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„Almosen & leere Floskeln“

Herbert Pixner (Foto: Barbara Wirl)

Der Passeirer Multiinstrumentalist, Komponist und Produzent Herbert Pixner gehört mit seinem Herbert Pixner Projekt und der Italo Connection zu den erfolgreichsten Protagonisten der neuen Volksmusikszene. Mit seinen Gratwanderungen zwischen Tradition und Moderne und seinem unverwechselbaren Musikstil begeistert er Publikum und Presse. Wie geht es dem Ausnahmemusiker im Lockdown? 
TAGESZEITUNG Online: Herr Pixner, wo stecken Sie gerade? 
Herbert Pixner: In Gnadenwald. Hier lebe und arbeite ich mittlerweile seit knapp einem Jahr. 
Wo wären Sie jetzt, wenn es keine Coronakrise und keinen Lockdown gegeben hätte? 
Wir wären im Endspurt unserer Jubiläumstour mit dem Herbert Pixner Projekt. Irgendwo zwischen Wien, Hamburg und München. 
Der zweite Lockdown ist da und er trifft die meisten Musiker viel härter als der erste. Wie hart trifft er Sie? 
Wir mussten bereits im Frühjahr die komplette Tour 2020 mit dem Herbert Pixner Projekt absagen. Das war hart. Aber ich habe mich relativ schnell mit der Tatsache abgefunden, dass die Musikbranche als allerletzte wieder hochgefahren wird, somit spüre ich von diesem 2. Lockdown relativ wenig. Ich rechne bereits mit einem 3. Lockdown im Februar/März nächsten Jahres. Deshalb wurde auch die Tour mit der Italo Connection im Februar 2021 vorzeitig abgesagt. 
Im Moment ist nichts planbar. Wie viele Konzerte mussten Sie absagen und wissen Sie, wann Ihr nächstes stattfinden kann oder darf ? 
Neben der kompletten Tour mit dem Herbert Pixner Projekt und der Italo Connection mussten auch Aufträge wie zum Beispiel das Mitwirken bei der Eröffnung der Wiener Festwochen, Konzerte zusammen mit dem Trompeter Thomas Gansch oder Auftritte beim JazzFest Wien und viele andere Side-Projects abgesagt  werden. Insgesamt über 70 Konzerte. Das erste Konzert vor Publikum wird es voraussichtlich erst wieder im August 2021 geben. Und sogar diese Prognose ist zur Zeit noch unsicher. 
Der Herbert Pixner ist schön und reich und erfolgreich und kann sorgenfrei von seinen Reserven leben, heißt es hierzulande. Stimmt das? 
(lacht) Wenn dem so wäre, wäre das fein. Wie heißt es so schön: Die höchste Anerkennung ist der Neid. 
Manche Musiker machen erst recht weiter und spielen Online- Konzerte, veranstalten Streaming aus dem Wohnzimmer, laden Videos hoch. Schön und gut, aber was bringt das wirklich? 
Ob das was bringt oder nicht, muss jeder für sich entscheiden. Wir haben beispielsweise für den 26. November ein Online-Konzert via Facebook und Youtube angekündigt. Die Resonanz ist überwältigend. Das wird unser erster öffentlicher Auftritt seit dem 26.11.2019 in der Berliner Philharmonie sein. Also auf den Tag genau vor einem Jahr. Wir haben seither kein einziges Konzert gespielt. Diesmal halt ohne direkten Kontakt zum Publikum. Eine Herausforderung, der wir auch kritisch gegenüber stehen, denn im Grund genommen ist ein Konzert mit Publikum durch nichts zu ersetzten.
Sie sind mit fünf Geschwistern auf einem Bergbauernhof im Passeiertal aufgewachsen. Hat Sie das härter im Nehmen oder gelassener gemacht? 
Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Es hat mir bestimmt nicht geschadet und hart im Nehmen war ich schon immer. An der Gelassenheit muss ich noch arbeiten. (lacht) 
Stimmt es, dass Ihr Papa zwei Kühe verkauft hat, um Ihnen Ihre erste Ziachorgel zu kaufen? 
Ja, das stimmt. Das war 1991. Diesem Instrument bin ich bis heute treu geblieben. 
Das Ansteckungsrisiko in Konzerthäusern und Theatern ist erwiesenermaßen gering. Dennoch werden, nicht nur in Österreich, Kulturveranstaltungen von der Politik in einen Topf mit Casinos, Spielhallen und Bordellen geworfen, weil sie offenbar nur Trallala ist. Kränkt Sie dieser Tritt in den Hintern für die Kultur? 
Nein, das kränkt mich schon lange nicht mehr. Es war ja schon vor Corona so, dass die freie Musikbranche, zu der auch wir zählen, als lustiger Zeitvertreib abgetan wurde. Ich bin es auch mittlerweile leid, erklären zu müssen, dass das, was wir machen harte Arbeit ist, dass ich eine Firma mit 5 fixen Mitarbeitern habe und somit für 5 Familien die Verantwortung als Unternehmer trage. Da sind die Musiker, Techniker und freien Mitarbeiter, die es ebenso hart trifft, noch gar nicht mit eingerechnet. So wie unsere Branche zur Zeit übergangen wird, ist regelrecht ein Tritt ins Gesicht. 
Kultur ist nicht systemrelevant, heißt es von politischer Seite. Stimmt ja auch, sie ist systemkritisch. Denken Sie, jetzt wäre es Zeit, politisch zu werden? 
Ich wiederhole mich, und ich bleibe dabei: Für eine Politik, die ein System aufrechterhält, das sich nur für Großkonzerne, großzügige Parteispender, Lobbyisten und Steuertrickser einsetzt und alle anderen nur mit Almosen, leeren Floskeln und Versprechungen abspeist – für so ein System möchte ich nicht relevant sein. Aus und Amen. 
Wie bringen Sie die Tage im Lockdown herum? 
Ich arbeite zur Zeit vorwiegend im Studio. Das neueste Album „Symphonic Alps“ mit den Berliner Symphonikern entstand zwischen ersten und zweiten Lockdown. Nun arbeite ich am neuen Studioalbum, das nächstes Jahr erscheinen wird und an einer CD mit DVD vom letzten Konzert auf dem Jaufenpass 2019. Es ist mir also keinesfalls langweilig und man muss flexibel sein. 
Macht Ihnen die Pandemie Angst? Wie vorsichtig sind Sie mit Kontakten? 
Ich verbringe die meiste Zeit daheim. Vermeide so gut es geht fremde Kontakte und halte mich, auch aus Respekt gegenüber meinen Mitmenschen, an die Regeln. Mir ist sehr wohl bewusst, dass in Zeiten einer Pandemie bestimmte Maßnahmen erforderlich sind und da nimmt man auch gerne Abstriche in Kauf. Aber die Regeln müssen für alle gleich sein. Das ist leider nicht der Fall. Deshalb macht mir die einhergehende Spaltung der Gesellschaft mehr Angst als die Pandemie an sich. 
Was vermisst eine „Rampensau“ wie Sie am meisten in dieser Zeit des Schweigens? 
Ich kann mich einer Situation relativ schnell anpassen und versuche positiv zu bleiben. Corona war eine Vollbremsung von 100 auf 0. Jetzt heißt es das Beste aus der Situation zu machen. 
Sie betreiben ein eigenes Tonstudio und haben naturgemäß viel Kontakt zu anderen Musikern. Wie groß ist die VerzweiUlung in der Szene, denkt der eine oder andere ans AuUhören? 
Es gibt in der Szene nicht viele, die hauptberuUlich von Musik leben. Der Großteil macht das semiprofessionell , also hat nebenher einen Brotberuf, wie Musiklehrer zum Beispiel. Für die, die es beruUlich machen wird es eng, da es absolut keine Sicherheit mehr gibt. Weder bei der Planung noch bei der Wirtschaftlichkeit was Investitionen betrifft. Das betrifft die Kosten einer Albumproduktion, das Vorstrecken der Mieten für die Konzertlocations und vieles mehr. Da ist es absolut verständlich, dass viele kurz vor dem Verzweifeln sind. 
Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich für einige Monate als Barmusiker in Colorado verdient. Jetzt treten das Herbert Pixner Projekt und die Italo Connection in großen Konzerthäusern wie der Elbphilharmonie in Hamburg, Festspielhaus Salzburg, Wiener Konzerthaus und anderen auf. 
Ja. Das war ein langer, harter Weg – verbunden mit vielen Entbehrungen. Es ist uns allesamt bewusst, dass dieser Erfolg keine Selbstverständlichkeit ist. Denn im Vergleich zu vielen anderen in diesem Bereich sind wir organisatorisch seit jeher auf uns alleine gestellt. Das heißt: Wir haben weder einen Tourveranstalter noch eine Promotionfirma im Hintergrund geschweige denn eine Plattenfirma mit fettem Budget. Wir haben uns jahrelang die Finger wund gespielt und schlussendlich wurde der Ehrgeiz, die Beharrlichkeit und unser Risiko honoriert. 
Volksmusik, Jazz, Klassik, zeitgenössische Musik, Bauern-Tschäss, ein Mix aus Anleihen aus der ganzen Welt – welches Etikett passt und welches passt auf keinen Fall? 
Wir machen Musik. Punkt. 
Wäre ein Auftritt im Musikantenstadel für den Herbert Pixner gleichbedeutend mit dem Teufel die Seele verkaufen? 
Den Stadel gibt es ja schon länger nicht mehr. Dafür viele andere Geschmacklosigkeiten im Hauptabendprogramm, bei denen wir gottlob nicht dabei sein müssen. 
Angeblich können Sie keine Noten lesen. Stimmt das? 
Nein, das stimmt nicht. Ich kann Noten lesen. Tu mir aber ohne Notenblatt wesentlich leichter Musik zu machen, als mit. 
Verraten Sie uns das ultimative Geheimnis: Wer wählt Ihre Garderobe aus? 
Nein, das verrate ich nicht. 
Interview: Heinrich Schwazer
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