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Die Zahlen-Wahrheit

Thomas Widmann

Laut LR Thomas Widmann sind die täglich vom Sanitätsbetrieb veröffentlichten Zahlen zu den Corona-Infektionen „wenig aussagekräftig“. Die Fakten und Hintergründe.

Von Matthias Kofler

Thomas Widmann schiebt dem Staat den Schwarzen Peter zu: Dieser mache den Regionen bei der Übermittlung der Corona-Infektionsdaten Vorgaben, die im Grunde genommen wenig Sinn hätten. „Wenn Rom Statistiken zur Infektionslage innerhalb der einzelnen Regionen veröffentlicht, dann enthalten diese nur die vordergründigen Informationen und sagen daher sehr wenig aus“, betont der Gesundheitslandesrat. Laut Widmann helfen die täglich vom Sanitätsbetrieb herausgegebenen Daten zwar, einen Trend hinsichtlich der Ausbreitung des Virus abzulesen, man sollte bei der Interpretation derselben aber vorsichtig sein.

Die Fakten:

Laut Pressemitteilung des Sanitätsbetriebs wurden am Dienstag 2.734 Abstriche untersucht und 341 Neuinfektionen festgestellt. National waren es am selben Tag 189.000 Abstriche und 23.232 neue Fälle. Allerdings muss man wissen, dass jede Region ihre Daten dem staatlichen Zivilschutz auf unterschiedliche Weise übermittelt. Einige Regionen – nämlich Piemont, Veneto, Sizilien, Emilia-Romagna und (Stand Oktober) auch die Autonome Provinz Bozen – geben in ihrer Statistik die Anzahl der Mund-und-Nasen-Abstriche an, die am entsprechenden Tag durchgeführt wurden. Andere Regionen – etwa Latium, Lombardei  und Kalabrien – übermitteln hingegen die Anzahl der am entsprechenden Tag effektiv untersuchten PCR-Abstriche. Es ist folglich nicht so, dass am Dienstag italienweit in den Labors 189.000 Abstriche auf das Coronavirus untersucht wurden. Es könnten theoretisch auch  mehr oder weniger gewesen sein.

Auch die Positivitätsrate – sprich der Anteil der neuen Corona-Fälle unter den ausgewerteten Abstrichen – lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht ablesen. Dafür fehlen zwei wichtige Informationen: nämlich die Anzahl der sogenannten Kontrolltests an jenen Personen, die zuvor bereits positiv getestet worden waren sowie die Anzahl der Personen, die an diesem Tag nicht zum ersten Mal getestet wurden, sondern schon mehrmals auf eine Infektion untersucht werden (das Personal in den Krankenhäusern und in den Pflegeheimen wird zum Beispiel regelmäßig getestet). In den täglichen Pressemitteilungen des Sanitätsbetriebs werden neben den PCR-Abstrichen und den Neupositiven lediglich die erstmals getesteten Personen angegeben: Am Dienstag waren dies 611.

Wenn Medien oder Politiker aus den vorhandenen Daten schlussfolgern, dass am Dienstag bei 56 Prozent der Abstriche Neuinfektionen festgestellt wurden (341 von 611), ist das falsch: Denn neue Fälle können nicht nur bei den 611 erstmals Getesteten aufgetreten sein, sondern auch bei den in der Vergangenheit bereits (negativ) Getesteten – dessen Anzahl aber unbekannt ist. Genauso falsch wäre es zu behaupten, 23 Prozent der Tests waren neu positiv (341 von 2.734), denn unter den untersuchten Abstrichen befinden sich auch die Kontrolltests an den bekannten positiven Fällen. Wie viele das genau sind, wissen wir nicht. Die korrekte Positivitätsrate für Südtirol lag am Dienstag folglich irgendwo zwischen 23 und 56 Prozent.

Der RAI-Journalist Bruno Vespa hat in seiner Sendung „Porta a Porta“ aufgezeigt, dass staatsweit ungefähr 15 Prozent der als „Neuinfektionen“ eingestuften Fälle in Wirklichkeit keine neuen Fälle, sondern positive Zwei- oder Dritttests sind, weil es bei der Dateneingabe zu Ungenauigkeiten kommen kann. Sandra Zampa (PD), Unterstaatssekretärin im Gesundheitsministerium, erklärte in der Sendung, dass solche Fehler von nun an ausgeschlossen werden können: Denn pro Patient werde nur mehr ein PCR-Abstrich durchgeführt, und zwar entweder am Anfang oder am Ende der häuslichen Isolation.

Der Sanitätsbetrieb teilt auf Nachfrage der TAGESZEITUNG mit, dass in Südtirol eine Person, die bereits positiv getestet wurde (PCR), beim zweiten oder dritten Test nicht erneut als „neu positiv“ geführt wird. „Die täglich von uns kommunizierte Zahl von neu Positiven sind also Personen, die erstens neu und zweitens positiv getestet wurden“, so der Sanitätsbetrieb.

Der beste Vergleichswert zwischen den Regionen ist laut Landesrat Widmann der Hospitalisierungsgrad: Dieser sei in Südtirol in etwa gleich wie im Trentino oder in Tirol. Südtirol weise deshalb so viele Neuinfektionen auf, weil der Sanitätsbetrieb Personen, die per Antigentest positiv getestet wurden, innerhalb von vier Tagen per PCR-Abstrich noch einmal testet. Das Trentino testet diese Personen hingegen erst am Ende der häuslichen Isolation. „Es ist logisch, dass du mehr positive Fälle hast, wenn du gleich testet als erst nach zehn Tagen“, sagt Widmann.

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