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„Es ist paradox“

Jonas Christanell

Der Naturnser Bestattungsunternehmer Jonas Christanell über die Bedeutung von Allerheiligen im Jahr der Pandemie, seine Tätigkeit als Trauerredner und welche Bedeutung das Fest für ihn persönlich hat.

Tageszeitung: Herr Christanell, Allerheiligen steht heuer im Zeichen von Corona. Wie erleben Sie dies in Ihren täglichen Begegnungen?

Jonas Christanell: Es ist eine paradoxe Situation. Das Allerheiligenfest nimmt in diesem Jahr eine noch größere Bedeutung ein, weil viele Angehörige von ihren Toten nicht Abschied nehmen konnten. Es gab keinen Trauerprozess am Grab, der eine wichtige Funktion hat. Auch gab es keine körperliche Nähe bei den Trauerfeiern, wie etwa einen Händedruck oder eine Umarmung, die mehr als jede Floskel sagen. Andererseits stellen Familienzusammenkünfte und Umgänge auf den Friedhöfen eine Ansteckungsgefahr dar, weswegen davon abgeraten wird. Aus trauerpsychologischer Sicht rate ich den Menschen dazu, dennoch das Allerheiligenfest für sich selbst oder mit den zusammenlebenden Familienmitgliedern bewusst zu begehen.

Was bedeutet Allerheiligen für Sie persönlich?

Für mich ist Allerheiligen die Bewusstwerdung, dass der Tod nicht das Ende ist. Ich verknüpfe damit die Botschaft der Auferstehung. Dazu sollte man wissen, dass Allerheiligen eigentlich eines der wichtigsten Feste in der christlichen Religion ist. Bis ins 10. Jahrhundert fiel es mit Ostern zusammen, man feierte gleichzeitig den Tod und die Auferstehung. In der Ostkirche wird das heute noch so praktiziert.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Der Glaube ist Teil meines Lebens. Das hilft mir auch in meinem Beruf, wo ich täglich feststelle, dass er gerade im Augenblick des Abschiednehmens eine große Bedeutung hat. Auch religiöse Riten sind den Menschen wichtig. Ich erlebe praktisch nie, dass jemand z.B. bei der Trauerfeier den Rosenkranz ablehnt.

Andererseits gibt es in den Städten mittlerweile neutrale Verabschiedungsräume?

Das stimmt, aber in der Peripherie ist das eher noch die Ausnahme. Wichtig ist am Ende, dass jeder mit seiner Trauer individuell umgehen kann. Es gibt auch konfessionslose Beerdigungen, die sind auf den meisten Friedhöfen, die ja zu 90 Prozent in Gemeindebesitz sind, durchaus möglich. 

In solchen Fällen treten Sie als Trauerredner auf. Was ist da Ihre Aufgabe?

Trauerredner sind bei uns noch eher unbekannt. Bei konfessionslosen Beerdigungen leiten sie die Trauerfeier und spenden durch Worte Trost und Zuversicht. Im Unterschied zur christlichen Feier wird hier das Religiöse ausgespart. Der Redner geht mehr auf die weltlichen Aspekte ein, auf die Erinnerungen, auf das, was die Menschen im Herzen tragen. 

Wird diese Form der Verabschiedung zunehmen?

Wenn ich mir die Entwicklung anschaue, wird das sicher vermehrt auf uns zukommen. Die jungen Menschen fehlen in den Kirchen, die Verwurzelung im Glauben ist weg. Dazu kommt der Priestermangel. Aber meiner Meinung nach verschwindet die Religion nicht komplett, es entsteht aber neuer Zugang zu ihr. 

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen ein Bestattungsunternehmen zu eröffnen? Üblicherweise sind das ja Familienbetriebe, die über Generationen weitergeführt werden.

Ich war vorher Lehrer und hatte sogar eine Stammrolle inne. Meine Frau und ich haben uns dann ganz bewusst dafür entschieden, eine Bestattungsfirma aufzubauen. Der Grund dafür war, dass wir beide bei Todesfällen in der Familie sehr schlechte Erfahrungen mit Bestattern gemacht haben. Wir sagten uns: Das kann es doch nicht sein, dass man sich so von einem Angehörigen verabschieden muss. Also haben wir beide einen sicheren Job aufgegeben und 2007 unser Unternehmen gegründet. Ich habe es nie bereut, obwohl es ein beinharter 24-Stunden-Job ist und man teilweise auch dramatische Situationen miterlebt. Ich nehme jedoch auch viel Gutes mit und ich erlebe die Dankbarkeit der Menschen, wenn man ihnen helfen und Trost spenden kann. 

Braucht es als Bestatter eine eigene Ausbildung?

Nicht direkt. Es braucht gewisse logistische und räumliche Voraussetzungen wie spezielle Fahrzeuge und Räumlichkeiten, die den Hygienevorschriften entsprechen. Ein Bestatter muss zudem eine verlässliche Person mit einem weißen Strafauszug sein. Empfehlenswert ist zudem eine Grundausbildung im medizinischen Bereich. Meine Frau und ich haben diese Ausbildung in Innsbruck absolviert. Zugute kommt mir dann zusätzlich mein Erziehungswissenschaften- und Psychologiestudium , weil ich ganz anders mit Trauerprozessen umgehen kann. 

Wie reagieren die anderen Menschen, wenn sie erfahren, dass Sie Bestatter sind? Nehmen sie Abstand?

Mit dieser Frage haben sich meine Frau und ich vor der Betriebsgründung beschäftigt. Aber es ist fast nie passiert. Wir machen eher die Erfahrung, dass uns mit Respekt begegnet wird und dass es gerade in der Arbeit mit den Angehörigen zu vielen positiven Begegnungen kommt.

Interview: Karin Gamper

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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