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Künstlergewerkschaft

Lisa Trockner und Alexander Zoeggeler: Es ist unsere Aufgabe stärker im Sinne einer Künstlergewerkschaft tätig zu werden.

Die Pandemie hat die prekäre Situation der Künstler*innen dramatisch ans Licht gebracht. Der Künstlerbund hat die Situation analysiert und einen Katalog von Maßnahmen erarbeitet. Ein Gespräch mit der Direktorin Lisa Trockner und dem Präsidenten Alexander Zoeggeler.

Tageszeitung: Frau Trockner, die Pandemie hat viele Künstler*innen in eine existenzielle Krise gebracht. Liegen die Gründe für das Dauerprekariat der Künstler*innen wirklich in der Coronakrise oder muss man weiter zurückgehen?

Lisa Trockner: Die Pandemie hat die prekäre Situation der Künstler*innen dramatisch ans Licht gebracht, aber die Ursachen dafür liegen viel weiter zurück. Wir haben uns während des Lockdowns mit unseren Mitgliedern daran gemacht, die Fehler und Versäumnisse der Vergangenheit zu analysieren, die zu dieser Situation geführt haben. Das Ergebnis war eine Liste von sofort-, mittel- und langfristigen Maßnahmen, die wir an die Landesregierung und den Landtag weitergeleitet haben.

Die Sofortmaßnahme waren die berühmten 600 Euro, die den Künstler*innen gewährt wurden?

Alexander Zoeggeler: Wir hatten mehrere Maßnahmen vorgeschlagen, unter anderem Mietzuschüsse für Atelierräume, Verlustbeiträge und Arbeitsstipendien. Die 600 Euro und später die 2.000 Euro waren die Maßnahmen, die von der Landesregierung durchgeführt wurden.

Das war ziemlich mager.

Lisa Trockner: Mehr war in diesem Moment nicht zu erreichen, deshalb haben wir uns auf die mittel- und langfristigen Maßnahmen konzentriert, die an den Landtag gingen. Die Grünen haben einige Vorschläge aufgegriffen, unter anderem die Reaktivierung des Gesetzes Kunst am Bau.

Das Staatsgesetz aus dem Jahr 1949, das 2015 vom Südtiroler Landtag abgeändert wurde. Die verpflichtenden 2 Prozent sind seither nur mehr freiwillig in Kunst zu investieren.

Alexander Zoeggeler: Stimmt. Die 2 Prozent sollten aber wieder verpflichtend werden, denn es ist sowohl für den Architekt wie für den Künstler von Vorteil, wenn sie von Anfang an zusammenarbeiten. Aber auch für die Gesellschaft. Denken wir an Schulen: Es ist ein Bildungsauftrag, Schüler*innen in einem künstlerisch gestalteten Gebäude zu unterrichten.

Warum ist das Gesetz 2015 umformuliert worden?

Alexander Zoeggeler: Das hat zweifellos mit Einsparungen zu tun. Bei einem Bauwerk von sagen wir 100 Millionen müssten 2 Millionen in Kunst investiert werden. Es kam vor, dass die Regel umgangen wurde. In den vergangenen 10 Jahren wurde bei insgesamt 64 öffentlichen Aufträgen nur 15-mal das Gesetz angewandt. Das ist nicht der Sinn des Gesetzes. Hingegen im privaten Bereich ist die Zusammenarbeit von Architekt*innen und Künstler*innen erfreulicherweise zunehmend. Warum sollte das nicht auch im öffentlichen Sektor funktionieren?

Im Forderungskatalog steht auch die Erhebung der ökonomischen Situation der Kreativwirtschaft und deren Wertschöpfung für das Land. Dazu hat die Eurac bereits einmal eine Studie vorgelegt.

Lisa Trockner: Richtig, eine qualitative und quantitative Datenstudie, die die Grundlage für weitere tiefergehende Maßnahmen bildet. Das Problem ist, dass sie einmalig ist. Es ist aber entscheidend, dass das kontinuierlich aktualisiert wird, damit die politischen Verantwortlichen Zahlen zur Hand haben, was die Kreativwirtschaft an Bruttowertschöpfung jährlich für das Land bringt und damit eine faktische Argumentation greift.

Was bringen die Kreativen an Wertschöpfung in Zahlen ausgedrückt?

Lisa Trockner: Um das zu sagen, müsste man zuerst genau definieren was Kreativwirtschaft in Südtirol umfasst, da sich die Teilbereiche der Branche stetig ändern und von Land zu Land unterschiedliche Relevanzen haben.
Mit den 90iger Jahren etablierte sich die Kultur- und Kreativwirtschaft zu einem der dynamischsten Wirtschaftszweige weltweit. In Deutschland z. B. übertrifft die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Wertschöpfung inzwischen andere große Branchen wie die chemische Industrie, die Energieversorger und sogar die Finanzdienstleister. Nur der Fahrzeugbau erzielt eine noch höhere Bruttowertschöpfung.

Ein weiterer Punkt im Forderungskatalog ist die Anerkennung des Berufsbildes Künstler*in.

Alexander Zoeggeler: Das ist unserer Meinung nach fundamental, Künstler*in sein ist kein Hobby. Dementsprechend sollten die Wertschätzung und die Arbeitsbedingungen mit sozialen Sicherheiten, Steueranpassungen, Urheberschutz und einer Lobby gegeben sein, sodass der Kunstschaffende aus eigener Kraft unter würdigen Bedingungen arbeiten kann.

Den Beruf Künstler gibt es in Italien seltsamerweise nicht.

Alexander Zoeggeler: Das ist nicht nur seltsam, das ist wahnsinnig. Das Land mit den weltweit meisten Kunstschätzen kennt den Beruf Künstler nicht an. Bildhauer sind als Handwerker eingetragen, andere als Graphiker usw.

Die Definition ist in der Tat nicht einfach. Deutschland, Österreich und die Schweiz definieren übereinstimmend als Künstler*in, „wer Musik, darstellende oder bildende Kunst und Literatur ausübt oder lehrt.“

Lisa Trockner: Wie schwierig die Eigendefinition ist, haben wir in den Diskussionen mit der Arbeitsgruppe selbst erkennen müssen. Ist beispielsweise eine Übersetzerin von literarischen Texten Künstlerin? Die Begriffsdefinition und Erstellung der Kriterien ist die Voraussetzung, um selbst zu erkennen wer sind wir, was leisten wir, wo wollen wir hin?

In Deutschland ist es so, dass mindestens die Hälfte des Einkommens über die Kunst erwirtschaftet werden muss, um sich als Künstler bezeichnen zu dürfen. Wie viele Künstler dürften sich nach diesem Kriterium hierzulande als Künstler bezeichnen?

Lisa Trockner: Wir haben das Kriterium nicht auf 50 Prozent des Einkommens festgelegt, sondern, dass ein Teil davon konstant über die künstlerische Tätigkeit erwirtschaftet werden muss. Wer in das Berufsverzeichnis eingetragen werden will, muss drei von vier Kriterien erfüllen, nachweisen, dass er konstant künstlerisch aktiv ist – etwa durch Presseberichte, Publikationen -, dass eine Ausbildung absolviert wurde und/oder dass Ausstellungen oder Projekte in anerkannten Kunstinstitutionen vorgewiesen werden.

Wie groß ist die Chance, dass das Berufsbild Künstler*in anerkannt wird?

Alexander Zoeggeler: Andere Berufe, beispielsweise Wanderführer, haben die landesweite Anerkennung erreicht. Höchstes Ziel wäre eine italienweite Anerkennung. Südtirol könnte hierfür Vorreiter sein.

Mit einem Berufsverzeichnis würden sie überhaupt existieren.

Lisa Trockner: Das wäre immens wichtig, denn damit gäbe es den Beruf Künstler*in. Auf dieser Basis wäre der Mehrwert Kunst in der Gesellschaft sichtbarer. Mit der Initiative „economy goes culture“ in Brixen ist es uns gelungen, mehrere Kunstwettbewerbe mit privaten Unternehmen auszuschreiben. Die Unternehmer begreifen durch solche Kooperationen, dass es für sie von Vorteil ist, mit Künstler*innen zu arbeiten. Umgekehrt sind die Künstler*innen nicht in der Situation, um Geld zu betteln.

Brixen ist ein Beispiel dafür, dass es geht, wenn man nur will.

Lisa Trockner: Brixen hat sehr gut reagiert und ein Ankaufsbudget von 100.000 Euro zur Verfügung gestellt. Dieses Beispiel könnte jede Gemeinde aufgreifen. Wenn jede Gemeinde auch nur eine kleine Sammlung aufbauen würde, wären wir im Paradies.

Dieser Forderungskatalog liegt jetzt beim Landtag.

Lisa Trockner: Ja, der erste Teil des Katalogs umfasst Anerkennung des Berufs Künstler, Bruttowertschätzung, Kunst am Bau und Kunstankäufe. Jetzt arbeiten wir an einer Rechtsberatung für Künstler*innen, denn viele sind schlicht nicht informiert über Fragen zu Urheberschaft, Vertragsrecht, Steuerrecht oder Honorare. Wie der Wert von Kunstwerken berechnet wird, wissen viele nicht.

Alexander Zoeggeler: Wir sind überzeugt, dass die Politik sich auf dieser Basis mit ihren Entscheidungen leichter tun wird und die Wertschätzung der Künstler*innen würde steigen, ohne dass sie als Dienstleister angesehen werden. Kunst bleibt eine schöpferische Tätigkeit und nicht Dienstleistung.

Zwei Punkte aus dem Forderungskatalog, Kunst am Bau und die Bruttowertschätzung, haben die Grünen eingereicht. Was geschieht mit der Forderung nach der Anerkennung des Künstlerberufes?

Lisa Trockner: Wir hoffen, dass das aufgegriffen und ernst genommen wird. Während des Lockdowns gab es beispielsweise eine Förderung von bis zu 5.000 Euro für Einzelunternehmer. Das waren Handwerker, Pensionsbetreiber und andere, aber Kreativberufe waren nicht erwähnt. Viele Künstler*innen sind durch den Rost gefallen, weil sie kein regelmäßiges Einkommen nachweisen können. Es ist klar, dass diese Kriterien angepasst werden müssen, denn Künstler*innen sind ja auch Einzelunternehmer. Voraussetzung dafür wäre eben ein Berufsverzeichnis. Wir als Künstlerbund brauchen dafür Inputs der Künstler*innen selbst, um dieses zu bündeln und als Sprachrohr weiterzugeben.

Der Künstlerbund hat sich während des Lockdowns über das Prekariat Gedanken gemacht. Begreift er sich damit mehr als Gewerkschaft der Künstler*innen, wie es ja bereits mehrfach gefordert wurde?

Lisa Trockner: Es geht in diese Richtung. Es gibt sonst keine Anlaufstelle, die diese Aufgabe übernimmt. Aber wir haben auch andere Maßnahmen ins Leben gerufen. Beispielsweise werden 11 Künstler*innen eine Edition produzieren, deren Erlös dann in weitere Produktionen reinvestiert werden sollen. Eine Art perpetuum mobile, das sich autofinanziert oder ein anders Beispiel sind die Kinderkunstkruse. Das sind Maßnahmen, um die Künstler*innen nicht mit Almosen zu unterstützen, sondern sie aus eigener Kraft heraus zu befähigen, von ihrer Kunst zu leben.

Alexander Zoeggeler: Ich denke es ist unsere Aufgabe stärker im Sinne einer Gewerkschaft tätig zu werden. Der einzelne Künstler ist zu schwach, um etwas zu erreichen. Wir haben 430 eingetragene Mitglieder und kennen deren Bedürfnisse ganz unmittelbar. Als die 600 Euro Hilfsgelder genehmigt wurden, haben wir fürchterliche Geschichten gehört. Mit den Renten, die manche Künstler*innen bekommen, kann man ja höchstens zweimal einen Aperitif trinken. Von einem Auskommen von 40 Euro im Monat war die Rede. Es war erschütternd. Wir waren mit Tränen in den Augen konfrontiert. Die Idee der Zusatzrente ist gut. Allerdings wenn ein Künstler jährlich 500 Euro einzahlt und das Land den Betrag verdoppelt, bekommt er in 30 Jahren immer noch nur eine minimale Rente. Den älteren Künstlern bringt das nichts mehr.

Die Hungersnot hört nicht auf, sobald der Lockdown aufgehoben wird.

Alexander Zoeggeler: Das wäre eine große Illusion. Es braucht mehrere Jahre, bis sich die Situation und der Markt wieder halbwegs einpendeln. Die Probleme der Künstler*innen sind ja nicht mit Corona entstanden, die reichen weit zurück. Die Pandemie hat die Versäumnisse und Fehler von Jahrzehnten, wenn nicht Jahrhunderten an den Tag gebracht.

LR Philipp Achammer hat die Aufnahme der Künstler in den regionalen Zusatzrentenfonds versprochen.

Alexander Zoeggeler: Die soll im Jänner anlaufen. Aber das ist wie der Name sagt eine Zusatzrente, in die ein/e Künstler*in selber einzahlen muss. Das ist lobenswert, aber viele Künstler*innen haben gar keine Rente, weil sie nie eingezahlt haben. Vielleicht waren sie eine Zeitlang als Freiberufler eingetragen, aber eben nur so lang, wie sie steuerliche Erleichterungen dafür bekommen haben. Ihre Umsätze sind einfach zu gering, um in dieser Steuerklasse existieren zu können.

Die hiesigen Künstler*innen haben alle neidisch nach Deutschland geschaut, wo die Künstlersozialkasse innerhalb von Wochen die Hilfsgelder ausgezahlt hat.

Alexander Zoeggeler: Deutschland konnte schnell reagieren, weil es die Künstlersozialkasse gibt und weil die Berechtigten damit bereits erfasst waren. Hier wurden die Gelder in drei Monaten ausgezahlt und das war auch nur möglich, weil wir sie vorgestreckt haben. Niemand hat Schuld, dass es so lange gedauert hat, es waren einfach die Voraussetzungen nicht gegeben. Das Beispiel Deutschland zeigt, dass ein Land nur auf diese Weise für eine neue Krise gerüstet ist.

Lisa Trockner: Ich hoffe, die Künstler*innen halten den Druck aufrecht.

Künstler*innen haben keine Lobby und keine/n Sprecher*in. Als Journalist weiß man nie, wen man anrufen soll.

Lisa Trockner: Es gibt die Allianz der Kultur, diese ist noch jung und muss sich erst finden. Es stimmt, es braucht eine/n Sprecher*in und es bedarf der Solidarität zwischen den Institutionen.

Alexander Zoeggeler: Wir haben viele und wir haben viele gute Künstler*innen aus allen Bereichen der Kunst. Wenn es uns gelingt, den Katalog umzusetzen, können wird zum Vorreiter werden. Corona hat an den Tag gebracht, was es jetzt dringend braucht.

Interview: Heinrich Schwazer

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