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„Angst bringt uns nicht weiter“

STUNDE NULL: Erstaunlich wie laut Stille sein kann, wenn die Gedanken schreien… (Foto: Alex Wörl)

Die Barbianer Band STUNDE NULL bringt dieser Woche ihr neues Album „Wie laut die Stille schreit“ heraus. Ein Interview mit dem Gitarristen Jonas Rabensteiner.

Tageszeitung: Das vergangene Jahr war für alle Bands und Musiker ein Horrorjahr mit Absagen und Verboten. Für STUNDE NULL scheint es Corona zum Trotz ein fruchtbares Jahr gewesen zu sein.

Jonas Rabensteiner: Für uns war das Jahr 2020 ein sehr kreatives Jahr und es war auch vorab schon als ruhigeres Jahr zum Ideen sammeln und Songwriting geplant, dass es so verläuft hätte sich natürlich aber keiner gedacht. Wir haben die Zeit in Isolation jedoch genutzt, um nochmal an unserem Sound zu arbeiten und so etwas Einzigartiges zu schaffen. Die ersten zwei Monate hatten echt etwas Besonderes, denn alles geschah ohne Zeitdruck und dadurch waren wir kreativer denn je. Musik wird mittlerweile leider oft wie am Fließband produziert und alles klingt gleich… 2020 zeigte uns, dass der Druck weg muss, um wirklich frei und kreativ zu sein.

Habt Ihr 2020 ein einziges Konzert gespielt?

Glücklicherweise haben wir im Februar hier in Barbian unser erstes eigenes Festival gespielt: „Schrei der Berge“. Wir konnten es restlos ausverkaufen und feierten so mit Zuschauern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und natürlich Südtirol das wahrscheinlich coolste Festival in 2020. (lacht)

STUNDE NULL hat 2014 schon einmal eine Stunde Null erlebt, als die Band vor der Auflösung stand. Kommt euch die gegenwärtige Situation bekannt vor?

 Unsere Bandgeschichte kann natürlich nicht mit einer weltweiten Pandemie verglichen werden. Stunde Null steht aber für Neunanfang und eine Renaissance, die es in der Musik und wahrscheinlich vielen anderen Sparten braucht und mit der wir jetzt leben müssen. Wir werden das Beste draus machen und unserem Slogan treu bleiben: „Gutes bewahren, Neues wagen.“

Was macht eine Band, wenn sie nicht live vor Publikum spielen darf? Proben bis zum Abwinken. Ist man in so einer Situation überhaupt in Stimmung für Musik?

 Ohne Musik wäre es auf dieser Welt wohl ziemlich traurig und vor allem leise. Was wäre wohl in dieser Zeit passiert, hätte es keine Musik gegeben? Noch nie wurde so viel Musik gehört wie aktuell. Wir alle sind also immer, oder zumindest meistens, in Stimmung für Musik. Wir haben nicht viel geprobt, da kaum Konzerte anstehen, wir haben aber das ganze Jahr am neuen Album und neuen Ideen gearbeitet, die bald das Licht der Welt erblicken. Freut euch.(lacht)

Die Krise hat vielen Bands auch finanziell komplett den Stecker gezogen. Wie groß sind die Existenzsorgen bei euch?

Keiner von uns lebt nur von den Einnahmen der Band, wir arbeiten alle in verschiedenen Bereichen, teils auch in der Musikindustrie. Musik wird aber nie aussterben und auch wenn wir zur Zeit als nicht systemrelevant eingestuft werden, wird sich etwas ergeben, davon bin ich überzeugt. Musik ist eine der Säulen unsere Kultur, an ihr hängt mehr als uns bewusst ist und mittlerweile auch eine der größten Berufssparten. Ich will die Zukunft nicht schwarz sehen und Angst haben, wir wollen weiter machen. Wir glauben an eine noch bessere Zeit für die Musik und wir wollen Teil dieser neuen Ära sein. Angst bringt uns hier nicht weiter.

Was bedeutet es für eine Band, auf keine Bühne steigen zu dürfen? Geht die Motivation da auch in den Quarantänekeller?

 Die Bühne und der Kontakt mit den Menschen ist für unsere Band alles. Das zeigte sich vor allem in diesem merkwürdigen letzten Jahr, aber die Motivation ging nie verloren, irgendwas trieb uns an noch mehr zu machen wie in den Jahren zuvor.

Viele Musiker, sogar die Rolling Stones, haben Streaming-Konzerte gemacht, um den Kontakt zu den Fans aufrechtzuhalten. Mit der Energie des Rock, die ja die durch die Interaktion zwischen Künstler und Publikum entsteht, hat das leider wenig zu tun.

Auch wir haben Streaming-Konzerte gespielt und werden auch am Freitag zum Release wieder eins spielen, wir machen es vor allem weil wir selbst Lust haben zu spielen und auch um irgendwie mit den Fans in Kontakt zu treten, ein richtiges Konzert wird es aber in der Tat nie ersetzen.

Ende Jänner kommt euer neues Album „Wie laut die Stille schreit“ heraus. Ist der Albumtitel eine Anspielung auf die erzwungene Stille im Coronajahr?

Erstaunlich wie laut Stille sein kann, wenn die Gedanken schreien…

Macht es Sinn, ein Album herauszubringen, wenn es nicht sicher ist, dass man die Songs anschließend auch live spielen darf? Mit Alben verdient man ja kein Geld mehr.

Auch wir haben uns lange darüber den Kopf zerbrochen, da wir die Tour von Februar auf September verschieben mussten. Wir werden die Songs dann im Herbst auf unserer Tour spielen und freuen uns natürlich schon wie verrückt darauf. Ob es jetzt die richtige Entscheidung war, das Album trotzdem zu releasen, werden wir sehen… Für uns fühlt es sich so jedoch besser an.

Wie hat die Corona-Krise die Arbeit am Album beeinflusst? Ist es so etwas wie ein Soundtrack zu dieser schwierigen Zeit?

 Es gibt keinen Song, der Corona direkt thematisiert, aber alle spiegeln die verschiedenen Gefühlslagen dieses Jahres wieder. Ungewollt birgt das Album viele Weisheiten, die uns diese Zeit gelehrt hat, sie passen aber auch in jedes zukünftige Jahr.

Wer schreibt die Songs und wovon handeln sie?

Wir alle schreiben. Thematisch sind alle persönlich beeinflusst mit einem großen Spielraum für Interpretationen.

Einige Singles aus dem Album sind bereits veröffentlicht. Stilistisch bleibt ihr bei bombastischen Rock-Hymnen, gefühlvollen Balladen mit Elektronik-Einflüssen. Ist das der STUNDE NULL-Sound?

 Genau – und danke für die lobenden Worte. (lacht) Wir entwickeln uns mit jedem Album etwas weiter, wagen uns in neue Genres und erfinden uns so jedes Mal neu. Musik ist so vielfältig und wir lieben es damit zu spielen.

Beim Vorgängeralbum „Alles voller Welt“ hat man euch fehlende Härte vorgehalten. Zu Recht?

 Das liegt immer im Auge des Betrachters… (lacht) Ich selber kann das nicht beurteilen, kann aber sagen, dass es zu dieser Zeit für uns genau so richtig war. Wahrscheinlich würde das Album jetzt wieder anders klingen, aber das gilt ebenso auch für unser erstes Album. Wir machen was uns Spaß macht und machen es so, wie es sich am besten anfühlt.

Die beiden Vorgänger-Alben „Vom Schatten ins Licht“ und „Alles voller Welt“ landeten auf den erfolgreichen Plätzen 56 bzw. 17 der deutschen Albumcharts. Wie hoch ist das Hitpotential diesmal?

Nur Hits und Evergreens. (lacht) Nein, wir finden echt, dass dieses Album alles übertrifft, was wir bis jetzt geschaffen haben, aber das entscheiden nicht wir. Unser Anspruch war und ist der, dass uns die Musik, die wir releasen, selbst gefällt und wir sie mit Stolz präsentieren, mehr können wir nicht machen. (lacht)

Interview: Heinrich Schwazer

„Stunde Null“

 Die Barbianer Deutschrock-Band STUNDE NULL – bestehend aus Aaron Puntajer, Gesang, Jonas Rabensteiner, Gitarre, Markus Aichner, Gitarre, Michael Schweigkofler, Bass und Stefan Gantioler, Schlagzeug – gibt es  in der derzeitigen Formation seit 2014. Die Bandmitglieder spielten bereits seit 2013 in einer Band mit der jetzigen Formation, nach einer Krise richtete sich die Band neu aus und startete unter dem sprechenden Namen „Stunde Null“ neu durch.

Im April 2018 erschien das von Jörg „Warthy“ Warthmann produzierte Debütalbum „Vom Schatten ins Licht“. Mit Platz 56 schafften es Stunde Null gleich mit ihrem ersten Werk in die Top 100 der deutschen Albumcharts. Mit 40 Konzerte vor über 100.000 Menschen festigten Stunde Null 2018 ihren Platz als eine der wichtigsten Newcomer der deutschen Rockszene.

Bereits im Juni 2019 erschien das zweite Album „Alles voller Welt“. Das von Gitarrist Jonas Rabensteiner produzierte Album verhalf Stunde Null mit Platz 17 zur ersten Top20-Platzierung. “Alles voller Welt“ ist noch melodischer, noch eingängiger, noch mehr Stunde Null! Die von Tausenden Menschen besuchte „Alles voller Welt“-Tour im November 2019 führte Stunde Null neben Deutschland und der Schweiz bis nach Moskau und schloss somit nahtlos an den Erfolg des Albums an.

Das Album „Wie laut die Stille schreit“ erscheint am Freitag, 29. Jänner.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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