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Die Hilfeverweigerer

Foto: Ludwig Thalheimer

Trotz verfügbarer Schlafplätze verbringen in Bozen auch bei den derzeitig eisigen Temperaturen zwischen 60 und 70 Obdachlose die Nächte im Freien. Wer sind sie?

von Thomas Vikoler

Die Debatte wiederholt sich beinahe jeden Winter: Freiwilligen-Organisationen schlagen Alarm über einen Obdachlosen-Notstand in Bozen, die öffentlichen Verwaltungen reagieren zumeist genervt. Am Ende gibt es dann aber (wenn auch spät) zusätzliche Schlafplätze. So wie in diesem Winter in der Messe Bozen, wo der Landes-Zivilschutz ab kommenden Montag ein Obdachlosen-Unterkunft für rund 70 Personen öffnet.

Derweil verbringen bis zu 70 Personen ihre Nächte im Freien – und dies bei den derzeitigen Temperaturen von bis zu Minus acht Grad Celsius in der Landeshauptstadt. Diese Zahl nannte am Wochenende in einem zornigen Facebook-Post die Aktivistin Lissi Mair. „In den vergangenen Tagen habe Ärzte ohne Grenzen Schlafsäcke verteilt. Nicht in Lesbos, sondern im reichen Bozen“, schreibt Mair.

Wer sind diese Obdachlosen? Laut Sozialstadträtin Chiara Rabini wurden von den Freiwilligen-Organisationen (vor allem Volontarius) 90 Personen kontaktiert, die aber am Ende keine der verfügbaren insgesamt gut 220 Schlafplätze aufsuchten. Einige von ihnen unterzogen sich sogar dem notwendigen Corona-Test, blieben den öffentlichen Schlafstellen am Ende aber fern. Darunter Flüchtlinge, die aus dem (beendeten) staatlichen Sprar-Programm entlassen wurden. „Sie wollten nicht in einem großen Schlafsaal mit anderen Personen übernachten oder hatten inzwischen einen anderen Platz gefunden“, weiß Rabini.

Dazu gibt es erfahrungsgemäß einen harten Kern von 30 bis 40 Männern, die sich auch bei sibirischen Temperaturen Hilfe verweigern. Dabei handelt es sich um „klassische“ Obdachlose, die Kontakt mit öffentlichen Behörden vermeiden wollen. Etwa wegen einer kriminellen Vergangenheit oder aus Prinzip: Ich kann für mich selbst sorgen. Dass sie dabei ihr Leben aufs Spiel setzen, scheint ihnen nicht gänzlich bewusst zu sein.

Stadträtin Rabini geht deshalb davon aus, dass dieser Personenkreis auch nicht ab Montag an die neue Struktur in der Messe Bozen wenden wird. „Wir als Gemeinde werden uns aber trotzdem bemühen, die Leute über diese Möglichkeit zu informieren. Wir werden uns auch dafür einsetzen, dass dort auch tagsüber geöffnet ist, was derzeit nicht geplant ist.“

Generell möchte die grüne Stadträtin das Angebot für Obdachlose verbessern: Eine fixe Tages-Einrichtung zum Schutz vor Kälte und zur Kontaktaufnahme und mehr Plätze in Arbeiterwohnheimen. Denn Personen, die eine Arbeit haben, sollten dort unterkommen. Dafür würden Plätze in den Obdachlosen-Unterkünften frei. Ebenfalls geplant ist die Ausbildung von Tutoren, welche Menschen ohne Unterkunft den Weg in eine sicherere Existenz weisen.

Rabini ist erst einmal froh darüber, dass in Bozen keine Obdachlosen in diesen eisigen Nächten erfroren sind. Denn dann würde die Debatte erst richtig losbrechen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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