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Der Faktencheck

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Annus Horribilis oder „nochmal mit einem blauen Auge davongekommen“? Der AFI-Faktencheck zeigt auf, wie Südtirols Arbeitnehmer auf die Entwicklungen am Arbeitsmarkt im Jahr 2020 zurückblicken können.

2020 war ein Ausnahmejahr für Unternehmen, Arbeitnehmer und politische Entscheidungsträger gleichermaßen. „Die mittlerweile verfügbaren Daten erlauben ein erstes Resümee, wie das Corona-Jahr aus dem Blickwinkel der lohnabhängigen Beschäftigung bewertet werden kann“, heißt es vom Arbeitsförderungsinstitut (AFI).

Das AFI hat einen Faktencheck oft gehörter Aussagen ausgearbeitet:

Aussage 1: „Kündigungsverbot und Lohnausgleichskasse waren essentiell“

RICHTIG. Gesamtwirtschaftlich betrachtet gingen im Jahresschnitt 2020 „nur“ etwas mehr als 7.000 Arbeitsplätze von lohnabhängig Beschäftigten verloren. Das entspricht einem Rückgang von -3,5 Prozent zu 2019. Ohne Kündigungsverbot und Ausdehnung der Lohnausgleichskasse von Staat und Land wäre der Verlust an Arbeitsplätzen weitaus dramatischer ausgefallen.

Aussage 2: „Arbeitsplätze hat vor allem das Gastgewerbe abgebaut“

RICHTIG. Im Gastgewerbe gingen im Jahresschnitt ca. 6.500 Arbeitsplätze verloren (Veränderung: -22,4 Prozent zu 2019), in erster Linie Saisonarbeitsplätze (-36,0 Prozent). Klammert man das Gastgewerbe aus, fällt die Zahl der lohnabhängig Beschäftigten der Südtiroler Wirtschaft nahezu konstant aus (-0,4 Prozent).

Aussage 3: „Ab März blieb die Beschäftigungstendenz durchgehend negativ“

RICHTIG. Auf zwei gute Monate (Januar und Februar) folgten zehn Monate mit negativer Beschäftigungsentwicklung, mit allerdings unterschiedlicher Intensität. Auf die „schwarzen Monate“ April (-6,6 Prozent), Mai (-6,4 Prozent) und Juni (-7,4 Prozent) folgten bessere Sommermonate. Im September 2020 war bereits fast wieder das Beschäftigungsniveau des Vorjahres erreicht. Mit Dezember folgte ein weiterer einschneidender Negativmonat (-7,8 Prozent).

Aussage 4: „Ob festangestellt oder befristet beschäftigt – die Krise traf alle“

FALSCH. Die Krise hat befristet Beschäftigte wesentlich stärker als Personen mit Festanstellung getroffen. Während die Zahl an Festangestellten im Jahr 2020 sogar leicht zunahm (+2,0 Prozent), sank jene von befristet Beschäftigen stark ab (-17,6 Prozent), und zwar in allen Wirtschaftssektoren. Den stärksten Einbruch verbucht das Gastgewerbe (-36,0 Prozent).

Aussage 5: „Viele Südtiroler haben ihren Job verloren“

FALSCH. Die Leidtragenden der Krise waren in erster Linie befristet Beschäftigten und Saisonarbeiter und in zweiter Linie Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Nahm die Zahl der Lohnabhängigen mit italienischer Staatsbürgerschaft nur um -2,0 Prozent ab, fiel dieser bei Ausländern mit -12,0 Prozent deutlich höher aus.

Aussage 6: „Überdurchschnittlich stark betroffen waren Frauen und Teilzeitbeschäftigte“

FALSCH, zumindest aus Sicht der Arbeitsplatzstabilität. Die Zahl an Frauen in Lohnarbeit ist nicht stärker gesunken als jene der Männer, ebenso wenig die Teilzeitverträge im Vergleich zu den Vollzeitverträgen. RICHTIG, wenn man sich vor Augen führt, dass Berufe mit starker Frauenpräsenz (Gesundheit, Soziales, Bildung) im Pandemieverlauf besonders stark beansprucht wurden und dass Frauen im Lockdown auf traditionelle Rollenbilder zurückgeworfen wurden.

Aussage 7: „Ein weiterer Krisenverlierer war die Jugend“

RICHTIG. Zurückzuführen ist dies auf die Zurückhaltung der Arbeitgeber bei den Neuanstellungen, wenngleich die Statistiken nach Altersklassen auch einen gewissen Struktureffekt inkludieren. Alle Altersklassen unter 50 weisen Rückgänge auf, nur jene über 50 Zuwächse.

Aussage 8: „Die Arbeitslosenrate in Südtirol wird 2020 auf 6 bis 9 Prozent ansteigen“

FALSCH, zumindest was die amtliche Arbeitslosenrate anbelangt. Zwar stehen die Zahlen des 4. Quartals noch aus, doch die amtliche Arbeitslosenrate wird im Schnitt 2020 die 5-Prozent-Marke nicht überschreiten. Die Zahl der in den Arbeitslosenlisten eingetragenen Personen ist von im Schnitt 15.300 im Jahr 2019 auf 21.300 im Jahr 2020 angestiegen. Das entspricht einem Zuwachs von knapp 6.000 Personen bzw. +40 Prozent.

Aussage 9: „Südtirols Arbeitnehmer bangen um ihren Arbeitsplatz“

FALSCH. Zumindest nach dem Wissensstand im Herbst. Wie aus dem AFI-Barometer hervorgeht, stuften die meisten Südtiroler ihren Arbeitsplatz noch als relativ sicher ein. Das Risiko, den eigenen Arbeitsplatz zu verlieren, wird noch in der Herbstbefragung nicht wesentlich höher eingestuft als vor Ausbruch der Pandemie.

Aussage 10: „Die Lohnausgleichkasse hat als Instrument zur Abfederung der Krise funktioniert“

RICHTIG, allerdings mehr in der Theorie als in der Praxis. Im Zeitraum Januar-November 2020 wurden in der Provinz Bozen 18,6 Millionen Stunden an Lohnausgleich genehmigt. Das entspricht einer Verzehnfachung im Vergleich zum selben Zeitraum 2019. Vielen Arbeitnehmern wurde damit eine partielle Einkommensfortzahlung zugesichert. Allerdings: Die Verzögerungen bei der Auszahlung haben viele Arbeitnehmer in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht und sind so nicht hinnehmbar. Außerdem bedeutet selbst der Lohnausgleich immerhin noch einen Einkommensverlust, da die Ausgleichszahlung maximal 80 Prozent des Gehalts beträgt und der Höchstbetrag gedeckelt ist (auf ca. 1.200 Euro).

Stellungnahme von AFI-Präsident Dieter Mayr

„Das Wohlbefinden der Bevölkerung ist ein wichtiges Anliegen aller Sozialpartner: Aktive arbeitsmarktpolitische Maßnahmen sind ein ebenso wichtiges wie unverzichtbares Instrument, das genau in diese Richtung geht. Kurzfristig werden diese Maßnahmen zur Bewältigung der aktuellen Corona-Krise dienen, aber es wird genauso wichtig sein, sie mittel- bis langfristig weiterzuentwickeln, und zwar unabhängig von der Corona-Pandemie. Als Sozialpartner wollen wir den gesamten Prozess mitgestalten, nicht zuletzt, weil Wandel der Arbeitswelt und demografische Entwicklung dies verlangen.“

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