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„Viele Grödner sind immunisiert“

Im Grödental sind die Corona-Zahlen derzeit auffallend niedrig. Der Hausarzt Simon Kostner, im Frühjahr selbst infiziert, erklärt das mit der Nähe zu einer Herdenimmunität. Und rechnet mit einem weitgehenden Ausfall der Winter-Saison.

Tageszeitung: Herr Kostner, im Frühjahr war das Grödental Südtirols erster Corona-Hotspot. Derzeit gibt es wenige Infektionen. Wie erklären Sie sich das?

Simon Kostner: Ja, die Zahlen sind auffallend niedrig, bisher gab es im Herbst um die 15 Infektionen im Grödental, in Wolkenstein gerade zwei. Das Virus ist sehr wenig im Umlauf. Ich kann mir das vor allem damit erklären, dass viele Bürger immunisiert sind, weil sie das Virus im Frühjahr hatten. Und entgegen anderslautenden Behauptungen gibt es offenbar keine zweite Infektion. Jedenfalls ist uns eine solche bisher nicht untergekommen.

Also auch bei Ihnen selbst nicht. Sie waren im März mit Covid-19 länger im Spital. Haben Sie Folgeschäden von der Infektion davongetragen?

Nein, keine Folgeschäden, mir geht es gut, ich bin geheilt.

In der kühleren Jahreszeit treten bei vielen Patienten grippeähnliche Symptome auf. Wie gehen Sie als Arzt da vor? Es könnte sich ja auch um Corona-Symptome handeln.

Ja, es gibt wie üblich mehr grippeähnliche Erkrankungen und es ist auf den ersten Blick unmöglich zu unterscheiden, ob es sich um eine Grippe oder um eine Corona-Infektion handelt. Deshalb machen wir in diesen Fällen einen Schnelltest. Aber auffallend häufig fällt der Test negativ aus. Im Herbst war bisher ein Test von zehn positiv, was wiederum mit einer Nähe zur Herdenimmunität zu erklären ist.

Von welchem Prozentsatz gehen Sie aus?

Die Studie des Sanitätsbetriebs im Sommer ergab bei 2.200 getesteten Personen eine Durchseuchungsrate von 27 Prozent. Zuvor wurde eine ebenfalls nicht repräsentative Schnelltestserie, die privat organisiert worden war, durchgeführt. Dort ergab sich eine Durchseuchungsrate von knapp 50 Prozent. Ich schätze, auch wenn das schwierig zu sagen ist, dass sie derzeit im Grödental etwa in der Mitte, bei 40 Prozent, liegt. Dazu kommen Personen, die eine Immunität auf andere Corona-Viren entwickelt haben, also eine Kreuzimmunität vorliegt. Wie hoch ihr Anteil ist, ist schwierig festzustellen, dazu gibt es kaum Zahlen. Auf jedem Fall kann man im Grödental aufgrund der Erfahrungen im Frühjahr und im Herbst sagen, dass die Immunisierung höher ist als im restlichen Südtirol.

Wie verhält sich die Bevölkerung derzeit?

Sehr vorbildlich, die Masken werden getragen, die Grödner waren immer sehr diszipliniert. Sie haben sich auch gemerkt, was im März hier passiert ist, es gibt kaum Corona-Leugner oder Proteste gegen die von der Politik verordneten Maßnahmen. Die Leute sind sehr vorsichtig. Im Frühjahr wusste man ja so gut wie nichts über das Virus, das sich ungehindert ausgebreitet und sehr viele Menschen infiziert hat. Das ist im Gedächtnis haften geblieben. So brutal die Sache damals bei uns war, so ruhig ist sie diesmal. Nach den Erfahrungen der Hausärzte sind diesmal insbesondere Schüler bzw. deren Familien infiziert, die in Bozen und Brixen zur Schule gehen und das Virus ins Tal gebracht haben. Aber es breitet sich sehr langsam aus.

Was passiert im Winter, wenn möglicherweise wieder Touristen ins Tal kommen?

Es ist schwer vorauszusagen, aber ich kann mir vorstellen, dass es keine Wintersaison oder eine sehr eingeschränkte geben wird. Da habe ich wenig Hoffnung, dass es anders sein wird. Das hängt natürlich von den Entscheidungen in Rom ab. Wenn Touristen ins Tal kommen, dann besteht weniger die Gefahr, dass sie die einheimische Bevölkerung anstecken, als sich untereinander. Speziell in den geschlossenen Lift-Kabinen, in den Almhütten können sich Virus-Herde bilden. Das sind die idealen Brutstätten. Geringer ist diese Gefahr auf Sesselliften, also im Freien. Für Gröden hätte eine Nicht-Saison natürlich schwerwiegende wirtschaftliche Konsequenzen, da man hier stark vom Wintertourismus lebt. Was ich derzeit von den Touristikern höre, sind die Buchungen von inländischen Gästen ziemlich holprig oder mit Vorbehalt. Seitens ausländischer Touristen gibt es kaum Buchungen. Die Hoteliers warten ab und drehen die Daumen.

Interview: Thomas Vikoler

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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