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Hinter Gittern

Karl Fink

Karl Fink hat ein Vierteljahrhundert lang im Namen der Vinzenzgemeinschaft ehrenamtlich Gefangene im Bozner Gefängnis betreut. Welche Erfahrungen hat er dabei gemacht, wie denkt er über die Institution Gefängnis und was von den Arbeitnehmern, deren Gründungsmitglied er war.

Tageszeitung: Herr Fink, ein Vierteljahrhundert haben Sie im Namen der Vinzenzgemeinschaft ehrenamtlich Gefangene im Bozner Gefängnis betreut. Wie kamen Sie dazu? 

Karl Fink: Es hat jemand gebraucht, als der Herr Dipauli vom Vinzenzverein, der das bis dahin gemacht hatte, in ein Alter gekommen war, wo er es nicht mehr machen konnte. Ich bin damals gerade in Pension gegangen und hatte Zeit. Ausbildung hat es keine gegeben, ich habe es einfach probiert. So viel wissen muss man ja nicht, um das zu machen. Ein bisschen Einfühlungsvermögen und zuhören können – das ist das Wichtigste. Eltern anrufen, Rechtsanwälte anrufen,  Lebensgefährtinnen anrufen, Betriebe anrufen, für sie ins Gericht oder zur Bank gehen – das ist es, was man als Gefangenenbetreuer tut. Und man muss den Gefangenen klar sagen, was möglich ist und was nicht.

Zum Beispiel?

Naja, manchmal haben sie einen schon um Sachen gefragt, die nicht legal waren. Etwas hinein- oder herauszuschmuggeln zum Beispiel. Die Vorschriften der Gefängnisleitung sind sehr streng. Es braucht für alles, was hinein- oder herausgebracht wird, eine Genehmigung der Gefängnisleitung. Für manche, die Geld hatten, habe ich Kleidung hineingebracht oder auch Küchengeschirr, weil viele in der Zelle ihr Essen selbst kochen.

Schmeckt Ihnen das Gefängnisessen nicht?

Das ist ihnen zu letz. Jedenfalls denen, die Geld haben. Die kochen lieber selber auf einem kleinen Campingkocher.

Dürfen die Gefangenen Geld haben? 

Kein Bargeld, aber ein Kontokorrent dürfen sie haben. Manche hatten auch eine Bankomatkarte. Es gab Zeiten, da hatte ich vier, fünf Bankomatkarten in der Brieftasche. Geld haben ist im Gefängnis sehr wichtig. Wer etwas hat, ist besser angesehen und die anderen naschen alle ein bisschen mit. Es gibt da schon eine Solidarität unter den Gefangenen.

Keine Probleme unter den verschiedenen Nationalitäten?

Da gab es schon Schwierigkeiten. Zu Zeiten des Jugoslawienkrieges durfte man Serben und Kosovaren und Bosnier nicht in die gleichen Zellen stecken. Kleinere Rivalitäten gibt es natürlich immer. Sie können untereinander schon auch nicht sein. Ein blaues Auge sieht man schon hin und wieder.  85 Prozent sind Ausländer, aber da Bozen kein Strafgefängnis, sondern nur ein Bezirksgefängnis ist, kommen die schweren Fälle alle in andere Gefängnisse.

Was durften Sie nicht hineinbringen?

Keine elektrischen Haarschneider zum Beispiel, obwohl sich das viele gewünscht haben. Erlaubt sind aber nur solche mit Batterien. Auch Radios waren nur batteriebetriebene gestattet.

Darf jeder Gefangenenbetreuung machen?

Man muss ein Gesuch stellen, ein Gespräch mit einem Richter führen, dann bekommt man die Genehmigung, das Gefängnis jederzeit betreten zu dürfen. Die Genehmigung muss jedes Jahr erneuert werden.

Wie viele Gefangene stecken in einer Zelle? 

Unterschiedlich. Es gab größere und einige kleinere Zellen. Da waren zum Teil 10 bis 12 drinnen. Es gab eine Zeit, da war das Gefängnis mit 180 Leuten belegt, heute sind es maximal 95. Das macht viel aus. Wenn zu viele da sind, ist die Atmosphäre gespannt. Im unteren Stock sind die Einzelzellen, in die Gefangene gesteckt werden, die mit Kindern zu tun hatten oder im Kopf nicht ganz richtig sind. Die dürfen nicht mit den anderen zusammenkommen. In den oberen Stockwerken sind die Zellen offen und die Gefangenen dürfen sich frei bewegen.

Wie schaut der Tag eines Gefangenen aus? 

Aufstehen, nicht zu früh, Frühstück, dann lungern sie in den Gängen oder in ihren Zellen herum. Manche lesen, manche gehen in den Hof, treiben ein bisschen Sport, manche dürfen kleinere Arbeiten machen, einige helfen in der Küche, manche putzen. Dafür bekommen sie auch bezahlt. Es werden auch Kurse angeboten, aber da halten die wenigsten durch. Wenn sich 20 zu einem Kurs anmelden, bleiben am Ende fünf übrig. Die werden faul im Gefängnis. Ich habe auch die Bibliothek betreut, aber da sind nur steinalte Bücher drin. Die will niemand lesen. Aber gelesen wird schon doch.

Reden die Gefangenen mit Ihnen über das, was sie getan haben?

Ich habe nie jemand danach gefragt. Manche haben es von sich aus erzählt und ich habe ihnen zugehört. Oft wollten sie wissen, was die Zeitung über sie schreibt, aber ich konnte ihnen keine Antwort geben. Dazu war ich nicht befugt. Was soll man sagen, es ist nicht zu verstehen, wenn einer einen Mord begeht. Von der Tat wissen sie oft nichts mehr, aber das sagen sie alle. Das sind bedauernswerte Leute. Niemand will mehr etwas von ihnen wissen. Niemand. Das ist das Schwerste für sie. Wenn die Familie hinter einem steht, ist es leichter zu ertragen, als wenn sie von allen fallengelassen werden. Aber die Mütter und Väter machen oft schon etwas mit mit ihren Kindern. Wie oft habe ich die am Telefon weinen gehört. Das ist schlimm.

Wie sind die Häftlinge? 

Es gibt höfliche Häftlinge, die sich bedanken aber auch zuwidere. Einmal hat mich in der Weintraubengasse ein großer Schwarzer abgebusst. Ich bin erschrocken, weil ich ihn nicht mehr erkannt habe. Er mich aber schon. Er hat sich bedankt für alles, was ich im Gefängnis für ihn getan habe. Andere hingegen schauen weg und tun so, als ob sie dich nicht mehr kennen würden. Das ist schon in Ordnung. Ich freue mich, wenn jemand wieder Fuß gefasst hat. Manche suchen mich auch, wenn sie etwas brauchen. Wenn sie herauskommen, ich rede jetzt von den Ausländern, haben sie nichts. Keine Wohnung, kein Geld, keine Arbeit. Im Vinzenzverein haben wir ein paar Betten, aber die sind nur für kurze Zeit gedacht. Einfach ist es nicht mit diesen Leuten, es ist oft auch hart, zu helfen.

Weihnachten ist die schwierigste Zeit im Gefängnis.

Für die, die Familie mit Kindern haben schon. Mein Kollege Bertoldi hat immer Spielsachen gekauft und sie den Häftlingen gegeben, damit sie ein Geschenk für ihre Kinder haben. Dann können sie Christkindl spielen. Im Winter geht es ja vielen im Gefängnis besser als draußen. Da haben sie ein warmes Bett und etwas zu essen.

Seit Jahrzehnten heißt es, dass es ein neues Gefängnis braucht. Wie schlimm ist es? 

Ich habe nie einen Häftling getroffen, der sagte, dass es anderswo besser ist. Im Gegenteil, alle sagen, hier ist es am besten. Erstens sind hier wenig Häftlinge, 90 oder 100, während in anderen über 1000 sind. Das macht es schon menschlicher. Zweitens glaube ich, dass sie in keinem anderen Gefängnis in Italien besser betreut werden. Der Bertoldi kauft ihnen das Notwendigste, auch denjenigen, die nichts haben. Das Gefängnis ist alt und es wurde lange nichts mehr getan. Aber es ist besser als in den modernen Gefängnissen mit elektrischen Türen und was weiß ich. Logisch, manche sind mit den Wachleuten zuwider, dann sind die halt auch mit ihnen zuwider.

Hatten Sie nie Angst?

Einmal schon. Da ging es um einen Einheimischen, der im Rausch ausgezuckt ist. Das war die Zeit, als sie noch ein Viertel Wein bekommen haben. Heute ist Alkohol verboten. Früher habe ich oft auch viele begleitet, wenn sie ein paar Stunden Freigang hatten. Das größte Problem war immer, sie bei den Gasthäusern vorbeizubringen. Mit zwei Bier waren die schon rußig. Da habe ich logisch keine gute Figur als Betreuer gemacht, wenn ich mit einem betrunkenen Häftling zurückgekommen bin. Einmal ist mir einer ausgebüchst, aber ich habe ihn zum Glück in einer Bar mit einem teiflischen Rausch wieder gefunden.

Welche Geschichte hat Sie am meisten berührt?

Eine Mutter, die am Telefon wegen ihres inhaftierten Sohnes herzzerreißend geweint hat. Alles hat sie getan für den Bub, immer geschaut auf ihn und so weiter. Ich kann da nichts machen, ich habe ja nur den Auftrag sie zu bitten, ob sie ihren Sohn einmal besuchen kommen oder ihm ein bisschen Geld schicken kann.

Manche schaffen, andere werden wieder rückfällig …

Leider kommen manche immer wieder. Meist wegen kleiner Sachen, ein paar Monate, aber halt immer wieder. Ich habe dann immer gesagt: Dir muss es hier gut gefallen, sonst wärst du nicht schon wieder da. Am meisten gefreut hat mich immer, wenn sich einer gefangen hat und einer Arbeit nachgeht.

Wie war die Belegung, als Sie vor 25 Jahren angefangen haben?

Es waren damals schon vor allem Ausländer und es sind mehr und mehr geworden. Das sind schon arme Teufel, die haben niemand, keine Familie, der auf sie schaut.

Das Gefängnis braucht es?

Als ich angefangen habe, habe ich gedacht, es braucht kein Gefängnis. Aber das stimmt nicht. Es braucht Gefängnisse, auch wenn viele drinnen nicht zu besseren Menschen werden. Ohne Gefängnis wären wir irgendwann nicht mehr sicher und das geht auch nicht. Das Problem ist meines Erachtens, dass ein Gefängnis keine Möglichkeit hat, die Insassen zu beschäftigen. Wenn sie eine Arbeit hätten, wäre vieles gelöst. Aber darüber haben schon viel Gescheitere als ich nachgedacht und auch keine Lösung gefunden. Meine Überzeugung ist: Arbeit ist die beste Medizin. Am besten im Freien auf einem Hof. Einem Südtiroler Häftling zum Beispiel hat es auf der Gefangeneninsel Gorgona am besten gefallen, weil dort durfte er die Wiesen mähen. Die beste Therapie wäre fest arbeiten auf einem Bauernhof. Nicht schinden, keine Sklaverei, aber arbeiten.

Bozen ist ein reines Männergefängnis.

Der dritte Stock war ursprünglich der Frauenstock, aber dafür braucht es eigenes Personal und bei den wenigen weiblichen Insassinnen würde sich das nicht auszahlen. Die kommen alle nach Trient.

Mit der Gefangenenbetreuung im Gefängnis haben Sie aufgehört, aber nicht ganz, oder? 

Zu tun gibt es genug. Die St. Martin Konferenz im Vinzenzverein hilft Gefangenen, die früher entlassen werden können, weil sie eine Arbeit und eine Wohnung vorweisen können. Wir haben eine Wohnung für sechs Leute, sie müssen halt verlässlich sein. Der Vinzenzverein arbeitet ja im Gegensatz zur Caritas ausschließlich ehrenamtlich.

Warum sind Sie so sozial eingestellt?

Ich bin am Ritten aufgewachsen, wir hatten eine Landwirtschaft, ein Gasthaus und eine Metzgerei. Uns hat es an nichts gefehlt. Ich habe das Druckereigewerbe gelernt, hatte immer eine Arbeit und das Glück über eine Genossenschaft zu einer Wohnung zu kommen. Was will man mehr? Ich erinnere mich an das Buch, das Florian Kronbichler mit Flavio Faganello gemacht hat. Darin steht zu lesen: Wir haben immer mehr und werden ständig ärmer. Treffender kann man es nicht sagen. Heute schreien alle wegen dem Corona herum, ja, was haben die Leute während des Krieges getan, als sie nichts zum Essen hatten? Nur weil man eine Weile nicht von der Hütte gehen darf, fällt doch nicht der Himmel herunter.

Sie waren ja auch politisch tätig als Mitbegründer der SVP-Arbeitnehmer.

Die es in der Form nicht mehr gibt.

Und heute?

Als ob nichts mehr davon übrig wäre. Das tut schon eher weh. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie Magnago bei der Gründung der Arbeitnehmer gesagt hat, geht nicht in die Landesregierung, von draußen erreicht ihr viel mehr. Er hat Recht gehabt. Als die Arbeitnehmer in die Landesregierung gekommen sind, haben sie das Kämpferische verloren. Magnago war halt ein Fuchs.

Interview: Heinrich Schwazer

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