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Die Karnische Krise

Das Sellajoch (Foto: Piero Gianolla)

Die Welt, wie wir sie heute kennen, hat ihren Ursprung vor 233 Millionen Jahren. Dies behauptet ein internationales Forschungsteam, in dem auch das Naturmuseum Südtirol vertreten war.

Die Welt, wie wir sie heute kennen, hat ihren Ursprung vor 233 Millionen Jahren. Dies behauptet ein internationales Forschungsteam, das einen Klimawandel in der Zeit des Karniums für eine Revolution in den globalen Ökosystemen und ein großes Massensterben verantwortlich macht. Dies brachte allerdings auch eine Phase der Diversifizierung mit sich, aus der die heute bekannte Welt entstand.

Im Forschungsteam vertreten war auch das Naturmuseum Südtirol.

Es kommt nicht oft vor, dass die Wissenschaft ein neues Massensterben identifiziert.

Gelungen ist dies kürzlich allerdings einem internationalen Forschungsteam.

Die Ergebnisse beschreiben die beteiligten Geologen und Paläontologinnen in einem heute in der renommierten Zeitschrift Science Advancesveröffentlichten Artikel. Darin sprechen sie von einem Ereignis, das die globalen Ökosysteme stark umgewälzt und bleibende Spuren in der Geschichte des Lebens hinterlassen hat. Das neu entdeckte Massensterben ereignete sich demnach vor etwa 233 Millionen Jahren und wird „Karnische Krise“ genannt. Dem von Jacopo Dal Corso der China University of Geosciences geleiteten Team gehörten unter anderem Evelyn Kustatscher, Paläontologin am Naturmuseum Südtirol und Forschende der Universitäten Padua und Ferrara, des CNR und des MUSE – Museo delle Scienze di Trento an.

Evelyn Kustatscher

Die Fachleute untersuchten Gesteine und Fossilien, die in jahrzehntelangen Geländearbeiten gesammelt wurden, führten Laboranalysen und Modellierungen aus, und rekonstruierten daraus ein vollständiges Bild der Ursachen, der Dynamiken und Auswirkungen der Karnischen Krise.

Was verursachte das Massensterben?

Die Ursachen stehen im Zusammenhang mit massiven Vulkanausbrüchen aus der Karnischen Periode in der magmatischen Provinz Wrangellia, wovon es heute noch Beweise in Westkanada und Alaska gibt. Diese Eruptionen schossen riesige Mengen an Treibhausgasen, wie Kohlendioxid in die Atmosphäre, was zu einer globalen Erwärmung führte. Diese Phase der globalen Erwärmung provozierte eine starke Niederschlagszunahme (daher die englische Bezeichnung „Carnian Pluvial Episode“), die Regenphase dauerte etwa eine Million Jahre. Dieser plötzliche Klimawandel führte zu einem gravierenden Verlust der Artenvielfalt in den Ozeanen und auf dem Festland, weshalb das Ereignis laut Dal Corso und seinem Team als eines der tiefgreifendsten Massensterben der gesamten Lebensgeschichte katalogisiert werden kann.

Die positive Seite

Unmittelbar nach diesem Ereignis traten neue Gruppen auf oder diversifizierten sich rasch, wie z.B. die Dinosaurier, was wiederum neue Ökosysteme entstehen ließ. „Eine der wichtigsten Auswirkungen der Karnischen Krise ist die Diversifizierung und Ausbreitung vieler moderner Tier- und Pflanzengruppen“, erklärt Evelyn Kustatscher, Paläontologin am Naturmuseum Südtirol, „Weder die typischen jurassischen und kreidezeitlichen Ökosysteme mit den Riesendinosauriern und Araukarien und Palmfarn-Wäldern, noch die heute bekannten Ökosysteme mit Schildkröten, Krokodilen, Eidechsen, Säugetieren und modernen Nadelbaum- und Farnwäldern hätten sich ohne diesen wichtigen Moment in der Geschichte unseres Landes jemals entwickeln können.“

Spuren des Massensterbens in den Dolomiten

Die Karnische Krise beeinflusste auch das Leben im Meer und die Chemie der Ozeane stark. Dies wird zum Beispiel in den Dolomiten dokumentiert, wo das Ereignis in der Morphologie der Landschaft ganz klar sichtbar ist, man denke nur an die berühmten Dolomitwände: Als die Riffe aufgrund der Karnischen Krise zusammenbrachen, lagerten sich weniger widerstandsfähige Gesteine ab, was man als Stufe sehr deutlich in unseren Bergen beobachten kann.

Die Ergebnisse der neuen Studie zeigen, dass sich das Massensterben im Karnium als wichtiger Motor für die Evolution des Lebens entpuppte. „Diese Krisen sind sehr komplex“, fügt Massimo Bernardi, Paläontologe am MUSE hinzu, „es ist schwer vorherzusagen, wer auf der Seite der Verlierer und wer auf der Seite der Gewinner stehen wird. Wer also, wie wir, mitten in einer neuen Klimakrise mit fortschreitendem Aussterben lebt, darf also hoffen, muss aber gleichzeitig auch sehr vorsichtig sein“.

Der Artikel von Jacopo Dal Corso, Evelyn Kustatscher und 15 weiteren Forschenden trägt den Titel „Extinction and dawn of the modern world in the Carnian (Late Triassic)“ (deutsch: Aussterben und Aufbruch der modernen Welt im Karnium (Spättrias)“ und erschien vor wenigen Tagen in der Zeitschrift Science Advances 6.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • george

    Guter Artikel und interessante Rückschlüsse. Nur, wer wird das von den Schreiberlingen, die hier herumgeistern, überhaupt lesen oder in ihrer Kurzsichtigkeit und Lernphobie verstehen, sollten sie es lesen.

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