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Machtdynamiken offenlegen

Videostill aus „At the point of subversion (constituting the new normal)

Zum Tag der zeitgenössischen Kunst am 5. Dezember zeigt Kunst Meran  die Arbeit „At the point of subversion (constituting the new normal)“, von Barbara Gamper und der Schwarzen, feministischen Aktivistin Fouzia Wamaitha Kinyanjui. Ein Gespräch mit den Künstlerinnen.

Tageszeitung: Frau Gamper, zum Tag der zeitgenössischen Kunst haben Sie zusammen mit der feministischen Aktivistin Fouzia Wamaitha Kinyanjui ein Video mit dem Titel „At the point of subversion (constituting the new normal)“ erstellt. Worum geht es in dem Werk?

Barbara Gamper : Das Video zeigt das erste Ergebnis, oder besser die erste Episode unseres Projektes, welches an der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus sitzt und sich in das nächste Jahr hineinziehen wird. Wir sehen das Video als eine Synthese des bisherigen Prozesses, welcher großteils verbal stattgefunden hat. Im Video hören wir die Stimme und Fragen von Fouzia Wamaitha Kinyanjui und sehen mich mit meinen Antworten in Form von Körpersprache auf dem Hintergrund von bunt gemusterten Textilien.

Das Video will Dynamiken von Macht und versteckte Hierarchien aufdecken. Von welcher Macht sprechen Sie?

Fouzia Wamaitha Kinyanjui:  Ich befrage in erster Linie weiße Macht.

Als Beispiel nehmen Sie die Frage: Wer befindet sich in der Position Fragen zu stellen und wer antwortet? Ist ein Fragensteller in einer Machtposition?

Fouzia: Nicht zwangsläufig. Aber Marginalisierung bedeutet, dass Menschen nicht gehört werden bzw. gehört aber nicht ernst genommen. Auch ihre Fragen nicht. Hingegen, wenn Menschen mit Macht Fragen stellen, dann können sie auch Antworten erzwingen.

Im zweiten Teil des Titels ist von einer „neuen Normalität“ die Rede. Was meinen Sie damit?

Barbara Gamper: Eine neue Normalität zu schaffen, in der Gleichberechtigung herrscht, in der genau soviele Frauen und genderqueere Menschen in der Politik sind wie Männer. In der people of colour, Schwarze Menschen und genderqueere Menschen in unserer Gesellschaft Führungspositionen einnehmen können und somit Kindern neue Visionen für deren Identitätsbildung und Zukunft schaffen. Eine neue Normalität, in welcher nicht die Ausbeutung von Menschen, Ressourcen und der Gewinn von Kapital Wert hat, sondern Gleichberechtigung, Partnerschaft und Nachhaltigkeit. Eine neue Normalität, welche die Vielfältigkeit von Geschichte und Identität als normal beschreibt und nicht die westliche Auffassung von Geschichte und Binarismen wie gut böse, männlich weiblich, dominant und untergeordnet, als Wahrhaftigkeit erörtert.  Die Pandemie hat schon eine neue Normalität mit sich gebracht: wir bewegen uns anders im Raum. Wir müssen mehr Raum geben. Wir dürfen uns nicht zu nahekommen. Das kann für viele Menschen von großem Vorteil sein.

Skizze „At the point of subversion (constituting the new normal)“ von Barbara Gamper und Fouzia Wamaitha Kinyanjui: An der Schnittstelle von Kunst und Aktivismus.

Sich zu widersetzen, bedeutet über die eigenen Privilegien nachzudenken. Erklären Sie uns das.

Barbara Gamper: Wenn ich anfange, über meine Privilegien nachzudenken, stoße ich auf Fragen zu meiner Identität, darauf, wie sie unbewusst und bewusst konstruiert ist. Dies ist der Anfang des Sich-Bewusstwerdens und hat ein wunderbares Potenzial zur Folge, mich von den Fängen der gesellschaftlich auferlegten Identität zu befreien, sich neu zu definieren und die Vielfältigkeit meiner Identität zu verkörpern. Wie das Zitat von Bell Hooks im Video besagt, wenn wir wissen, wie alleine zu sein, gut in der eigenen Haut zu sitzen, kann wahres Verständnis und Austausch mit anderen wachsen.  Und diesbezüglich haben wir weiße Menschen eine Menge Arbeit zu tun, unsere Privilegien zu verstehen und aktiv an der Integration von anderen in unsere Gesellschaft mitzuarbeiten. Also geht es nicht nur um Widerstand, sondern auch darum, neue Methoden zu schaffen, aktiv zu werden im Schaffen der neuen Normalität.

Das Video besteht zum einen Teil aus verbaler Kommunikation in unterschiedlichen, auch afrikanischen Sprachen. Wer spricht und was wird gesprochen?

Fouzia: Im Video spreche nur ich. Unter anderem in Kikuyu und Swahili. Dass nicht alle verstehen werden, was ich da sage, ist gewollt. Das gehört zum Thema Ausgrenzung und Macht.

Zum anderen kommen Textilien zum Einsatz. Wie und warum textile Materialien?

Barbara Gamper: Die Arbeit mit Textilien hat sich seit einigen Jahren in meine künstlerische Praxis integriert. Zum einen interessieren mich ihre taktilen und haptischen Eigenschaften, zum anderen ihre geschichtliche Bedeutung. Das Konstruieren von Textilien ist ein jahrtausendaltes Handwerk und eine Technologie. Textilien erzählen Geschichten, schaffen Identitäten und eine zweite Haut. In unserem Video werden sie erstmals als Hintergrund benutzt, eine indirekte Anlehnung an Muster, eben auch Verhaltensmuster. In den weiteren Episoden des Projektes werden die Textilien in verschiedenen Arten wiederauftauchen und eingesetzt. Wie, das verraten wir noch nicht.

Queere Mutterschaft begreifen Sie als Methode, um die heteronormative Familie kritisch zu hinterfragen. Wie schaut Mutterschaft in einer queerfeministischen Perspektive aus?

Barbara Gamper:  Mutterschaft aus einer queerfeministischen Perspektive sucht eben genau nach den hierarchischen und patriarchalen Eigenschaften, welche Mutterschaft definieren. Wenn frau Mutter wird, wird sie plötzlich zu einem öffentlichen Objekt, welches scheinbar öffentlich kritisierbar ist. Ihre Identität wird auf einem Male hauptsächlich auf das Mutter sein reduziert. Dabei trägt das Muttersein zu meiner bisherigen Identität bei, löst diese jedoch nicht ab. Es wird vielschichtiger, komplexer. Deshalb führt auch hier der Prozess des Widerstands und der Hinterfragung der Strukturen, welche meine Identität prägen, zur Kraft der Selbstdefinition und Umsetzung der Gleichberechtigung (auch in der Fürsorge von Kindern!). Ich beziehe mich auf queeren und intersektionellen Feminismus, weil dieser Licht auf die Problematik der Heteronormativität wirft, dass heterosexuell und weiß sein als einzige Norm beschrieben wird und automatisch reproduziert wird, wenn keine Hinterfragung stattfindet. Dabei geht es nicht darum, das Gebilde der heteronormativen Familie zu verwerfen, sondern Platz für andere Auffassungen und Familienstrukturen zu schaffen und somit Kinder, welche in anderen Geflechten heranwachsen, zu bestärken. Nur so können wir Verständnis, Mitgefühl und eine weniger gespaltene Gesellschaft schaffen.

Sie Frau Fouzia Wamaitha Kinyanjui engagieren sich vor allen in der Bereichen Antidiskriminierung und Rassismuskritik. Wie gehören deren Fragen zu Ihren und wie genau läuft Ihre Zusammenarbeit?

Fouzia: Für mich war es hier wichtig, Machtdynamiken offen zu legen. Auch in der Zusammenarbeit haben wir diese Ebene laufend reflektiert und Konzepte wie Power-Sharing  aktiv reflektiert. Für mich war es im Projekt auch wichtig, dass ich meine Grenzen selbst bestimmen kann. Dazu gehört meine Entscheidung, meine Stimme zu Gehör zu bringen, aber mich den Blicken zu entziehen. Schwarze Körper werden in der rassistischen Gesellschaft durchgehend zu Objekten gemacht und zur Schau preisgegeben.

Interview: Heinrich Schwazer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (3)

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  • issy

    Da sich die beiden Künstlerinnen offensichtlich viele Gedanken gemacht haben, würde mich schon mal interessieren wo die Grenzen verlaufen.

    Stichwort „Racial Profiling“.

    Es ist unbestritten, dass dabei Ungerechtigkeiten passieren, aber wie immer ist es auch eine Frage der zur Verfügung stehenden Ressourcen.

    Denn wenn die Polizei genug Ressourcen hätte, dann könnten alle Bürger gleichmäßig kontrolliert werden und müsste sich nicht auf verdächtig Aussehende fokusieren.
    Dann würde die alte Oma gleich oft kontrolliert, wie der tätowierte Kerl mit dem Stiernacken.

    Da die Ressourcen aber begrenzt sind, wäre es doch Arbeitsverweigerung, wenn sich Polizisten nicht auf jenen Personenkreis konzentrieren würde, welcher aufgrund der Erfahrung am ehesten kriminell ist.

    Falls genau das dann für Euch Rassismus sein sollte, dann erklärt mir bitte wieso es dann nicht Sexismus ist, wenn Polizisten haupsächlich Männer kontrollieren.

  • barb__

    Danke Izzy fuer dein Kommentar. Und tut mir leid, dass ich erst jetzt anworte. Ein gutes Neues Jahr erstmal.
    Racial profiling hat mit Rassimus zu tun und nicht mit fehlenden Ressourcen.
    Die Idee dass POC und schwarze Menschen oft automatisch als ‚illegal‘ und ‚kriminell‘ gesehen werden, ist ein Stereotyp, welcher von rassistischen Strukturen und Mechanismen aufrechterhalten bleibt und reproduziert wird, wenn nicht hinterfragt und unterbrochen. Unsere Arbeit mit diesem Projekt ist genau diese, weisse Macht in Frage zu stellen und zu untersuchen wie sie in Kraft tritt und Bedingungen fuer Menschen schafft, welche nicht dem weissen heteronormativen Ideal enstprechen und somit in Kategorien wie ‚abnormal‘, ‚illegal‘ oder ‚kriminell‘ geschoben werden Und da faellt Homophobie, Transphobie und Sexismus natuerlich auch rein. Wie Du sagts, handelt die Polizei sexistisch, in dem kategorisch mehr Maenner als Frauen angehalten und kontrolliert werden. Sexismus faellt wie Rassimus unter eine patriarchale heteronormative Hierarchie. Wir haben in unserem Video nichts darueber gesagt, dass es nicht Sexismus ist, wenn Maenner mehr als Frauen kontrolliert werden. Demnach stellt sich fuer mich die Frage, weshalb Du ueberhaupt auf diese Frage kommst. Hoert sich fuer mich leider nach ‚derailing‘ an, Du lenkst vom eigentlichen Thema, welches in unserer Arbeit aufgegriffen wird, ab. Falls Du das Buch ‚Exit Racism‘ von Tupoka Ogette noch nicht kennen solltest, empfehle ich es Dir zu lesen, ein sehr aufschlussreiches und hilfreiches Buch zur Erkennung von Rassimus und anderen Diskriminierungen. LG, Barbara

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