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Wo Südtirol hingeht

Forscher der Eurac Research und der Steinbeis-Hochschule haben eine Zukunftsstudie für Südtirol mit Fokus auf die Nachhaltigkeit durchgeführt. 

Um zu wissen, wie sich Märkte, Branchen und Gesellschaft entwickeln werden, arbeiten Unternehmen schon seit Jahren mit der sogenannten strategischen Vorausschau. Immer häufiger werden Zukunftsszenarien auch in der Städteplanung und Regionalentwicklung angewandt.

„Ziel der strategischen Vorausschau ist es nicht, die Zukunft vorherzusagen, sondern sich systematisch und wissenschaftlich fundiert mit verschiedenen Zukunftsszenarien auseinanderzusetzen, ebenso wie mit den damit verbundenen Chancen und Herausforderungen. Letztlich hilft uns die strategische Vorausschau, durch Handeln in der Gegenwart die Zukunft zu gestalten, die wir uns wünschen“, sagt Beiratsmitglied Heiko von der Gracht, Professor für Zukunftsforschung an der SIBE der Steinbeis-Hochschule, der den Projektprozess und die Methodik der Studie begleitet hat.

Als ersten Schritt befragten Forscher von Eurac Research ein interdisziplinäres Expertenteam dazu, welche wesentlichen globalen Entwicklungen, ihrer Meinung nach, eine alpine Region wie Südtirol in den nächsten 10 Jahren und mehr beeinflussen werden. Außerdem gaben die Experten – für ihr jeweiliges Fachgebiet – die kurzfristigen Herausforderungen in Zusammenhang mit der Covid-19-Krise an.

Zu den globalen Entwicklungen und Herausforderungen, welche die Ratsmitglieder nannten – Klimawandel, Urbanisierung, Migration, technologischer und demographischer Wandel sind nur einige davon – untersuchten die Forscher von Eurac Research daraufhin die Fachliteratur, analysierten dazu zahlreiche Zukunftsstudien sowie die entsprechende nationale und internationale Medienberichterstattung und durchforsteten Trenddatenbanken.

Ein Überblick über die möglichen Zukunftsszenarien für Südtirol

Die Szenarien wurden bildlich durch einen professionellen Zeichner in Illustrationen umgesetzt – wie in Wimmelbildern veranschaulichen sie das Leben in der entsprechenden Zukunft. Bei der Ausgestaltung der Szenarien berücksichtigten die Forscher neben der globalen Ebene folgende Bereiche: Gesellschaft, Gesundheit, Wirtschaft, Umwelt, Politik und Technologie. Die Szenarien beschreiben die Zukunftsbilder retrospektiv, so als würde die Südtiroler Bevölkerung aus dem Jahr 2030 zurückblicken.

Szenario I: Welt des regionalen Bewusstseins – „In der Tradition liegt die Stärke“

Im Jahr 2030: Die Covid-19-Pandemie hat den Wettstreit zwischen Nationen und geopolitischen Blöcken zugespitzt und zu einer generellen Verunsicherung und Polarisierung in der Bevölkerung beigetragen.

Viele Menschen in Südtirol verspüren ein ausgeprägtes Heimatgefühl und eine starke regionale Identität. Die soziale Sicherheit der eigenen Bevölkerung, gefördert durch eine gezielte Sozial- und Umverteilungspolitik, und der Schutz der heimischen Natur stehen im Zentrum der politischen Aufmerksamkeit. Über die letzten zehn Jahre hat ein radikaler Wandel stattgefunden, der in eine Art Abgrenzung vom „Außen“, eine Wendung hin zu „analogen Lebensweisen“ und eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte, Bräuche und (Familien-) Strukturen gemündet ist.

Szenario II:Welt des Neo-Kosmopolitismus – „Denke global, handle lokal”

Im Jahr 2030: Die Covid-19-Pandemie hat die Verletzlichkeit und Nicht-Nachhaltigkeit einer hyper-globalisierten und auf dauerhaftes Wachstum ausgerichteten Weltwirtschaft deutlich gemacht und zu einem radikalen Umdenken in Richtung sozial fairer und ökologisch nachhaltiger Produktions- und Lebensweisen beigetragen. Der Großteil der Menschen in Südtirol fühlt sich solidarisch mit der Weltgemeinschaft verbunden. Der Ausgleich sozialer und ökonomischer Ungleichheiten, eine partizipative Politik der Mitgestaltung sowie Klima- und Umweltschutz stehen ganz oben auf der politischen Agenda. In den letzten zehn Jahren hat ein tiefgreifender, struktureller Wandel stattgefunden, der zu einer tendenziell wachstumsneutralen Neuausrichtung in vielen Bereichen der Gesellschaft geführt hat. 

Szenario III:Welt der individuellen Freiheit – „Ich bin meines eigenen Glückes Schmied(in)”

Im Jahr 2030: Die Covid-19-Pandemie hat das Vertrauen in Marktmechanismen und in Wettbewerb als wichtigstes gesellschaftliches Ordnungsprinzip gestärkt. Die meisten Südtirolerinnen und Südtiroler legen Wert auf eine individuelle Handlungsfreiheit. Leistung und Eigenverantwortung gehören zu den bestimmenden gesellschaftlichen Leitprinzipien. Sie spiegeln sich in den zentralen wirtschaftspolitischen Maßnahmen wider: Privatisierungen, Deregulierung von Märkten und der Abbau bürokratischer Hürden. Diese und ähnliche Reformen wurden in den letzten zehn Jahren stark vorangetrieben. Sie haben zu einer Individualisierung und Beschleunigung der Gesellschaft und zu einem Aufblühen des Unternehmens- und Pioniergeistes beigetragen. Gleichzeitig kam es jedoch auch zu einem höheren Ressourcenverbrauch und noch stärker ansteigenden Emissionen.

Szenario IV: Welt der grünen Innovationen – „Es gibt für alles eine (technologische) Lösung“

Im Jahr 2030: Die Covid-19-Pandemie hat zu einer Intensivierung der internationalen Zusammenarbeit und des globalen Austausches von Information, Waren und Dienstleistungen geführt. Die meisten Menschen in Südtirol sind dank neuer Technologien und wachsender Kooperationsnetzwerken mit der Welt in einem „Global Village“ vernetzt. Wirtschaftswachstum, technologischer Fortschritt und Investitionen in Forschung und Bildung werden als wichtigste Instrumente zur Wohlstandssteigerung gesehen. Auch bei sozialen und ökologischen Herausforderungen wurden daher in den letzten zehn Jahren gezielt Maßnahmen ergriffen, die vor allem auf Innovation und Effizienzsteigerungen setzen und „grünes Wachstum“ fördern sollen.

„Unsere Aufgabe war es, mutige Zukunftsszenarien für Südtirol zu entwerfen. Nun haben wir die erste Phase unserer Arbeit abgeschlossen und ein breites Spektrum an Perspektiven und Handlungsoptionen für ein nachhaltiges Südtirol 2030 erarbeitet. Als nächsten Schritt werden wir Interessenvertreter im Land einladen, ihren Standpunkt und ihre Vorstellungen zur zukünftigen Entwicklung Südtirols in Richtung Nachhaltigkeit zu äußern“, sagt Harald Pechlaner, Wirtschaftswissenschaftler von Eurac Research und wissenschaftlicher Leiter der Studie. Um spezifischen Interessenund Bedürfnissen im Land gerecht zu werden, sollte am Ende nicht ein bestimmtes Szenario dominieren, sondern Elemente aus unterschiedlichen Szenarien kombiniert werden, die eine neue Zukunftsperspektive ergeben. Die Studie soll Denkanstoß für die nachhaltige Entwicklung Südtirols sein, die Weichenstellung dafür liegt jedoch in den Händen der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger.

Besonderes Augenmerk legten die Forscher auf eine Einschätzung, ob und in welchem Ausmaß die UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs – Sustainable Development Goals) innerhalb der einzelnen Szenarien erreicht werden können. „Es braucht einen gemeinsamen Maßstab, um die Anstrengungen für eine nachhaltige Entwicklung einzuordnen. Die 17 Ziele für eine nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen sind deshalb unser Maßstab, der die Südtiroler Fortschritte international vergleichbar machen soll. Auch bei diesem Projekt war es der Südtiroler Landesregierung deshalb wichtig, diesen Maßstab anzuwenden. Damit wir sofort erkennen können, welche Szenarien der nachhaltigen Entwicklung am besten dienen“, meint Landeshauptmann Arno Kompatscher abschließend.

Den gesamten Studienbericht, samt einer ausführlichen Beschreibung der Zukunftsszenarien und ihrer Dimensionen, Treiber, sowie den dazugehörigen Personas und der jeweiligen Einschätzung zur Erreichung der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) finden Sie hier:  https://bit.ly/3mfpc4g

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (2)

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  • emma

    die neuen màrchenschreiber; es wird einmal,

  • rumer

    Italien wird im Jahre 2100 nur noch 30 Millionen Einwohner haben. Somit ist die Zukunft von Südtirol vorgegeben: wir werden viele viele Schulden von Italien zahlen müssen. Die Steuern werden nochmals, gegenüber A und D, deutlich steigen. Jetzt gehen schon 30% unserer Jugend, in Zukunft werden noch mehr Junge Südtirol Richtung Norden verlassen.

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