieren, sondern ist auch virulenter. Es gibt mittlerweile Untersuchungen, die belegen, dass die Moderna- und Pfizer-Impfstoffe die englische Mutante abdecken. Der Impfstoff bleibt also gleich wirksam.

Was ist zu den anderen beiden Mutanten bekannt?

Hierzu gibt es auch Beobachtungen, allerdings ist nicht alles gesichert. Wenn man im Labor das Virus in Anwesenheit von Antikörpern von Genesenen vermehrt, dann entstehen dieselben Mutationen, die man im südafrikanischen Raum bereits findet. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Impfstoff bei dieser Variante an Wirksamkeit verliert, ist also hoch.

Die Lage ist also schon besorgniserregend?

Ja, schon, aber es ist nicht so, dass der Impfstoff überhaupt keine Wirksamkeit hat. Das funktioniert nicht wie bei einem Lichtschalter. Es kann sein, dass die Wirksamkeit des Pfizer und Moderna Impfstoffes, die derzeit bei 94 Prozent liegt, sinkt. Wie stark sie sinkt, weiß man allerdings nicht.

Bei der südafrikanischen und brasilianischen Mutante haben sich auch Personen infiziert, die bereits Antikörper gegen das Virus entwickelt haben. Ist man nun also nicht mehr geschützt, wenn man Antikörper hat?

Das ist nicht sicher. Es ist möglich, dass Personen, die Antikörper haben, von diesen Mutanten neuerlich infiziert werden können. Es ist aber sicherlich die Ausnahme und nicht die Regel. Diese Untersuchungen sind am Laufen.

Wie kann man sich vor den Mutationen schützen?

Sowohl Virus als auch Mensch wollen überleben. Weil Hundert Millionen Menschen infiziert worden sind, hat das Virus die Möglichkeit viele Mutationen auszuprobieren. Bei den neuen Mutanten ist die Fähigkeit des Virus von einem Menschen zum anderen zu springen, deutlich höher. Wir wissen aber genau, was wir zu tun haben. Der Mensch ist Träger des Virus. Es kann nur dort überleben. Deshalb müssen die AHA-Regeln noch strikter eingehalten werden. Aber die wichtigste Waffe ist die Impfung. Wenn die Impfung bei den Mutanten – um eine Hausnummer zu nennen – um 50 Prozent sinkt, dann muss Pfizer und Moderna bei der Impfherstellung die Kassette mit der Spike mRNA austauschen. Das ist machbar, dauert aber zwei bis drei Monate.

Gehen Sie davon aus, dass es die Virus-Mutationen auch in Südtirol gibt?

In Flensburg wurden die Mutationen festgestellt, in Berlin gibt es ein ganzes Krankenhaus, das damit infiziert ist. Auch Österreich hat festgestellt, dass es die Mutation in zwei Tälern, unter anderem im Zillertal gibt. Warum soll es also nicht nach Südtirol kommen? Eine Grenze hält das Virus sicher nicht auf. Solange die Menschen durch die Welt kreuzen können, wird eine Verbreitung möglich sein.

Muss man anhand der Mutationen davon ausgehen, dass auch die Hospitalisierungsrate steigt und die Krankenhäuser zusätzlich belastet werden?

Irgendwo bildet sich immer ein Gleichgewicht. Dazu reicht ein Blick nach London, wo es die Mutante bereits seit längerem gibt. Anfang Dezember wurde sie bei ein bis zwei Prozent nachgewiesen, mittlerweile wurde sie bei 70 Prozent festgestellt und das Gesundheitssystem wäre fast kollabiert. Strikte Maßnahmen haben in der Zwischenzeit die Infektionszahlen aber von 60.000 auf 30.000 täglich gesenkt. Sobald die Infektionsrate steigt, muss die Gesellschaft reagieren, damit die Zahlen wieder sinken. Das ist ein Yin-und-Yang-System. Es gleicht sich also wieder aus.

Man muss den Mutationen also mit strengeren Maßnahmen entgegentreten?

Das passiert automatisch, man muss das gar nicht sagen, denn jede Gesellschaft wird so reagieren. Keine Gesellschaft wird es zulassen, dass fünf oder gar zehn Prozent der Bevölkerung innerhalb kürzester Zeit infiziert wird.

Was wäre das Schlimmste, das nun passieren könnte?

Am schlimmsten wäre, wenn die Politiker nicht die richtigen Entscheidungen treffen, das Virus unterschätzen und die neuen Mutanten durch ihre Effizienz so viele Menschen infizieren, dass das Sanitätssystem zusammenbricht. In London ist das beinahe eingetreten, in Manaus sowieso. Jedes Virus kann aber kontrolliert werden, wenn die Politik die richtige Entscheidung trifft. Sobald es Hinweise gibt, dass die Mutante da ist, ist erhöhte Aufmerksamkeit geboten, dann muss die Alarmflagge gehisst werden.

Interview: Markus Rufin

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