Du befindest dich hier: Home » Kultur » Gerupfte Gockel

Gerupfte Gockel

Die Drachenbezwingerin und Die Venus und ihr prächtiger Gockel (rechts)

Kitschige Porzellanfiguren, ornamentale Wandverkleidungen und erotische Fliesen. Die Künstlerin Dana Widawski zeigt in ihrer Ausstellung Décorations de Luxe, dass Kitsch die eigentliche Sehnsucht der Kunst ist. Zu sehen in der Galerie Antonella Cattani.

 

(sh) Der Gockel ist übel gerupft, nichtsdestotrotz scheint er vor der eigenen Potenz in heiligen Schauder zu verfallen. Mit erigiertem Gemächt zwischen den Beinen schaut er forsch und dümmlich wie ein notorischer Frauenanbaggerer seine Betrachter an: Seht her, ich bin eine Testosteronfabrik. Ein zweiter Blick offenbart jedoch eine patriarchale Demütigung. Der Gockelwüstling wird von Botticellis Venus wie eine Marionette an seinem Kamm festgehalten. Es hat sich ausgekräht.

Gleich neben der Venus und ihrem Prachtgockel hängt ein Fayencefliesentableau mit einer wunderschönen Asiatin, die mit einem offenen Kimono bekleidet auf einem chimärischen, möglicherweise soeben entmannten, Mann-Drachenwesen Platz genommen hat und in aller Seelenruhe eine Blume rupft: Er liebt mich, er liebt mich nicht!

Hauptsächlich blauweiß sind die Fayencen der Künstlerin Dana Widawski, doch das ist auch schon das einzige Zugeständnis an die Ästhetik des traditionsreichen Kunstgewerbes. Es lohnt sich vielmehr. die Tableaus und Porzellanfiguren der Berliner Künstlerin Dana Widawski auf ihren überbordenden Symbolgehalt hin zu durchsuchen.

Dana Widawski: Justo go, 2016. Antonella Cattani contemporary art

Unübersehbar spielt sie mit dem eigentümlichen Lustgefühl des Kitschgenußes, mit der prallen, üppigen, deftigen Anwesenheit des Genussobjekts und dessen Neigung zum Überladenen, zur Stimmungslüsternheit, zur Rührseligkeit, die auch noch die eigene Rührung rührend findet. Doch die Metaphysik des Banalen mit ihrer bewusst trivialen Sprache, kurz die Gloriole des Kitsches und seine schlaffe Passivität ist ein Täuschungsmanöver.

Amüsant und provokant beamt sie zwei Porzellanfiguren des Rokoko, Luxusgeschöpfe, deren einziger Zweck es ist, einfach nur dekorativ herumzustehen, in die Gegenwart der #Mee Too-Bewegung. Mee Too! sagt die elegante Dame mit dem Blumenkorb in der Hand zu dem Herrn mit einer Blume in der Hand und bekommt ein Mon Dieu! zur Antwort. Schaut bezaubernd aus, doch die Sprechblasen verraten nicht alles. Im erotischen Symbolhaushalt bedeutet die Szene, dass die den Blumenkorb tragende Dame von dem Herr defloriert worden ist. Defloration bedeutet nichts anderes als, die Blume wurde gepflu?ckt.

Die Porzellanfiguren sind auf dem Flohmarkt erstanden oder industrielle Massenprodukte, die sie  auf handgefertigten Keramikkonsolen in Szene setzt. Das Hashtag-Symbol ist altmeisterlich sauber in die Unterglasur gemalt und katapultiert das elegante Paar aus den elitären Prunkgemächern des Rokoko in die digitale Gegenwart der sozialen Medien. Die Libertinage des dekadenten französischen Adels, literarisch verewigt in Choderlos de Laclos Briefroman „Les Liaisons Dangereuses“, findet ein neues Zuhause im virtuellen Exhibitionismus des Netzes, nebst den von der Me-Too-Bewegung ausgelösten Debatten über Sex und Macht. Form und Inhalt, Ancien Régime und Cyber-Exhibitionismus, Macht und Erotik krachen in diesen putzigen Figures de Décoration zusammen.

„Figures de Décoration“

Eine zweite Schiene von Dana Widawskis Ausstellung Décorations de Luxe in der Galerie Antonella Cattani sind Tapetenbilder, die von den Arts & Crafts Ornamenten des viktorianischen Künstlers, Lebensreformers und Sozialisten William Morris inspiriert sind. Die Schablonenmalereien auf Leinwand zeigen üppige Pflanzen- und Baumornamente, die einst symbolisch für Wachstum, Tod und Erneuerung standen. „Brother Rabbit“, der Hase als Symbol der Fruchtbarkeit, versteckt sich bei Morris züchtig im Ornament. Widawskis holt ihn aus dem Symbolischen heraus und lässt ihn das tun, wofür er steht: Rammeln.

Gelegentlich treibt sie den Kitsch bis an seine unerträgliche Grenze und darüber hinaus. Auf einer Bergskulptur aus Keramik sieht man ein Knäblein mit gebrochenem Bein und darüber ein Häslein, das sich über den Möchtegernjäger amüsiert. Frei nach Goethes Gedicht „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ heißt die Skulptur „Sah ein Knab ein Häslein stehn“. Sämtliche Täuschungsmanöver des Kitsches und die dazugehörigen Vorwürfe wie ,billig‘, ,unwahr‘, ,schamlos‘, ,falsch‘ sind in dieser Splatter-Skulptur aufgehoben. „Wann wird eine Arbeit la?cherlich, so kitschig, dass sie einfach nur noch schlecht ist, und mit welchem Kunstgriff la?sst sich die Arbeit wieder zuru?ckholen in eine tiefgru?ndige/vielschichtige Arbeit?“ fragt die Künstlerin. Das funktioniert nicht, ironische Brechung hin oder her. Kitsch, der sich als hohe Kunst geriert – etwas Schlimmeres gibt es fast nicht.

Widawskis Kunst bewegt sich furchtlos vor dem Diminutivgefühl Kitsch (Nietzsches „Gefühlchen“) durch die Jahrhunderte auf moralpolizeilich ungesichertem Umfeld. Das ist amüsant und provokant a la Jeff Koons, der ja auch sexualisierte Porzellanbüsten im Rokoko-Stil anfertigt. Kitsch war schon immer die eigentliche Sehnsucht der Intellektuellen.

Termin: Die Ausstellung Décorations de Luxe von Dana Widawski in der Galerie Antonella Cattani contemporary art ist von Dienstag bis Freitag (10 – 12.00 Uhr und von 15.30 – 19-00 Uhr, Samstag 10 – 12.00 Uhr) zugänglich. www.antonellacattaniart.com

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2020 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl Impressum | Datenschutz & AGB | Cookie Hinweis | Privacy-Einstellungen

Nach oben scrollen