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Verdrehte Berge 

Eine eherne Nachbildung der Drei Zinnen schmückt den Kreisverkehr in Toblach. Aber stehen die berühmten Berge falsch herum? Über künstlerische Freiheit und die abgewandte Seite der Schönheit. 
von Silke Hinterwaldner 
Jeder, der im oberen Pustertal wohnt, hat eine ganz besondere Beziehung zu den Drei Zinnen. Die einen müssen immer wieder hinaufsteigen. Die anderen schauen sie lieber auf den Bildern an. Und wieder andere sind dieser Felsen längst überdrüssig.
Ihnen dürfte gemeinsam sein, dass sie irgendwann in den vergangenen Wochen den Kreisverkehr bei Toblach passiert und die ehernen Drei Zinnen, die dort stehen, gesehen haben. Das mehr oder weniger einhellige Urteil: sehr schönes Kunstwerk, vor allem in der Nacht, wenn es beleuchtet ist. Aber immer wieder tauchen Zweifel auf: Sind die Berge, immerhin so etwas wie Identitätsstifter für einen gesamten Bezirk, richtig aufgestellt?
Ein Bergsteiger, der sich viele Gedanken darüber gemacht hat, kommt zum Schluss: „Alles verdreht. Die westliche Zinne steht im Osten. Und überhaupt gibt es die Ansicht von Alttoblach kommend nicht. Von dieser – hinteren – Seite betrachtet steht die kleine Zinne rechts, obwohl sie auf die linke Seite gehört.“  Das alles mag all jenen, die sich nur am Rande mit der Schönheit der Drei Zinnen beschäftigt haben, kleinlich, kompliziert und unwichtig erscheinen.
Für die Bergliebhaber aber geht es um Grundsätzliches.
Der Künstler Paul Feichter hat gemeinsam mit Albert Willeit wochenlang an dieser Skulptur gearbeitet, die beiden haben nicht nur die Entwürfe gemacht, sondern die Metallstäbe auch eigenhändig gebogen. Dass das Kunstwerk so gut ankommt, hat Albert Willeit erstaunt und gefreut. Aber freilich wurden die beiden Künstler immer wieder darauf angesprochen, ob die Drei Zinnen denn auch korrekt angeordnet sind.
„Die Frage ist berechtigt“, sagt Albert Willeit. Bereits in der Entstehungsphase habe man sich eingehend mit dem Thema befasst, wie die Berge und die Dörfer zueinander in Beziehung gebracht werden sollen. „Kunst“, erklärt Willeit, „ist eine Interpretation der Wirklichkeit, nicht unbedingt eine reine Kopie.“ Er erklärt denn auch, warum die Drei Zinnen so stehen, wie sie stehen: Die Skulptur wurde mitten auf den Kreisverkehr zwischen den beiden Dörfern Neutoblach und Alttoblach gestellt. Dabei bleibt die Hauptansicht jene von Neutoblach Richtung Alttoblach blickend.
Die allseits bekannte Seite der Drei Zinnen soll gewissermaßen mit dem historischen Ortskern verschmelzen. Dass man von der anderen Seite eine Hinterseite der Drei Zinnen sieht, die es in Wahrheit in dieser Form gar nicht gibt, muss man jetzt wohl hinnehmen. Denn in Wirklichkeit ist die hintere Ansicht der berühmten Berge wenig spektakulär. Diese Seite wollte man wohl nicht zeigen – noch weniger wollte man sie dort platzieren, wo sie tatsächlich ist: nämlich mit Blick auf Alttoblach.
So ist die eherne Nachbildung der Drei Zinnen in Toblach – immerhin stolz Gemeinde der Drei Zinnen genannt – ein Kunstwerk, das sich die Freiheit nimmt, auch schief angeschaut zu werden.
Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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