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„14 Tage Verspätung“

Die RKI-Grenze wird in Südtirol erst zu Weihnachten unterschritten werden, sagt Biostatistiker Markus Falk. Dennoch kritisiert er die Maßnahmen der nationalen Regierung.

Tageszeitung: Herr Falk, zu Beginn dieser Woche sagten Sie, dass man am Donnerstag erkennen wird, wann die RKI-Grenze unterschritten wird. Wie sieht es nun aus?

Markus Falk: Leider ist die Zahl der Corona-Neuinfektionen von heute (gestern, Anm. d. Red.) um fast 100 Fälle zu hoch. Insgesamt kann ich aber das bestätigen, was ich zu Beginn der Woche gesagt habe. Das heißt, man sieht, dass der Massentest etwas genützt hat und das hohe Niveau deutlich abgesenkt werden konnte, sodass nun Südtirol von den täglichen Fallzahlen her wieder mit den Nachbarregionen ist. Das Absenken führt auch zu einer Entlastung der Krankenhäuser. Was ich mir nicht erklären kann, sind jedoch die hohen Fälle von Donnerstag und Mittwoch. Ich kann nicht ausschließen, dass diese mit den Fällen in den Altersheimen zusammenhängen könnten.

Wie viele Fälle gibt es denn in den Altersheimen?
Leider kann ich dies in Ermangelung von Daten nicht ganz genau sagen, ich vermute aber, dass es zwischen zehn und 20 Prozent sind. Das wäre schon ein großer Brocken.

Wann wird die RKI-Grenze unterschritten?

Wir sind zwar nicht perfekt unterwegs, stehen nach den Massentests nun aber deutlich besser da als ohne. Rechnet man den Trend weiter, dann könnte es in zwei bis drei Wochen soweit sein. Dies wäre aber nach wie vor kein schlechtes Ergebnis, sodass wir zur Weihnachtszeit die RKI-Grenze unterschreiten könnten.

Die Niveausenkung ist eingetreten. Wichtiger ist Ihrer Aussage zu Folge, dass die Dynamik gebrochen wird. Ist das gelungen?

Das Rt ist gesunken. Wir hatten vor dem Massentest ein Rt von 0,9 und sind jetzt bei 0,76. Wir haben also nicht nur das Niveau gesenkt, sondern auch gebremst. Es hätte aber auch ein Rt von 0,5 möglich sein können, davon sind wir aber noch weit weg. Die Schätzung ist aber auch beeinflusst von den beiden Werten der letzten Tage. Wenn es sich nur um Ausreißer-Tage handelt und wir nur mehr 200 Fälle pro Tag sehen, könnten wir sogar bereits in der Woche um den 14. Dezember herum unter die RKI-Grenze rutschen. Mit dem derzeitigen Wert werden wir aber 14 Tage Verspätung haben. Ich glaube aber, das ist ohnehin nicht so wichtig. Wichtiger ist es, dass ich bestätigen kann, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Wer ist für diese Verschiebung verantwortlich? Haben die Südtiroler zu wenig aufgepasst?

Das glaube ich nicht. Man ist immer schnell mit Vorwürfen, aber man kann derzeit noch nicht sagen, welche Rolle die Altersheime spielen. Ein Indikator dafür, dass die Südtiroler nicht zu wenig aufgepasst haben ist, dass es nach wie vor keine Cluster in einzelnen Gemeinden gibt. Mir wäre zumindest nichts aufgefallen. Die Anzahl der Gemeinden mit einem positiven Fall pro Tag reduzierte sich nach den Massentests merklich. Nur die Altersheime zeigen derzeit Auffälligkeiten. Insgesamt gesehen kann ich mir vorstellen, dass man das Contact Tracing noch ausbaut und verbessert, denn je schneller man Kontakte identifizieren und Infizierte herausfinden kann, desto schneller dämmt man das Geschehen ein.

Die Antigentests werden in der Statistik nicht mit aufgenommen, obwohl auch dort viele Positive dazukommen. Warum werden diese Ergebnisse nicht miteinbezogen?

Da positive Antigentests hernach noch PCR getestet werden, tauchen diese Fälle zeitverzögert in der Statistik auf. Während bei den Antigentests zwischen fünf und acht Prozent letzthin positiv waren, sind es bei den PCR-Tests über 50 Prozent. Die Antigentests messen also das Infektionsgeschehen und die PCR-Tests bestätigen das dann. Das zeigt, dass jene, die die Antigentests machen, gute Arbeit leisten.

Wann wird man sehen können, dass die Infektionszahlen in Südtirol deutlich sinken?

Das exponentielle Wachstum hat die unangenehme Eigenschaft, dass es sich lange hinauszieht. Eine Senkung haben wir bereits erreicht. Wenn man nun so weitermacht wie bisher, wird es sich aber noch lange hinausziehen. Ich glaube aber, dass wir nicht so lange warten müssen. Jede Gemeinde kann hier vorbauen, indem man die Leute animiert sich bei Verdacht oder Symptomen beim Hausarzt zu melden. Dieser kann dann den Verdachtsfall und die Kontakte testen. Wird dies auf Gemeindeebene konsequent gemacht, dann erzielt man einen ähnlichen Effekt wie beim Massentest – nur im Kleinen.

Die nationalen Regierungen in Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich setzen zu den Weihnachtsfeiertagen auf strenge Maßnahmen. Handeln die Regierungen aus Vorsicht oder ist die Lage so schlimm?

Das ist meiner Ansicht nach ein Armutszeugnis und nicht akzeptabel. In Deutschland stagnieren derzeit die Fallzahlen auf hohem Niveau und der Semi-Lockdown vermag keinen Rückgang einzuleiten. Deutschland kann sich dies zwar noch leisten, da das Niveau immer noch niedriger ist als in Italien. Darauf wird man sich aber nicht lange verlassen können. In Österreich und in Italien sinken die Zahlen dagegen, sind aber ebenfalls nach wie vor hoch. In logischer Konsequenz verbietet man nun große Weihnachts- und Neujahrsfeiern und schränkt die Reisefreiheit ein. Ich frage mich aber, weshalb es überhaupt zu solchen Zahlen kommen musste. Südtirol hat vorgemacht, wie die Zahlen schnell und effektiv gesenkt werden können. Hätten die Regierungen einen konsequenten Plan verfolgt, dann wären Feiern zu Weihnachten möglich gewesen. Natürlich wären es immer Feiern unter Auflagen, aber dass die Leute nun eingesperrt werden, liegt nur daran, dass die Regierungen zuvor gepatzt haben. Leider wird nun ganz Mitteleuropa über einen Kamm geschert und die Bemühungen, die einzelne Länder und auch Südtirol für den Weihnachtstourismus gemacht haben, werden noch nicht belohnt. Belohnt wird man aber durch eine hoffentlich rasche Entlastung der Krankenhäuser.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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