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„Jodeln tut überhaupt nicht weh“

Markus Prieth: Meistens lacht man nach dem Jodeln, manchmal ist es zum Weinen schön, und eigentlich ist es nicht so wichtig.

Der Musiker und Jodler Markus Prieth, bekannt von der Formation „Opas Diandl“, hat ein ganz besonderes Projekt angestiftet. 11 Referent*innen/Musiker*innen jodeln-dudeln-johlen online 660 Minuten lang.

Tageszeitung: Herr Prieth, ich kann nur den Sterzinger Andachtsjodler und auch den nur so halbwegs. Darf ich mich damit schon zu den Jodlern zählen?

Markus Prieth: Was heißt hier nur! Die meisten kennen ihn! Und wenn Sie ihn zusammen mit anderen jodeln, dann genügt es, wenn sie sich sich umschauen, dann zählen sie offensichtlich zu Jodlern.

Wie viele Übungsstunden muss ich bei Ihnen nehmen, um mehr als den Andachtsjodler zu beherrschen?

Das könnte auch unleistbar werden! Scherz beiseite. Wenn sie einmal gespürt haben, was Jodeln sein kann und sie müssen es schon richtig erleben, mitten drin, dann wollen sie kein Übestunden mehr haben, sondern wollen einfach Jodeln.

Lange Zeit stand das Jodeln reflexhaft unter dem Generalverdacht der Volks- und Heimattümelei. Woher rührt Ihr unverkrampftes Verhältnis zum Kulturgut des Jodelns?

Vielleicht ist das „Mit Musik Freizeit verbringen“ das eigentliche Kulturgut und Jodeln ein Begriff, der sich nicht, wie man meinen möchte, selbst erklärt. Ich muss mich wiederholen, einfach einmal den Schritt tun in einer Runde gemeinsam zu jodeln, dann kann man etwaige Generalverdächtigungen von sich abprallen lassen wie Wasser auf unseren geölten Stimmorganen. Geht um so leichter, je mehr man ins Klingen kommt!

Jodler riskieren stets, Beifall von der falschen Seite zu bekommen. Passiert Ihnen das auch?

Ich darf annehmen, dass die „falsche Seite“ Seite, die politisch Rechten oder patriotischen bis hin zu rechstradikalisierten Vereinigungen sind, um die Differenzierung knapp zu halten? Nein, ganz selten bis sehr selten, für die meisten bin ich zu traditionell oder für das andere Lager darin zu progressiv. Ich lasse mich nicht fangen, auch nicht von anderen Seiten. Musik ist eine Musik.

Jodeln erlebt einen weltweiten Boom ohnegleichen. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich würde sagen, der HipHop in all seinen Gattungen erlebt seit 20 Jahre eine Steilfahrt.  Jodeln im kleinen Kreis sicher auch. Es hat Kraft, macht Freude, es ist kurz und tut überhaupt nicht weh, meistens lacht man hinterher, manchmal ist es zum Weinen schön, und eigentlich ist es nicht so wichtig. Wichtig ist, zusammen eine gute Zeit verbracht zu haben.

Welche Länder außerhalb der Alpen haben eine besonders interessante Jodeltradition?

Keine. In Georgien heißt der Gesang, der dasselbe Stimmspiel verwendet Krimantschuli und bei den Aka Pygmäen Yelli, um nur zwei zu nennen.

Das von Ihnen initiierte Projekt „Beste Zwischenzeit“  bringt online 12 Referent*innen/Musiker*innen aus 4 Ländern zusammen, die 660 Minuten lang jodeln-dudeln-johlen. Ein Ausbruch aus der Corona-Tristesse?

Nein keinesfalls. Wir wollen in Beziehung treten und verhalten uns wie das Wasser. Corona ist ein Damm aber ohne Schleuse. Wir finden nur Wege und sind froh!

Sänger*innen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol bieten ihre Künste und Kurse an. Pflegen die einzelnen Länder unterschiedliche Jodeltechniken und wie kann man diese unterscheiden?

Ich bin Italiener, Danke. Von dem Jodeln zu sprechen, ist grundsätzlich falsch. Man kann zwei grobe Unterscheidungen treffen zwischen dem Jodel in der Schweiz und dem Jodeln in Bayern Österreich Italien. Hauptmerkmal ist dabei die meist chorische Besetzung in der Schweiz und die solistische Besetzung in den anderen Ländern. Die Tonfolgen und die Silben unterscheiden sich gleich wie das Stimmansatz und die Verwurzelung im Alltag. Doch selbst in der Schweiz  gibt es frappierende Unterschiede, gleich wie zwischen dem Bregenzer Wald und Wien Jodelgalaxien liegen.

Sie selbst jodeln mit Irma-Maria Troy mit Küchengeräten, Stampfen und Pfeifen. Wie kann ich da vor dem Bildschirm mitmachen? 

Nachdem wir keine Möglichkeit haben mit den Menschen an den Bildschirmen direkt zu interagieren, ist jeder und jede selber frei mitzumachen, wie er*sie mag. Wir werden wiederholen, machen eher kurze Einheiten, weil man sie ja nachhören kann. Den Rest kann man noch nicht verraten.

Finanziert wird „Beste Zwischenzeit“ durch Spenden. Eine Art Crowdfunding?

Nein. Crowfounding passiert in der Regel vor dem Start des Projekts und das Geld wird dann abgebucht, wenn die Gesamtsumme erreicht worden ist. Wir starten und lassen es allen frei uns eine freiwillige Spende zu erteilen. Insgesamt werden wir auf ca. 100 Stunden Arbeit kommen.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Beste Zwischenzeit

Das Projekt „Beste Zwischenzeit“ angestiftet von Markus Prieth, mit 11 Referent*innen/Musiker*innen, die 660 Minuten jodeln-dudeln-johlen,  beginnt heute Mittwoch, 25. November mit 33 Streams an 23 Tagen bis 22. 12. um jeweils 18.00 bzw. 18.30 Uhr. Einfach auf www.markusprieth.com den aktuellen Livestream anklicken oder eine Woche lang nachhören. Dort findet man alle weiteren Infos, die genauen Termine und die weiteren Teilnehmer. Als da wären: Agnes Palmisano, Hartwig Hermann, Exilsteirer in Wien, Marion Knoth, CVT-Coach gibt Einblick in die Complete Vocal Technique, Martina Mühlbauer, Musikwissenschaftlerin und Sängerin, bietet vorweihnachtliche Jodelschmankerl, „Jodl DI“ fordert Monika Baumgartner aus Oberbayern auf, Matthias Härtel, der „Jodelhiasi“ verspricht Jodler zum Mitnehmen, Ursula Scribano spricht über Jodeln als archaische Klangsprache,  Heidi Clementi und Brigitte Knapp bieten „Werkstattgesänge“.

Finanziert wird „Beste Zwischenzeit“durch Spenden auf ein eigens eingerichtetes Konto. Den Link dorthin gibt’s ebenfalls auf Markus Prieths Webseite.

 

 

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