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„Es wird dramatisch“

Georg Oberhollenzer (Foto: Wisthaler)

Georg Oberhollenzer, Direktor der Raika Bruneck, über stillstehende Skilifte, leere Geschäfte und die Folgen für die Menschen und die Wirtschaft im Pustertal. Über fehlende Kapitalraten von  30 Millionen Euro. Und über den staatlichen Schuldenberg.

TAGESZEITUNG Online: Herr Oberhollenzer, im Frühjahr waren die Aussichten für die Wirtschaft sehr düster, der Sommer lief dann aber besser als erwartet, etwa im Tourismus. Hat Sie das überrascht?

Georg Oberhollenzer: Man sieht, dass Menschen und Unternehmen sehr resilient sind. Sie blicken nach vorne. Nach dem ersten Lockdown gab es ein sehr starkes Bedürfnis, alles nachzuholen, aufzuholen aber auch sich zu erholen. Das hat sich bei uns auf den Tourismus positiv ausgewirkt: Die Menschen wollten wieder in die Berge, in die heile Welt. Überrascht hat uns alle allerdings, dass die zweite Welle bereits im September mit voller Wucht auf uns zurollte. 

Hat man alles, was man im Sommer wieder aufholen konnte, mittlerweile wieder verspielt?

Nein, verspielen kann man eigentlich nur wenn man spielt, also zockt und zuviel riskiert, eben aufs Spiel setzt. Das war nicht der Fall. Im Gegenteil. Die Menschen waren einfach nur fleißig, haben nach vorne geschaut, viel wieder wett gemacht und wurden jetzt erneut eingebremst. Die Liquidität ist für die Wirtschaft wie der Sauerstoff zum Atmen. Im ersten Lockdown wurden wir, um bildlich zu sprechen, unter Wasser gedrückt, die Lage war schnell prekär. Jeder kleine Moment, wo man auftauchen kann, um Luft zu schnappen, gibt sehr viel Kraft. Ich bekomme wieder Luft! Mancher ist vielleicht auch sehr schnell wieder in alte Muster zurückgefallen und hatte übermütig geglaubt, dass es weiterläuft wie früher. Mancher wollte vielleicht die Zahlen sogar wieder überholen und eine Saison der Rekorde anstreben. Dabei wäre es eher um die Frage gegangen: Was müssen wir anders, besser, nachhaltiger machen? Jetzt sind wir wieder unter Wasser und müssen nachdenken. So schnell wie beim letzten Mal wird sich die Lage nicht erholen. Die Situation ist wieder ganz neu: Weihnachten wird anders werden. Die Wirtschaft steht vor gerade erst geöffneten Geschäften und weiter geschlossenen Skigebieten.

Wie viele Familien und Unternehmer sind finanziell an ihre Grenze geraten? Haben Betriebe schon zusperren müssen? 

Im Moment sehen wir erst die Folgen des ersten Lockdowns und der Erholung im Sommer. Es gab viele blaue Augen und Schrammen, aber es geht. Die Krise konnte auch durch Hilfsmaßnahmen, Lohnausgleichkasse, Kündigungsstopp sowie durch Stundungen und Covid-Finanzierungen abgefedert werden. Aber natürlich sind wir an Grenzen gestoßen, man hat gesehen, wie schnell fehlende Liquidität zum Problem wird. Betriebsschließungen haben wir bisher noch keine gesehen. Wie es nach diesem zweiten Lockdown aussieht, ist schwer zu sagen. Aber es wird dramatischer. 

Die Bank kann Kredite stunden: Wie viele solcher Anträge wurden bisher gestellt?

Diese Aktion ist im Schulterschluss der Südtiroler Banken und der Landesregierung entstanden. Am Bankentisch hat man den Unternehmen und Familien deutlich mehr bieten können, als die staatlichen Vorgaben vorsehen. Wir haben Kredite auf ein Jahr gestundet, was sehr stark in Anspruch genommen wurde. Die Banken haben in all diesen Monaten viel arbeiten müssen, das ist eine Branche, die nicht hat schließen müssen, im Gegenteil, wir mussten hart arbeiten. Wir haben 550 Stundungsanträge behandelt und genehmigt. Bei uns ist ein Drittel des Darlehensbestandes gestundet. Es wurden Kapitalraten von rund 30 Millionen Euro nicht bezahlt und aufgeschoben. 

Die Bank kommt damit zurecht?

Für die Bank stellt dies im ersten Moment nicht unbedingt ein Problem dar, die Verzinsung läuft weiter. Alles ist verschoben, nicht nachgelassen. Die Banken sind auch durch die Europäische Zentralbank EZB mit Liquidität versorgt worden. Das Problem entsteht zeitverzögert, sobald die Risiken sich zeigen werden.

In Südtirol haben die Banken sich darauf geeinigt, Kredite falls nötig, für ein Jahr auf Eis zu legen. Muss man diesen Vertrag in Anbetracht der Entwicklungen verlängern?

Diese Maßnahme wird notwendig sein,und wir wären auch gesprächsbereit. Allerdings können dies die Südtiroler Banken nicht im Alleingang entscheiden, sondern es hängt vielmehr von Vorgaben der europäischen Bankenaufsicht EBA ab. Zunächst wurden bürokratische Hürden abgebaut, die heilsame Wirkung war schnell sichtbar. Aber bereits seit 30. September werden die alten, strengen Regeln wieder angewandt. Erst vor ein paar Tagen hat die EBA diese Tür noch einmal geöffnet, aber nicht weit genug, wenn Sie mich fragen.

Was passiert, wenn jemand trotzdem nicht mehr zahlen kann? Wie gehen Sie als Bank mit einer solchen Situation um?

Wir sind eine genossenschaftliche Bank, die nahe am Kunden ist. Unser Auftrag ist es nicht Dividenden auszuzahlen, sondern das Tätigkeitsgebiet zu stützen. Wir bauen nicht auf Druck der Aufsichtsbehörde sich in Schwierigkeiten befindliche Kredite ab, indem wir sie an eine Bad Bank verkaufen oder versteigern. Wir versuchen dem Grundsatz treu zu bleiben: sanieren vor liquidieren, dem Kunden länger die Stange zu halten und ihm mehr Zeit einzuräumen. Wenn es Aussicht auf Erfolg gibt, sind wir sehr kulant. Das kann sich nur eine starke und gut kapitalisierte Bank leisten, die nicht unter dem Druck von Aktionären steht. Wir waren mit dieser Strategie schon oft erfolgreich und konnten Unterhemen wieder flott machen oder zumindest die Vernichtung von Vermögenswerten durch extremen Preisverlust bei Versteigerungen bewahren. Manchmal fängt man sich dabei auch eine Watsche ein.

Ganz besonders im Pustertal hängen Skigebiete und Gastbetriebe eng zusammen, oft sind Hoteliers Aktionäre: Welche finanziellen Folgen hat ein Winter ohne Tourismus?

Das ist tatsächliche eine Frage, die sehr bewegt. Die Wintersaison ohne Gäste ist schwierig. Ganz besonders im Pustertal konzentriert sich unheimlich viel in der Weihnachtszeit. Der Handel macht in den wenigen Wochen vor Weihnachten 30 Prozent des Umsatzes, Hotels und Skigebiete machen in der Zeit rund um Weihnachten und Neujahr 30 Prozent. Das alles geht jetzt verloren. Danach wird man wieder etwas Luft holen können. Aber: In Österreich bekommen die Betriebe zwischen 60 und 80 Prozent des Umsatzausfalls und Teile der Betriebskosten ersetzt, das gibt es in dieser Form nicht bei uns. Es wird dramatisch werden, aber insgesamt denke ich, dass auch diese Krise vorübergehen wird. Es gibt Entwicklungen, die uns in die Karten spielen. Viele Trends kehren sich um. Der Mensch sucht wieder das Echte, das Authentische. Man fliegt weniger mit dem Flugzeug nach Thailand, sondern macht eher Urlaub in der Natur im Pustertal. Das kann unsere Stärke sein.

Fachleute erklären, dass Betriebe in Zukunft verstärkt Rücklagen bilden sollen, um für derlei Krisen besser gerüstet zu sein. Aber ist das überhaupt möglich?

Eine gute Eigenkapitalquote und Reserven haben wir Banken immer schon gefordert. In der Realität war es aber tatsächlich nicht so: Man ist sehr ans Limit gegangen, hat sehr optimiert, hat wenig Reserven aufgebaut. Eine volle Schatztruhe hatte kaum ein Unternehmen. Natürlich war der Wettbewerbsdruck enorm, aber auch durch die Steuergesetzgebung wurden Investitionen gefördert. Bildung von Reserven wurde nicht gefördert. Ganz im Gegenteil. Die Krise treibt die EU-Staaten weiter auseinander.

Glauben Sie, dass der Euro diesem Druck standhält?

Ich würde sogar sagen, dass es Fortschritte gibt. Europa ist zusammengerückt, auch wenn manche Länder opponieren. Es wurden Schritte gesetzt, die vorher nicht denkbar waren. Es ist so etwas wie eine Fiskalunion entstanden, es wurden europäische Konjunkturhilfen aufgelegt, es kommen die Recovery-Fonds, also eine Vereuropäisierung der Schulden. Das stärkt die Rolle Europas. 

Staaten und Länder verschulden sich, um Beiträge oder Finanzhilfen auszahlen zu können und die Sanität zu stützen. Aber können diese Schulden je wieder zurückgezahlt werden?

Diese Frage habe ich befürchtet. Alles, was an Volkswirtschaft gelehrt wurde, ist jetzt ausgehebelt. Wer zahlt diese Schulden? Man hört oft, dass den nachfolgenden Generationen ein Scherbenhaufen bleibt. Aber gibt es Alternativen? Dabei stellt sich die Frage: Muss ein Staat die Schulen zahlen oder zahlt er nur Zinsen, und die Schulden vererben sich von Generation zu Generation? Es gibt ja auch kaum einen Betrieb ohne gesunde Bankverschuldung. Wichtig ist jetzt, das Geld sinnvoll auszugeben. Es darf nicht verschleudert werden oder versickern. Man muss sich mit Strukturreformen rüsten für den Wettbewerb der Zukunft. 

Interview: Silke Hinterwalder

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