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Trauergottesdienst für Sven Sachsalber

Sven Sachsalber: „Ein Bild zu erfinden ist ein Klischee“

Drei Wochen, nachdem er in Wien 33jährig an Herzversagen gestorben ist, wird der Vinschger Künstler Sven Sachsalber am Freitag in seinem Heimatdorf Laatsch beerdigt. In Erinnerung an den Künstler bringen wir ein Gespräch, das 2019 anlässlich seiner Ausstellung „Buchhandlung Kalter König“  in der Galerie Museum geführt wurde. 

Tageszeitung: Sie sind vor 6 Jahren mit einem Stipendium nach New York gezogen und geblieben.

Sven Sachsalber: Und ich habe vor, zu bleiben.

Wie überleben Sie?

Als Assistent von Raymond Pettibon. Ich gehe zwei Mal in der Woche zu ihm ins Atelier und bereite seine Sachen vor. Er arbeitet viel mit Videostills, die ich mittels Projektor abzeichne, danach geht er mit Tusche drüber. Er ist ein wahnsinniger Sportfanatiker, Basketball, Baseball, Football, all diese Sportarten, die wir Europäer nicht verstehen. Und Musik, das ist seine Sache. Er hat mehr als 10.000 Schallplatten. Er ist noch einer von der alten Garde, die jetzt langsam wegstirbt. Die Generation von Künstlern, die noch nicht in dem ganzen Internetscheiß drinhängt. Wir haben viel gemeinsam, das Interesse für Musik vor allem. Wir reden viel über deutsche Noise und Underground Musik, wie z.B. Einstürzende
Neubauten, Malaria, Abwärts…

Internet ist für Sie No-go-Zone?

Das ist Zeitverschwendung. Logisch schaue ich mir Youtube Videos an und benutze es als Recherchehilfe, aber nicht mehr. Ich habe auch keine Homepage, ganz bewusst. Mir kommt vor, wenn alle in eine Richtung laufen, muss man woanders hingehen.

Bloß keinem Trend folgen.

Ich habe überhaupt nie verstanden, was Trendkunst ist. Und es kann einem auch niemand erklären.

Ihre Kunst spielt sich fast ausschließlich auf Papier ab.

Papier und Leinwand, zurzeit. Für die Ausstellung in der Galerie Museum verwende ich ein Replika aus Kuhfell des Zebra-Rennanzugs der deutschen Skinationalmannschaft von Willy Bogner als Malgrund. Der Zebraanzug liegt auf einem unbehauenen Marmorstein. Ein normaler Sockel aus Holz wäre mir zu konzeptuell gewesen, zu trocken, eine zu einfache Lösung, das mag ich nicht. So wirkt es, als ob ein Steinbock auf einem Stein stehen würde.

Was haben Sie gegen Konzeptuelles?

Es ist mir zu geschleckt und man muss elend lange Texte lesen, um überhaupt etwas zu verstehen. Ich bin ein visueller Mensch, eine Arbeit muss optisch funktionieren. Die schönste Ausstellung, die ich je gesehen habe, ist die Warhol-Retrospektive im Whitney Museum. Das passt visuell 200%. Die Colaflaschen, Mao, Marilyn Monroe und die Tomaten Suppen. Die Zeit der verkopften Kunst ist zumindest in
Amerika ziemlich vorbei, in Europa merkt man, dass sie noch stärker da ist. Das ist ein europäische Krankheit, in Amerika geht das gar nicht. Die amerikanischen Galeristen und
Kuratoren sind sehr pragmatisch. Ich finde das gut, man hat nicht soviel Spielraum für Blödsinn, weil es in den USA sehr wenig Geld von öffentlichen Institutionen gibt.

Pragmatisch bedeutet: Kann man das verkaufen.

Ja, was sonst. Wenn man in einer Stadt wie New York überleben will, hat man gar keine andere Möglichkeit.

New York ist für Künstler die beste und gleichzeitig die härteste Stadt.

Es ist hart. Ich hatte das Glück, dass mich immer wieder Künstler unterstützt haben, und immer noch tun. Einer meiner größten Förderer ist Rudolf Stingel, er hat mir immer wieder Arbeiten abgekauft und wir reden sehr oft miteinander.

Die Ausstellung in der Galerie Museum trägt den Titel „Buchhandlung Kalter König“, in erster Linie geht es aber um die Hotelpapiere von Martin Kippenberger.

Kippenberger hat viel auf Hotelpapier gezeichnet, im Nachlass ist ein Buch von ihm erschienen mit leeren Seiten aus Hotelpapier: „No drawing no cry“. Das Buch kostet fast 1000 Euro und ist in limitierter Auflage erschienen. Das wollte ich mir nicht kaufen, eine Freundin hat es mir aber hinterrücks besorgt. Ich wollte die leeren Seiten tagebuchartig als Zeichenpapier verwenden. Angefangen habe ich damit in Mexiko und New York, später dann auch im Vinschgau, wo ich Motive aus Südtirol gezeichnet habe. Das Buch war schon so alt, dass der Kleber sich auflöste und die Seiten herausgefallen sind. Also habe ich die Seiten herausgenommen und einzeln gerahmt.

Das Papier ist original Kippenberger.

Ja, es sind seine Papiere, aber mich interessiert es nicht als Fetisch, den ich nur mit weißen Handschuhen angreife. Ich will damit arbeiten, ein leeres Buch finde ich einfach teppat. Kippenberger hat ja auch so gearbeitet, beispielsweise als er einen Tisch gebaut hat, in dem er eine Malerei von Gerhard Richter als Tischplatte eingesetzt hat. Kippenberger ist für
mich einfach ein guter Künstler.

Sie holen Ihre Motive zeichnerisch wieder aus dem Werbekontext heraus und verwandeln sie in etwas Neues.

60 Prozent meiner Zeichnungen basieren auf Motiven aus den Artforum-Anzeigen von Bischofberger. Dazu kommen Motive von Egger- Lienz, Alfred Kubin, Defregger, Klimt, der Totentanz von Rudolf Stolz, Hans Piffrader, Wilhelm Busch, die Aliens von Giger oder Fotografien von Jürgen Teller. Auch viel Musik kommt vor, etwa Blixa Bargeld, Grace Kelly von der Band „Die Ärzte“ oder Witziges wie das Jodeldiplom von Loriot. Ich zeichne aber auch Selbstporträts, Berghöfe, den Brauch des Scheibenschlagens, den Reschenturm, Heuhaufen, Zigarettenschachteln, die Couch von Sigmund Freud, Krampusfiguren, Pumuckel, den Räuber Hotzenplotz, die Hand von Ötzi, meinen Opa am Totenbett.

Zeichnen heißt bei Ihnen abzeichnen.

Ja, ich zeichne buchstäblich ab. Aus meinem Kopf kommt bis auf zwei Zeichnungen gar nichts. Ich erfinde nichts. Jedes Bild kommt von irgendwo her, ein Bild zu erfinden ist ein Klischee. Die Bilder von Francis Bacon, der mir sehr gut gefällt, kommen alle von Fotografien her. „Atlas“ von Gerhard Richter
ist nichts anderes. Ich glaube einfach nicht, dass Bilder so aus dem Kopf entstehen, Außer man arbeitet abstrakt. Die Zeiten des Geniekünstlers, der alles aus sich heraus schafft, sind vorbei. Gottseidank.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Info

Am 12. Dezember ist Sven Sachsalber in Wien völlig unerwartet 33jährig an Herzversagen gestorben. Der Schock in der Kunstszene und nicht nur dort, über den Tod eines der talentiertesten und eigenwilligsten jungen Geister, war groß. Drei Wochen danach wird er am Freitag in seinem Heimatort Laatsch im Vinschgau zu Grabe getragen.

Sven Sachsalber, 1987 geboren, wollte ursprünglich Skirennläufer werden. In der Sportoberschule Mals teilte er das Zimmer mit Dominik Paris. Nach einem schweren Unfall studierte von 2010 bis 2013 Kunst am Fine Arts Royal College of Art London. 2014 verlegte er seinen Lebensmittelpunkt nach New York. Mit ungewöhnlichen Aktionen wirbelte er die Kunstwelt auf. So etwa mit der wortwörtlichen Suche einer vier Zentimeter langen Nadel im Heuhaufen, die Sachsalber im Palais de Tokyo in Paris performte. Damit erreichte er einen hohen Bekanntheitsgrad und machte auch außerhalb der Kunst- und Kulturszene auf sich aufmerksam. 2019 wurde er mit dem von den Ländern Südtirol und Tirol gestifteten Paul-Flora-Preis ausgezeichnet. In New York arbeitete er als Assistent des Kunststars Raymond Pettibon, einer seiner größten Förderer war Rudolf Stingel. Im vergangenen Jahr eröffnete er in der Galerie Ramiken Crucible in der Upper East Side seine erste Einzelausstellung. Weiters wurden seine Arbeiten in der Bible, NY; Shoot The Lobster, NY; White Columns, NY; Helper, Brooklyn; Performa, NY; Fiorucci Art Trust, Stromboli; Palais de Tokio, Paris; Museion, Bozen und in der Limoncello Gallery, London, gezeigt. In Südtirol war er zuletzt in der Ausstellung „Buchhandlung Kalter König“ in der Galerie Museum zu sehen.

Sachsalber war ein überaus eigenwilliger Kopf. Das Internet war für ihn Zeitverschwendung, ganz bewusst betrieb er keine eigene Homepage: „Mir kommt vor, wenn alle in eine Richtung laufen, muss man woanders hingehen“, sagte er in einem Interview mit der Tageszeitung. Ganz im Sinne von Kippenberger nahm er den Geniekult der Künstler auf den Arm: „Ich glaube einfach nicht, dass Bilder so aus dem Kopf entstehen, außer man arbeitet abstrakt. Die Zeiten des Geniekünstlers, der alles aus sich heraus schafft, sind vorbei. Gottseidank.“

Der Trauergottesdienst findet am 8. Jänner um 14.00 Uhr in der Pfarrkirche von Laatsch statt.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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