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Beethoven – Religion – Freiheit

Quartett Esme (Foto: Siho Kim)

Das heurige Symposion von Musik und Kirche mit Konzerten von 9. bis 11. Oktober ist dem Thema „250 Jahre Ludwig van Beethoven – Religion – Freiheit“ gewidmet.

Ludwig van Beethoven lebte in einer Zeit großer Umbrüche und Veränderungen: die Französische Revolution forderte mit ihrem Leitspruch „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die christliche Religion wurde zum Teil von den Ideen des neuen liberalen Bürgertums abgelöst, die Musik als Funktion für Kirche und Unterhaltung ging in die „edle Tonkunst“ über. Beethoven war ein glühender Verehrer des Freiheitsgedankens und hatte ein neues Bewusstsein von der Aufgabe der Kunst. Es gelang ihm, sich als „Tondichter“ zu etablieren, der am Schluss nicht nur den Rang eines Fürsten, sondern den eines Königs beanspruchen durfte (Helmut Loos: Beethoven im Denkmal. Die Vergöttlichung eines Komponisten). Das neue Bürgertum baute für Beethoven den Konzertsaal. Dieser war der Ort, um seine Ideen vorzutragen, die Menschen aufzurütteln und zu ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen (Hans-Joachim Hinrichsen: Beethoven: Unabhängigkeit – Freiheit – Autonomie).

Beethoven wurde katholisch erzogen, war ein Kind des höfisch-feudalen Zeitalters und blieb mit seinen Repräsentanten zeitlebens in Verbindung (Mäzene). Beethoven war ein Suchender in den Spuren von Sokrates und Kant, aber auch beeinflusst von östlicher Weisheit, von christlich-religionsphilosophischen Gedanken. Viele Werke sind durchdrungen von Freiheit und Aufklärung bis zu Offenbarung und Weisheit. Neben den Messen sind es vor allem die späten Streichquartette und Klaviersonaten, die ins Transzendente weisen. Als sein ‚wichtigstes Werk‘ hat Beethoven die Missa Solemnis angesehen (Walter Meinrad: Beethoven – Transzendenz – Theologie).

Kunst war jahrhundertelang eng mit der Religion verbunden, Künstler schufen zur Ehre Gottes für die Kirche. Seit der Aufklärung sind Kunst und Kirche getrennte Wege gegangen. Die Kirche, aber beileibe nicht nur sie, hat ein Problem mit der Kunst. Genauer, sie hat ein Problem mit der Freiheit der Kunst, denn Kunst besteht nun einmal aus Regeln und Regelbrüchen. (Heinrich Schwazer: Die Freiheit der Kunst und die Kirche)

Dieses Symposion ist auch ein geeigneter Anlass sich mit beiden Messen, der C-Dur Messe und der Missa Solemnis, auseinander zu setzen. (Felix Diergarten: Schauervoll, pathetisch – wahre Kirchenmusik? Alte und neue Musiksprachen in Beethovens Messen).

Zu den Konzerten

Das preisgekrönte junge koreanische Frauenquartett Esmé spielt am Freitag das Quartett Nr. 3 von Alfred Schnittke, in dem der Komponist auch Bezug auf die Große Fuge op. 133 von Beethoven nimmt, weiters das Streichquartett in a-Moll op. 132 von Beethoven mit dem wunderbaren Molto adagio (Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit).

Beim diesem Beethoven-Symposion war die Aufführung der C-Dur Messe von Beethoven geplant. Aber Covid 19 hat dies verhindert. In ihrer Stelle gibt es am Samstag im Dom ein Klavierkonzert mit dem Pianisten Stepan Simonian. Auf dem Programm stehen Choralvorspiele von Bach / Busoni und die zwei letzten Klaviersonaten – op. 110 und 111 – von L. v. Beethoven. Der Pianist Lars Vogt schreibt über op. 111 „In der Arbeit an dieser Sonate habe ich so viel über das Leben, über Transzendenz und, wie ich finde, über Gott nachzuspüren gelernt wie in keinem anderen Werk.“

Der abschließende Gottesdienst am Sonntag wird heuer nicht nur von RAI Südtirol, sondern auch von den Regionalstudios des ORF direkt übertragen. Die Zelebration und Predigt übernimmt Pater Urban Stillhard OSB, den musikalischen Teil der Kammerchor Leonhard Lechner unter der Leitung von Tobias Chizzali.

 

Das Programm

Freitag, 9. Oktober, Cusanus Akademie Brixen: Eröffnung des Symposions

Referat: Meinrad Walter: Beethoven – Transzendenz – Theologie

Zu kaum einem Komponisten gibt es ähnlich viele Stimmen der Rezeption – aus allen nur denkbaren Bereichen – wie zu Beethoven. Das gründet in Beethoven selbst, der ein Suchender war: in den Spuren von Sokrates und Kant, aber auch beeinflusst von östlicher Weisheit von christlich-religionsphilosophischen Gedanken. Im heutigen „Konzert der Rezeption“ spielen philosophische und theologische Zugänge und Einsichten insbesondere dann eine Rolle, wenn sie nicht „im Allgemeinen“ bleiben, sondern sich konkreten mit konkreten Werken auseinandersetzen. Viele dann ins Spiel gebrachte Kategorien – von Freiheit und Aufklärung bis zu Offenbarung und Weisheit – scheinen im Willen zum Transzendieren zu kulminieren, der aus vielen Werken Beethovens spricht: eine weder liturgisch funktionale noch traditionell-geistliche, sondern vielmehr eine neue „spirituelle Musik“ (Hans Zender). Zu fragen ist, wie tragfähig solche Ansätze der Beethoven-Interpretation sind und ob sie ihrerseits in den Bereichen von Philosophie und Theologie inspirierend wirken können.

Prof. Dr. Meinrad Walter, geb. 1959; Studium der Theologie und Musikwissenschaft in Freiburg i. Br. Und München, nebenberuflich Kirchenmusiker in einer Schwarzwaldgemeinde. Promotion mit der Arbeit „Musik – Sprache des Glaubens. Zum geistlichen Vokalwerk von J. S. Bach“ (1994). Anschließend berufliche Tätigkeiten in Wissenschaft (Universität Freiburg), Journalismus (Südwestrundfunk) und Verlagswesen (Benziger Verlag, Zürich). Seit 2002 Referent im Amt für Kirchenmusik der Erzdiözese Freiburg, seit 2013 stellvertretender Leiter und Diözesanbeauftragter für das Gebet- und Gesangbuch Gotteslob. Zahlreiche Vorträge, Workshops, Programmtexte, Radiosendungen und Publikationen im Grenzgebiet von Musik und Spiritualität; Herausgeber von Geschenkbüchern für Musiker und Musikfreunde. Seit 2008 Dozent für Theologie/Liturgik am Institut für Kirchenmusik der Musikhochschule Freiburg; dort 2012 Ernennung zum Honorarprofessor. Buchveröffentlichungen: drei Bände mit Liedporträts zu alten und neuen Kirchenliedern (Verlag Herder), Musikalisch-theologische Einführung in J. S. Bachs Johannespassion (Carus-Verlag), Werkeinführung in J. S. Bachs Weihnachtsoratorium (Bärenreiter-Verlag), Bachs Kantaten als musikalisch-lutherische Bibelauslegung im Kirchenjahr (Verlag Katholisches Bibelwerk).

20.00 Uhr Dom: Esmé Quartett (Korea)

 Alfred Schnittke: Streichquartett Nr. 3

Beethoven: Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132

 

Alfred Schnittke: Streichquartett Nr. 3

Alfred Schnittke entstammt einer deutsch-jüdischen Familie und wurde in Engels an der Wolga geboren. Zwölfjährig kam er nach Wien, 1953-58 studierte er am Moskauer Konservatorium, 1962-72 lehrte er dort selber. Seit 1985 war er gesundheitlich stark beeinträchtigt. Gleichwohl übernahm er 1989 eine Kompositionsklasse in Hamburg, wo er bis zu seinem Tod meist lebte. 1990 erwarb er die deutsche Staatsangehörigkeit. Schnittke hat sich zunächst intensiv mit Bartók, Strawinsky und der 2. Wiener Schule auseinandergesetzt, später mit den modernsten Richtungen der neuen Musik. Wichtig war 1963 die Begegnung mit Luigi Nono in Moskau. Seinen Stil prägte seit Ende der sechziger Jahre die von ihm so bezeichnete Polystilistik. Er verstand darunter Rückgriffe in Zitaten oder Anspielungen auf andere Stilepochen und andere musikalische Bereiche. Er verwendet diese aber nicht in Form der Collage, sondern um eine Zusammenführung verschiedener musikalischer Schichten zu erreichen, indem er sie verfremdet, bricht und verbindet. Dies geschieht manchmal mit Ironie (Moz-Art-Serie), meist aber ernsthaft, etwa durch eine Art Hineinmontieren und intensives Verarbeiten der Anspielungen, so im 3. Streichquartett, einer Auftragskomposition der Gesellschaft für Neue Musik Mannheim. Es beginnt mit drei Zitaten: einer Kadenzfloskel aus Orlando di Lassos Stabat Mater (1582), dem Hauptthema von Beethovens Großer Fuge und den von Schostakowitsch öfters benutzten (10. Sinfonie, 8. Streichquartett) eigenen Initialen D-eS-C-H; dieses gleicht mit der aufsteigenden und fallenden kleinen Sekund den ersten vier Tönen von Beethovens Fugenthema. Aus diesem Material wird durchführungsmässig der Satz gestaltet. Als viertes Thema kommt eine Tonfolge mit Quart, Sekund und doppeltem Tritonus hinzu; man hat es als das Schnittke-Thema bezeichnet. Das gleiche Material, immer stärker variiert und aufgespalten, bestimmt den zweiten, scherzohaften Satz. Der heftigen Bewegung mit mehreren Steigerungen werden Phasen der Erstarrung gegenübergestellt. Der Pesante-Satz beginnt voller Pathos, dem sich wiederum Bewegungslosigkeit entgegenstellt. Die Zitatthemen und das 4. Thema tauchen wieder auf, allerdings meist nicht mehr selbständig, sondern in engem Beziehungsgeflecht. Zum Schluss erklingt im Pizzicato das DSCH-Motiv – und alles verklingt morendo.

 

  1. v. Beethoven: Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132

Das a-Moll-Quartett op. 132 komponiert 1825 und noch in diesem Jahr vom Schuppanzigh Quartett in Wien uraufgeführt, stellt die irritierenden Elemente im Spätstil Beethovens zurück gegenüber einer unmittelbar eingängigen Dramatik der Themen und des Formverlaufs. Eher unterschwellig kommen abstrakte Momente zum Tragen, so etwa in dem Viertonmotiv, das die langsame Einleitung in einem geheimnisvollen Kanon vorstellt und das dann auch dem Hauptthema des Allegros zugrunde liegt. Es handelt sich um eine Art „Motto“ der späten Quartette Beethovens, das bis hin zur Großen Fuge in immer neuer Gestalt wiederkehrt. Vagierende Sechzehntelläufe und Rückgriffe auf die Einleitung durchziehen das gesamte Allegro, das ansonsten ganz von seinem klagenden Hauptthema beherrscht wird. Marschartige Episoden und der fast schuberthafte Seitensatz wirken eher als Intermezzi in einem schmerzlich bewegten, fast in jeder Phrase „sprechenden“ Satz.

Der zweite Satz ist voll der satztechnischen Scherze, die auch andere Binnensätze der späten Quartette zeigen: zwei Motive bilden immer neue, mehr oder weniger ernst gemeinte kontrapunktische Kombinationen. Im Trio hat Beethoven dann sozusagen demonstrativ auf Anspruch verzichtet und ein lichtes Gesangs- und Klangstück über Trommelbässen geschrieben, in das unvermittelt eine bärbeißige Episode einbricht.

Höhepunkt des Quartetts ist der langsame Satz, der berühmte Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart. Es handelt sich um einen Choral, der nicht nur im Gebrauch des lydischen Kirchentons, sondern auch in der Satztechnik der alten Kirchenmotette und im Ganzen schwebend-gesanglichen Duktus an ein chorisches Gebet der alten Zeit denken lässt. Zwei „moderne“ Episoden unterbrechen den Dankgesang; „neue Kraft fühlend“, sind sie von Tanzrhythmen und den typischen Motiven des späten Beethoven geprägt. Nach dem vierten Satz, einem mehr als ironischen Marsch in A-Dur, folgt das Appossionato-Finale, das auf die drängend-bewegten Finalsätze der Romantiker (Schubert, Mendelssohn, Brahms) vorauszuweisen scheint.

Das Esmé Quartet, dessen Name sich vom altfranzösischen Begriff für «geliebt» oder «geschätzt» ableitet, wurde 2016 an der Kölner Musikhochschule von vier koreanischen Musikerinnen gegründet, die derzeit ihre Ausbildung bei Heime Müller in Lübeck fortsetzen. Schon bald sorgte das Ensemble bei internationalen Wettbewerben für Furore: Im Frühjahr 2018 gewann das Esmé Quartet den Ersten Preis und vier Sonderpreise bei der «Wigmore Hall International String Quartet Competition», im Herbst desselben Jahres wurde es mit dem HSBC-Preis bei der Académie du Festival d’Aix ausgezeichnet. Schon 2017 war es erfolgreich aus der Kammermusikkonkurrenz im norwegischen Trondheim hervorgegangen. Die vier Musikerinnen, die zunächst in Korea und später in Deutschland studierten, haben allesamt solistische Qualifikationen erworben, die sie nun in den Dienst des gemeinsamen Quartettspiels stellen. Wichtige Anregungen erhielten sie dabei in Meisterkursen mit András Keller und Eberhard Feltz, mit Günter Pichler und Gerhard Schulz vom Alban Berg Quartett, Christoph Poppen vom Cherubini Quartett und Jonathan Brown vom Cuarteto Casals. Das Esmé Quartet konzertierte in der Londoner Kirche St Martin in the Fields und auf Schloss Esterházy, beim Flagey Musiq’3 Festival in Brüssel, beim Festival d’Aix-en-Provence und beim Heidelberger Streichquartettfest. Im ersten Halbjahr 2019 absolvierten die vier eine Italien-Tournee mit Stationen in Modena, Camerino, Mailand, Neapel und Reggio Emilia; sie traten in Berlin und in Lübeck auf und stellten sich in Portugal sowie in der Lotte Concert Hall in Seoul vor. Im Herbst 2019 waren sie auf Gastspielreise durch Großbritannien und dabei auch in der Londoner Wigmore Hall.

Samstag, 10. Oktober, Cusanus Akademie Brixen: Referate

9.00 Uhr

Helmut Loos: Beethoven im Denkmal. Die Vergöttlichung eines Komponisten

„In seinem Christus im Olymp (1893 angefangen) […] sieht Klinger gleichsam das ‚dritte Reich‘, das Christentum und Heidentum eint, das Reich der Leiden und das Reich der Schönheit. Und der Rückwand des Prachtstuhles, auf dem Beethoven thront, hat Klinger ein Ähnliches eingebildet.“ So kommentierte Max Graf in Die Musik1902 die berühmte Beethovenausstellung im Ausstellungsgebäude der Wiener Secession. Die ikonographische Aussage von Max Klingers „Beethoven“ als Ideenkunstwerk war allgemein präsent. Beethoven wird in deutlicher Anlehnung an den Zeus des Phidias präsentiert und lässt Symbole von Antike (Venus Anadyomene) und Christentum (Golgatha) als These und Antithese auf der Rückseite seines Thronsessels hinter sich, damit ihre Synthese und Überwindung mit dem Komponisten als oberster Gottheit des neuen bürgerlichen, weiterentwickelten, höherstehenden Zeitalters demonstrierend. Die inhaltliche Aussage des Klingerschen Beethoven war auch im engsten Kreis der 1902 beteiligten Secessionisten offenbar präsent und konzeptionell leitend. Die einzelnen Kunstbeiträge sind wohl bekannt, sie erhalten aber damit eine innere Konsistenz, die überraschend sein mag.

Prof. em. Dr. Dr. h.c. Helmut Loos, eboren 1950; Studium der Musikpädagogik in Bonn (Staatsexamina), anschließend Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Bonn; 1980 Promotion, 1989 Habilitation. 1981 bis 1989 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Musikwissenschaftlichen Seminar der Universität Bonn. 1989 bis 1993 Direktor des Instituts für deutsche Musik im Osten in Bergisch Gladbach. Seit April 1993 Inhaber des Lehrstuhls für Historische Musikwissenschaft an der Technischen Universität Chemnitz, von Oktober 2001 bis März 2017 an der Universität Leipzig. 22.10.2003 Ernennung zum Professor honoris causa der Lyssenko-Musikhochschule Lemberg/L’viv. 2003 bis 2005 Dekan der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften der Universität Leipzig. 30.10.2014 Ehrendoktor der Universitatea Naţională de Muzică din Bucureşti.

 

10.00 Uhr

Hans-Joachim Hinrichsen: Beethoven: Unabhängigkeit – Freiheit – Autonomie

Ludwig van Beethoven gehört mit seinem Geburtsjahrgang 1770 zu jenen Künstlern und Intellektuellen, deren Jugend mit dem Aufstieg und dem Durchbruch der neuen Philosophie Immanuel Kants zusammenfiel. Es ist keine Übertreibung, wenn man diese schlagwortartig als eine erste konsequente Philosophie der Freiheit bezeichnet, und genau dieses Schlagwort kennzeichnet wohl auch am besten ihren immensen Einfluss auf die Generation Beethovens, Hölderlins oder Hegels. Sie alle teilen auf unterschiedliche Weise die jugendliche Prägung durch die neue Weltanschauung. Freiheit in diesem Sinne bezeichnet weniger einen politischen Begriff als vielmehr das Konzept eines neuen Selbstverständnisses: einer unabhängig von aller politischen, weltanschaulichen oder religiösen Bevormundung sich selbst das Gesetz des Denkens und Handelns gebenden Subjektivität. Was das für Beethovens Musik und ihre Wirkung genau bedeutet, soll im Vortrag genauer untersucht werden. Unabhängigkeit, Freiheit und Autonomie mögen auf den ersten Blick wie abstrakte Begriffe klingen; bei Beethoven werden sie aber zu sinnlich erfahrbarer Kunst. Deren unüberhörbarer Appell zur Mündigkeit ist häufig als kritisch und mitreißend, ihr idealistischer Optimismus aber auch nicht selten als ideologisch und affirmativ empfunden worden. Es scheint ihr dabei wirklich um Extreme zu gehen – kalt gelassen hat sie im Lauf ihrer Geschichte jedenfalls wohl fast niemanden.

 

Prof. em. Dr. Hans-Joachim Hinrichsen, geb. 1952, studierte Germanistik und Geschichte, anschließend Musikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er ist seit 1999 Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Zürich (Emeritierung im Februar 2018). Er ist korr. Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Beethoven-Hauses; außerdem Mitherausgeber der Periodika Archiv für Musikwissenschaftund wagnerspectrum. Wichtigste Forschungsgebiete: Musikgeschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts, Interpretations- und Rezeptionsforschung, Geschichte der Musikästhetik. Jüngste Buchpublikationen (Auswahl): Franz Schubert, München 2011 (22014,32019); Beethoven: Die Klaviersonaten, Kassel 2013; Bruckners Sinfonien. Ein musikalischer Werkführer, München 2016; Ludwig van Beethoven. Musik für eine neue Zeit, Kassel/Berlin 2019; gemeinsam mit Stefan Keym (Hrsg.): Dur versus Moll. Zur Geschichte der Semantik eines musikalischen Elementarkontrasts, Wien u.a. 2020

 

11.00 Uhr

Heinrich Schwazer: Die Freiheit der Kunst und die Kirche

Die Kirche, aber beileibe nicht nur sie, hat ein Problem mit der Kunst. Genauer, sie hat ein Problem mit der Freiheit der Kunst, denn Kunst besteht nun einmal aus Regeln und Regelbrüchen. Noch genauer: die Kirche hat ein Problem mit Bildern überhaupt, denn Bilder sind vieldeutig, sie lassen sich nie eins zu eins in eine Botschaft übersetzen. Umgekehrt hat auch die Kunst ein Problem mit der Kirche. Jahrhunderte lang war sie ihre wichtigste Auftragsgeberin, bis sie sich in der Zeit der Aufklärung von ihren adligen und geistlichen Auftraggebern löste und nach Freiheit und Unabhängigkeit strebte. Zur fast totalen gegenseitigen Entfremdung kam es in der Moderne, als die Avantgarde des 20. Jahrhunderts der Kunst neue Freiräume eroberte, mit denen die Kirche nichts nur nichts anfangen konnte, sondern sie sogar als einen gefährlichen Prozess der Auflösung von religiösen und gesellschaftlichen Grundwerten (miss-)verstand. Erst mit dem II Vatikanischen Konzil akzeptierte die Kirche die Autonomie weltlicher Sachbereiche und damit die grundsätzliche Freiheit von Kunst und Wissenschaft in nichttheologischen Bereichen.

Heute stehen sich zeitgenössische Kunst und katholische Kirche gleichgültig, skeptisch oder offen antagonistisch gegenüber. Die Kirche erscheint in der Perspektive der Kunst als veraltet, rigide, starr und antimodern. Die wichtigsten Bewegungen, Findungen und Strömungen der Kunst haben sich unabhängig von der Kirche und generell abseits der Religion entwickelt. Umgekehrt erscheint die Kunst in den Augen vieler Vertreter der Kirche als bedeutungsleer, bar jeder Ernsthaftigkeit, sogar offen blasphemisch. Der Vortrag beleuchtet diese Spannung und gegenseitige Exkommunikation und geht ihrer Vor-Geschichte auf den Grund.

 

Heinrich Schwazer, geboren 1959 in Mauls. Studium der Germanistik und Philosophie in Wien. Erste journalistische Arbeiten in Wien, danach in China, ab 1991 in Südtirol bei der Wochenzeitung FF, dem Wochenmagazin Südtirol Profil, ab 1996 Chefredakteur bei der „Die Neue Südtiroler Tageszeitung“, seit 2013 leitender Redakteur des Kulturressorts der Tageszeitung. Theaterstücke: Zingerle, Der Chauffeur, Franzensheim oder Du kannst von Glück reden, Nonmifido-Bunker, Agip-Nigeria, Bellermont. Bücher: Der Zingerle. Geschichte eines Frauenmörders (Raetia Verlag). Ötzis Leibarzt. Ötzi, Tutanchamun und andere Kriminalfälle. Heinrich Schwazer im Gespräch mit dem Pathologen Eduard Egarter Vigl (Raetia Verlag, 2017) . Zahlreiche Kunstkataloge und Beiträge für Kataloge. Kurator: DieWelt der Dinge (Kunst Meran), Arche (Festung Franzensfeste), Lockout (Festung Franzensfeste)

 

15.30 Uhr

Felix Diergarten:  Alte und neue Musiksprachen in Beethovens Messen 

Seit dem Barock gibt es Diskussionen darüber, inwiefern ältere Musiksprachen in mehrstimmiger Kirchenmusik verwendet werden dürfen, sollen oder müssen. Auch Beethovens Messen, insbesondere die Missa solemnis, wurden im Kontext dieser Diskussion komponiert und wahrgenommen. Aber was heißt das eigentlich genau: »alte Musiksprachen«? Wie lassen sie sich mit dem Anspruch verbinden, neue Musik zu schreiben? Sowohl die überlieferten Aussagen Beethovens als auch Kompositionslehren aus seinem Umfeld geben Stichworte für eine Analyse, die dieser Frage von der Graswurzel der Kompositionstechnik aus nachgeht. Manch Vertrautes erscheint da in neuem Licht. So wird der Blick auch auf die C-Dur-Messe gerichtet, die in der Diskussion um »alte« Musiksprachen im Schatten der Missa solemnissteht. Zurecht?

Prof. Dr. Felix Tiergarten: Nach einem Studium der Musik, einer Promotion in Musiktheorie, einer Habilitation in Musikwissenschaft und Dozenturen/Professuren an der Hochschule Luzern Musik und der Schola Cantorum Basiliensis ist Felix Diergarten heute Professor für Musiktheorie und Musikwissenschaft sowie Leiter des Instituts für Historische Aufführungspraxis an der Hochschule für Musik Freiburg. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Musik des 18. und 19. Jahrhunderts sowie der mittelalterlichen Musik.

18.00 Uhr, Dom Brixen

Stepan Simonian, Klavier

S. Bach / Ferruccio Busoni aus 10 ChoralvorspieleBV B27

Ludwig van Beethoven: Klaviersonate in As-Dur op. 110

Klaviersonate in c-Moll op. 111

 

Sonntag, 11. Oktober, 10.00 Uhr, Brixen, Dom

Gottesdienst : Zelebrant und Prediger: P. Urban Stillhard, OSB; Kammerchor Leonhard Lechner

 

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