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„Wir tragen soziale Verantwortung“

Jetzt müssen auch Bars und Restaurants um 18.00 Uhr oder sogar ganz schließen. Thomas Walch, HGV-Obmann im Pustertal, über Beiträge und Treffpunkte, Geld und Einsamkeit sowie über Aufgaben, Auftrag und Herausforderungen für Gastwirte.

Tageszeitung: Herr Walch, nun ist auch in Südtirol Sperrstunde um 18.00 Uhr Bars sollen sogar ganz schließen. Weil man so auf Beiträge aus Rom hofft?

Thomas Walch: Der HGV wird gern oberflächlich so hingestellt, als ob es uns nur ums Geld gehen würde. Das ist schade, auch weil man damit einer Branche Unrecht tun, die am stärksten unter den Folgen der Pandemie leidet. Wahr ist: Wir versuchen jeden Tag eine Gratwanderung zwischen dem, was wir uns leisten können, was vertretbar und gut ist und was überhaupt noch möglich ist.

Hoffen die Gastbetriebe auf eine Geldspritze aus Rom?

Wir stehen unter Druck. Auch was die Sperrstunde betrifft, entscheidet nicht der HGV, sondern die Politik. Eine Einschätzung der Lage ist freilich schwierig: Dafür müsste man erheben, wie viele Betriebe sind betroffen? Wie arbeiten die Betriebe derzeit? Für wen ist welche Lösung am besten? Wer bekommt einen Beitrag? Und wie viel? Derzeit spricht man von 50 Millionen Euro, die den Südtiroler Betrieben zustehen würden. Genaueres weiß man aber nicht.

Wie geht es den Gastbetrieben derzeit?

Seit Südtirol für Deutschland zum Risikogebiet erklärt wurde, sind wir wirtschaftlich tot. Dabei geht es um unsere Familien, nicht um irgendwelche Zahlen. Diese Familien leben vom Tourismus, sie sind am Verzweifeln. Wenn es so weitergeht, werden einige Betriebe in Südtirol diese Krise nicht überstehen. Deshalb finde ich es mehr als unpassend, wenn dauernd Hoteliers und Gastwirte kritisiert werden. Ich bin überzeugt davon, dass wir die wichtigste Berufsgruppe in Südtirol sind. Aber oft habe ich den Eindruck, dass diese Arbeit nicht genügend wertgeschätzt wird.

Würde es Sinn machen, die Restaurants und Bars offenzuhalten?

Damit ist auch eine gewisse soziale Komponente verbunden: Sperrt man alles zu, dann belastet man weite Schichten der Bevölkerung, zum einen weil Arbeitsplätze fehlen, zum anderen weil den Menschen der Kontakt fehlt. Die Einsamkeit ist eine schlimme Sache. Dabei ist es aber sicherlich schwierig zu entscheiden, was jetzt wichtiger ist und welchen Preis man zahlen muss, wenn man offenlässt oder eben zusperrt. Die Antwort auf diese Fragen kennt im Moment niemand.

Welche Entscheidung würden Sie treffen, insofern es in Ihrer Hand liegen würde?

Wir sind erst seit wenigen Tagen unmittelbar mit diesen Fragen konfrontiert. Aber wenn sich die Leute an die Regeln halten, das habe ich immer gesagt, dann würde nichts dagegensprechen, die Betriebe offen zu halten. Es geht dabei nicht immer nur ums Geld, sondern auch um den Arbeitsplatz und die Möglichkeit der Begegnung. Insofern würde ich auf die 50 Millionen Euro aus Rom verzichten und darauf setzen, dass die Südtiroler in den kommenden Wochen nicht ganz eingesperrt sind. Aber das ist nur meine persönliche Ansicht. Dabei darf man auch nicht vergessen: Rom erhöht den Druck auf Südtirol und den Sonderweg.

Gehen die Leute noch aus oder bleiben die Restaurants und Bars ohnehin leer?

Das ist alles schwierig zu sagen und ist sicherlich von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Wir brauchen Daten. Grundsätzlich kann man wohl sagen, dass weniger Leute unterwegs sind, aber oft ist es wichtig, nach der Arbeit noch irgendwo einkehren zu können. Im Herbst kommt erschwerend hinzu, dass viele Menschen eine schwere Zeit durchmachen und sozialer Kontakt noch wichtiger ist. Die Leute in dieser Zeit einzusperren, ist problematisch. Da geht es nicht nur ums Geld, sondern auch um soziale Verantwortung.

Kritisieren Sie die Entscheidung nun doch früher zuzusperren?

Ganz bestimmt nicht. Wichtig ist nun, dass wir uns an die Regeln halten und alles tun, um das Virus einzudämmen. Viele aus meiner Branche fragen sich nun, was sie im November oder im Dezember planen sollen. Wichtig ist, dass wir Ende November wieder starten können. Dabei sollte man betonen: Die Gäste haben wohl nichts mit dem plötzlichen Anstieg der Zahlen zu tun. Der Tourismus im Sommer ist nicht schuld an der Situation, die wir jetzt im Herbst haben. Wir müssen akzeptieren, dass die Südtiroler selbst das zu verantworten haben.

Derzeit sind Hotels und Restaurants im Pustertal und im Gadertal ohnehin weitgehend zu. Nicht?

Das stimmt schon. Viele machen jetzt Urlaub. Aber viele Betriebe stecken auch in der Bredouille, weil sie Ganzjahresbetriebe sind und jetzt arbeiten möchten.

Wie geht es jetzt weiter?

Die Situation ist sehr delikat. Wir möchten ein wenig Optimismus vermitteln und nicht alles schlechtreden sowie alles daransetzen, dass wir im Winter wieder starten können. Die Skigebiete und die Gastbetriebe müssen jetzt ihre Konzepte sicherlich nachschärfen, aber daran arbeitet man.

Interview: Silke Hinterwaldner

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (3)

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  • andreas

    Weder sind Restaurants/Hotels die Branche mit den stärksten Einbußen, das ist wohl eher die Veranstaltungsbranche, noch hätte ich jemals von einer „sozialen Verantwortung“ gegenüber den Kunden etwas gemerkt, denn wenn es sich in der Zwischensaison nicht rechnet, können „10 depressive Einheimische“ an der Tür klopfen und die Lokale in Schenna, Dorf Tirol, Badia oder Gröden öffnen trotzdem nicht.
    Völlig zu Recht, doch jetzt mit der sozialen Verantwortung den Kunden gegenüber zu argumentieren, ist nicht wirklich angebracht.

    Nebenbei sind sehr wohl auch Lokale für die hohe Zahl an Positiven verantwortlichen, da sie größere Feiern akzeptiert und anscheinend die Sicherheitsvorkehrungen zu niedrig waren.

    Ich habe gar nichts gegen die Branche, solche Interviews tragen aber gewiss nicht zur Akzeptanz bei.
    Auch z.B. die Abschlussfeier in Sexten, welche u.a. den Hotels im Osten die Saison verkürzt hat, war mehr als fahrlässig.
    Der Osten des Landes hat ca. 1 Monat im Winter verloren, Januar/Februar liefen sehr gut, im Sommer hätten sie nicht viel früher aufgetan und der lief gut und im November haben sowieso die meisten geschlossen.
    Die im Osten haben also nicht wirklich Grund, den Teufel an die Wand zu malen.

  • george

    Herr Walch: „Ich bin überzeugt davon, dass wir die wichtigste Berufsgruppe in Südtirol sind.“
    Das ist pure Überheblichkeit und Präpotenz, mit der wir in unserer Gesellschaft und in dieser Situation schon gar recht wenig anfangen. Jede Berufsgruppe hat ihren Platz in der Gesellschaft und hat das ihre dazu beizutragen, dass wir uns darin wohlfühlen und gut leben können.

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